History-Serie1873 - die Gründerzeit endet mit einem heftigen Crash

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Ein großer Teil der Geprellten aber fand außerdem eine altbewährte und noch simplere Erklärung: Die wahre Schuld an der Krise trügen die Juden. Schon seit Jahrhunderten waren die europäischen Christen ihnen wegen Jesus’ Kreuztod feindselig begegnet, nun sattelte das 19. Jahrhundert den „modernen“, den wirtschaftlichen Antisemitismus auf die religiöse Judenfeindschaft.

Tatsächlich waren in der Börsen- und Gründerwelt überproportional viele Deutsche jüdischen Glaubens zu Hause. Jahrhundertelang war nämlich den Juden in Europa praktisch jeder „christliche“ Beruf untersagt gewesen, vom Bauern bis zum Handwerker. Sie mussten Nischen für ihr Auskommen suchen und fanden sie etwa im Handel und Geldverleih. Als mit der Industrialisierung der moderne Kapitalismus aufblühte, nutzten die jüdischen Geschäftsleute die Chance – wie die christlichen Kapitalisten auch.

Mit solchen historischen Einordnungen aber hielten sich große Teile des Landes nicht auf. Für sie wurde „Börsenjude“ zum Synonym für „Börsenschwindler“. Der Jude war der -Hauptschuldige, „da er allen Idealen den Krieg erklärt, aus Allem eine Ware macht“ – so schrieb es der Publizist Wilhelm Marr, der in den Jahren nach dem Gründerkrach den Ausdruck „Antisemitismus“ erfand. Auch die „Staatsbürgerzeitung“ tönte: „Leider betrachtet das moderne Judenthum nach wie vor den rücksichtslosen Gelderwerb als einzigen Zweck seines Daseins.“ Otto Glagau, Nemesis des Gründertums, stimmte dem zu. Seine Folgerung: „Nicht länger dürfen falsche Toleranz und Sentimentalität, leidige Schwäche und Furcht uns Christen abhalten, gegen die Auswüchse, Ausschreitungen und Anmaßungen der Judenschaft vorzugehen.“

Der wirtschaftliche Antisemitismus, angereichert in den kommenden Jahren um den noch „moderneren“ Rassenantisemitismus, war das unselige Erbe, das Gründerkrach und Gründerkrise dem 20. Jahrhundert hinterließen.

Das Ende der Wildwest-Börse

Die allgemeine Befürchtung aber, dass der Einsturz des Kartenhauses die gesamte Wirtschaft des Deutschen Reiches in den Abgrund reißen würde, bewahrheitete sich nicht. Hauptopfer blieben die „Speculanten“, Verführer wie Verführte.

Zwar schlug die Krise durchaus auf die Realwirtschaft durch. Das allgemeine Lohnniveau etwa sackte um rund 20 Prozent ab. Aber: Die Boomjahre hatten den Warenausstoß überstimuliert, nun führte diese Überproduktion zu einem rapiden Preisverfall. Da die Lebenshaltungskosten stärker sanken als die Löhne, kamen Arbeiter, Angestellte und Beamte relativ glimpflich davon. Außerdem hielt eine Auswanderungswelle die Arbeitslosigkeit im Rahmen.

Trotzdem hatte der Liberalismus seine großen Verheißungen vom Wohlstand für alle nicht erfüllt, Fabrikarbeiter und Handwerksgesellen machten ihn für Entlassungen und Lohnkürzungen verantwortlich. Der kleine Mann sah sich um und entdeckte die Sozialdemokratie. Die Partei der „vaterlandslosen Gesellen“ wuchs, genau wie die Gewerkschaften und das Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse.

Selbst Reichskanzler Bismarck rückte schrittweise von den Nationalliberalen ab, die lange seine Verbündeten im Reichstag gewesen waren. Seine Hoffnung, dass das freie Spiel des Marktes auch das Proletariat mit materiellen Wohltaten ruhigstellen würde, hatte sich nicht erfüllt. Unter Bismarcks Führung griff der Staat wieder stärker ins Ruder: Das freizügige Aktiengesetz wurde gekippt, Schutzzölle eingeführt, der Gläubigerschutz verbessert. Bismarck bekämpfte zwar frontal die „gemeingefährlichen Umtriebe der Sozialdemokratie“. Aber gleichzeitig erreichte er mit der Einführung der gesetzlichen Sozial-, Unfall-, Alters- und Krankenversicherung die Grundsicherung – und die weitgehende Befriedung – der Arbeiter.

Die Zeit der Wildwest-Börse war abgelaufen. Das „Manchestertum“ wurde zu Grabe getragen. Auf seine Wiederauferstehung in neuem Gewande musste es über 100 Jahre warten.