History-Serie1873 - die Gründerzeit endet mit einem heftigen Crash

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Am 9. Mai 1873 krachte es an der Börse in Wien – hier ein zeitgenössischer Holzstich. Berlin blieb von der Pleite zunächst verschont. Aber nicht lange
Am 9. Mai 1873 krachte es an der Börse in Wien – hier ein zeitgenössischer Holzstich. Berlin blieb von der Pleite zunächst verschont. Aber nicht lange

Die Paläste standen bis zum Frühjahr 1873, dann krachte es in Wien. Im Windschatten des deutschen Gründerbooms hatte sich auch in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie der Aktienmarkt aufgebläht. Außerdem sollte im Mai in Wien die Weltausstellung eröffnet werden, der Optimismus war grenzenlos. Just zur Eröffnung der Weltausstellung aber ging die Franco-Ungarische Bank unerwartet pleite. Panik brach aus. Wem konnte man noch vertrauen? Wer war noch liquide? Die Kurse in Wien stürzten ab, Maklerbanken brachen zusammen. Im Börsensaal kam es zu Tumulten, zahlungsunfähige Finanzjongleure mussten über die Hintertreppe vor ihren erbosten Gläubigern flüchten. „Ehedem hochgefeierte Namen wurden gleich denen von Brandstiftern und Fälschern unter tausend Verwünschungen mit den scheußlichsten Prädicaten ausgezeichnet. Gründer und Gründerbanken mit allen Flüchen beladen, welche die deutsche Sprache auf dem Lager hat“, berichtete die „Deutsche Zeitung“ am 9. Mai 1873.

Die Nationalbank griff mit verzweifelten Stützkäufen ein und wollte mit einem Hilfsfonds den moribunden Finanzmarkt am Leben halten. (Was ihr auf die Dauer auch gelang. Allerdings nur, wie der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe schreibt, „auf niedrigem Niveau“.) Das konservative „Linzer Volksblatt“ empörte sich darum am 28. Mai: Jetzt, „wo das Papiergeld entwertet“ sei, müsse „das zahlende Volk, welches mit der Börse nichts zu schaffen hatte, mithelfen, damit sich die Börsenschwindler wieder erholen“. Das Lamento klingt vertraut.

Berlin schien anfangs zwar vom Wiener Crash wenig betroffen. Am anderen Ende der Welt jedoch braute sich neues Unheil zusammen.

Dividendenjauche

Bis 1873 war in den USA das Geschäft mit dem Eisenbahnbau glänzend gelaufen, finanziert mit viel Kapital von den Aktienmärkten – und noch mehr Optimismus. Gern besorgten sich die Eisenbahngesellschaften ihr Kapital über Anleihen, die später mit den erwarteten Gewinnen aus dem Betrieb der Strecken gedeckt werden sollten. Der allgemeine Glaube an den kommenden Goldregen ließ die Kurse in die Höhe schnellen.

Doch 1873 fingen die Geschäfte an zu stocken. Die Konstruktions- und Betriebskosten der Eisenbahnen stiegen stärker als erwartet. Die Kurse jedoch nicht mehr. Es kam zu Panikverkäufen, und im September 1873 brach in New York die bis dahin als äußerst solide geltende Bank Jay Cooke & Company zusammen, die vor allem Eisenbahnbau finanziert hatte. Ihr Ende löste eine Pleitewelle aus, die bald nach Europa schwappte. In das lukrative US-Railroad-Business hatte man auch hier heftig investiert. Allein an der Berliner Börse, dem heißesten Handelsplatz Europas, waren die Aktien von 26 US-Eisenbahngesellschaften auf dem Markt.

In Berlin geriet Anfang Oktober die Quistorp’sche Vereinsbank in Schieflage, bis dahin ja ein Vorzeigeunternehmen der Gründerzeitwirtschaft. Zwei Wochen später musste Heinrich Quistorp für die Bank und seine anderen Unternehmen Konkurs anmelden. Die Pleite war der erste Dominostein, der fiel. Die nächsten folgten schnell: Bald waren 700 der jüngst etablierten 900 Aktiengesellschaften am Ende, von den Maklerbanken musste die Hälfte aufgeben. Der Kurswert der überlebenden AGs halbierte sich fast von 4,5 auf 2,4 Mrd. Reichsmark.

Selbst für ein so nüchternes Blatt wie die „Berliner Gerichtszeitung“ übertrafen die Verheerungen des Börsenkrachs die aller Naturkatastrophen: „Gegen Elementarschäden gibt es schützende Versicherungen, für den von den Gründern angerichteten Schaden gibt es keine Entschädigung.“

Kurz darauf konnte die „Gerichtszeitung“ schon ein Opfer vermelden: „Der Rentner Riedel in Stralsund, ein daselbst allgemein geachteter Mann, hatte ein Vermögen von ca. 20.000 Thalern in Quistorp’schen Werthen angelegt und diese für 12.000 Thaler, welcher Summe er zum Ankauf von Ländereien bedurfte, bei einem dortigen Creditinstitute lombardiert. Da brach das faule Gebäude der Quistorp’schen Schöpfung zusammen und die Folge davon war, daß an R. die Aufforderung erging, die fast entwertheten Papiere gegen Barzahlung von 12.000 Thaler in Empfang zu nehmen. Dies zu thun, war der Aufgeforderte außer Stande, und am vorigen Freitag fand man den Unglücklichen in den letzten Zügen liegend, mit geöffneten Pulsadern im Stadtgraben.“