History-Serie1873 - die Gründerzeit endet mit einem heftigen Crash

Seite: 2 von 5

Anteils- und Lottoscheine

Heinrich Quistorp war Großunternehmer und leitete ein enormes Bauprojekt, durch das der Berliner Villenstadtteil Westend entstand. Dann gründete er eine Bank und 30 Aktiengesellschaften. In kürzester Zeit wurde er steinreich – und anschließend noch schneller bettelarm
Heinrich Quistorp war Großunternehmer und leitete ein enormes Bauprojekt, durch das der Berliner Villenstadtteil Westend entstand. Dann gründete er eine Bank und 30 Aktiengesellschaften. In kürzester Zeit wurde er steinreich – und anschließend noch schneller bettelarm

Quistorp war eigentlich nicht der Typ des halbseidenen Spekulanten. „Groß, breitschultrig und stark“, beschrieben ihn Zeitgenossen, „mit rotem, gesundheitsstrotzendem Gesicht und lachenden Augen, jovial und lebenslustig, derb und zupackend und gutmütig.“ Als Bauentwickler des neuen Berliner Stadtteils Westend war er wohlgelitten, als aufrechter Geschäftsmann der halbstaatlichen Preußischen Bank geachtet. Doch dann packte den strammen Protestanten das Fieber der Gründerzeit. Was für fantastische Möglichkeiten taten sich da auf! Quistorp rief seine „Vereinsbank“ ins Leben und gründete, gründete, gründete: Feilen-, Tabak-, Papier-, Waggon-, Fass-, Werkzeug-, Bau-, Fuhr-, Pferde-, Eisenbahn-, Brauerei-, Dampfschiff-, Bergbau- und Hüttengesellschaften. Kaum hatte er eine AG angeschoben, hob er mit dem eingesammelten Kapital eine weitere aus der Taufe. Den Ausdruck „Schneeballsystem“ kannte man noch nicht.

Quistorp schüttete 1871 eine Dividende von 15, ein Jahr später sogar von 19 Prozent aus und baute für sich und seine Frau eine neugotische Villa, die entfernt an Schloss Neuschwanstein erinnert. Sein atemberaubendes Tempo ließ keine Alarmglocken schrillen – im Gegenteil. Schätzte diesen modernen König Midas nicht auch die fromme Witwe des preußischen Königs? Unterstützte sie ihn nicht sogar finanziell? „Die Börse, welche sonst Niemandem, nicht einmal sich selber traut, hielt Quistorp für den leibhaftigen Bruder Grund-Ehrlich“, klagte Otto Glagau, Journalist und Schriftsteller. Glagau wurde zu einem der schärfsten Kritiker des Börsenbooms – später, nachdem der Gründerkrach auch ihn Geld gekostet hatte. „Die Quistorp’schen Werthe“, schrieb er erbost, „wurden von den Banquiers in der besten Absicht ihren solidesten Kunden als ‚hochfeine‘ Capital-Anlage empfohlen und mit Vorliebe von dem schlichten Bürgersmann genommen.“

Sie waren nicht die einzigen Papiere, auf die das Publikum hereinfiel. Ähnliches Glück verhießen Anleihen und Beteiligungen an „Fonds-Speculationen“. Sie lockten fast immer mit zweistelligen Kapitalerträgen. Besonders beliebt beim Kleinanleger waren „Antheilsscheine“, die neben der Rendite zur Teilnahme an Verlosungen berechtigten – etwa von Prämien „sämmtlicher in Österreich existirender Staats- und Privatanleihen“. Wer hier das große Los zog, konnte mit einigen Hunderttausend Gulden rechnen. Damit der brave Mann ja anbiss und nicht nach der Bonität der Anleihe fragte, durfte er schon nach Einzahlen der ersten Monatsrate an der Tombola teilnehmen. Nichts charakterisiert die Goldgräberära besser als dieser Zwitter aus Börsenpapier und Lottoschein.

In den beiden Jahren 1871 und 1872 verdoppelten sich die Aktienkurse an der Berliner Börse, und mit den Kursen stieg auch das Spekulationsfieber. Jeder konnte, jeder wollte reich werden! Es spekulierten erzkonservative Gutsbesitzer genauso wie penible Beamte. An der Wiener Börse, so klagte 1872 „Der Tresor“, sei es bereits so weit, „dass Laufburschen schwer zu bekommen sind, weil dieselben in dem Moment, wo man ihrer zur Verrichtung eines Botendienstes bedarf, eben mit eigenen Börsen-Operationen beschäftigt sind“. Witzblätter karikierten die unüberschaubaren Gründungen von Aktiengesellschaften der sonderlichsten Art. Die Satirezeitschrift „Der Floh“ etwa schlug kurz vor dem Crash eine „Zigarrenstummel-Verwertungsgesellschaft“ oder eine „Rettungsanstalt für verwahrloste Seelen marinierter Heringe“ auf Aktienbasis vor.

Die vage Ahnung, dass die schöne neue Gründerwelt auf Treibsand gebaut sein könnte – es gab sie durchaus. Eduard Lasker etwa, der Sprecher der wirtschaftsfreundlichen Nationalliberalen im Reichstag, nannte die Börse schlicht „eine Akademie für die straflose Umgehung der Gesetze“. Manchmal beschlich die Skepsis auch die Börsianer selbst. Das System konnte ja nur funktionieren, solange das Publikum an einen immerwährenden Boom mit hohen Kursgewinnen glaubte. Als „Palast der Prinzessin Mumpitz“ bezeichneten manche Börsianer ihre Börsen untereinander.