FilmfestivalCannes schminkt das Gesicht der alten Kinowelt schön

Festivalplakat in Cannes
Die Filmfestspiele in Cannes finden vom 14. bis zum 25. Mai stattdpa

Als wollte das Festival von Cannes, das heute an der Côte d’Azur beginnt, es noch einmal allen zeigen: Da war zuletzt derart viel von einem „Festival im Niedergang“ die Rede („The Hollywood Reporter“). Oder auch von einer Veranstaltung, „die sich schwertut, an ihre Glanzzeit anzuknüpfen“ („The Times“). Und wie um das Gerede hinwegzuwischen bieten nun die Verantwortlichen in Südfrankreich gleich in Reihe all das auf, was sie am besten können: Einen Großteil der Stars des klassischen Kunstkinos haben sie im Wettbewerb versammelt, als wäre jenes lebendig wie eh und je: Pedro Almodóvar, Quentin Tarrantino (mitsamt Leonardo DiCaprio, Brad Pitt und Margot Robbie im Gepäck), Jim Jarmusch, Ken Loach, die Dardenne-Brüder und so weiter: Gleich sieben der diesjährigen Festivalteilnehmer haben schon mal eine Goldene Palme gewonnen, man kann sich kaum an einen Jahrgang erinnern, in dem es derlei schon einmal gegeben hätte. Wenn nur einige von den Filmen halten, was die großen Namen versprechen, dann ist zumindest hohes Niveau im Programm garantiert.

Aber ist die Krise damit schon abgewehrt? Das Branchenblatt „Hollywood Reporter“ hatte im vergangenen Jahr aufgezählt, was es in Cannes alles nicht mehr gibt: Weniger Stars auf dem Roten Teppich, weniger Promotion-Zirkus auf der Croisette, praktisch keine Hollywood-Filme mehr im Programm und kaum noch Partys. Vor allem aber fehlten zunehmend die Art Filme, die Cannes großgemacht haben: Filme, die künstlerischen Wert und Publikumswirksamkeit miteinander verbinden, wie einst die Goldpalmengewinner „Taxi Driver“ (1976), „Pulp Fiction“ (1994), „Dancer in the Dark“ (2000). Besonders aus den USA kommen solche Filme aber immer weniger, was auch daran liegt, dass die großen Studios schon vor über zehn Jahren ihr Geschäftsmodell umgestellt haben: Sie produzieren heute insgesamt viel weniger Ware. Und wenn, dann Riesenproduktionen mit dreistelligen Millionenbudgets, die verlässlich sein müssen und daher auf bestehenden Marken aufbauen. Derzeit liefern sich gerade zwei solcher Mega-Blockbuster ein Duell an den Kinokassen: „Avengers: Endgame“ von Disney und „Pokémon – Meisterdetektiv Pikachu“ vom Konkurrenten Warner.

Für ästhetisch relevante Filme blieb neben all dem eher wenig Platz. Das zeichnet sich seit Jahren auch beim Oscar ab, dessen Nominierungsliste sich heute oft aus weniger publikumsträchtigen und kleineren Produktionen speist als früher. Und der für die Studios heute ebenso wenig mehr eine Referenz ist, wie eine Festivalteilnahme in Europa. Wenn die verbliebenen Oscar-Kandidaten dann bei einem der großen Filmfeste laufen, dann in der Regel nicht in Cannes oder Berlin, sondern in Venedig – weil das Festival mit seinem Termin im Herbst einfach günstiger liegt für das Oscar-Rennen. Die Entwicklung hat die Berlinale in eine latente Sinnkrise geführt. Und in Cannes führt sie zu dem mal mehr, mal weniger gelungenen Versuch, die alte Kinowelt zu beschwören und sie zu versammeln.

Die Stars drehen für die Streaming-Dienste

Dass all das nicht zu totaler Verödung und Massenarbeitslosigkeit bei anspruchsvollen Filmemachern geführt hat, liegt auch und vor allem an Netflix. Die Streaming-Revolution hat sogar eine neue Blütezeit für bestimmte Produktionen ausgelöst und unter den Produzenten und kreativen einen warmen Geldregen. Denn nicht nur Netflix kämpft mit immer mehr Eigenproduktionen um Abo-Zuschauer, sondern auch Amazon und neuerdings Apple. In diesem Jahr will Disney seinen groß angelegten Streamingsdienst starten, Warner und Comcast/NBC dürften kommendes Jahr folgen.

Also müssen besonders Netflix und Amazon weiter in eigene exklusive Stoffe investieren, um ihre Abonnenten zu halten. Altstar Martin Scorcese ging (mit seiner 125-Mio.-Dollar-Produktion „The Irishman“, die im Herbst startet) bei Netflix vor Anker, auch Spike Lee, Steven Soderbergh, Guillermo del Toro drehen jetzt für den Streaming-Anbieter. Leonardo DiCaprio und George Clooney sind beim Konkurrenten Hulu gebucht, Damien Chazelle und Steven Spielberg sind für Apples neue Streaming-Plattform aktiv. Alles Leute, die man in Cannes gern und oft umschmeichelt hat. Jetzt wird man hier auf ihre Filme vorerst verzichten müssen.

Cannes hat sich überschätzt

Denn in Cannes will man von Netflix und Co. nichts wissen. Vor zwei Jahren hatte das Festival zwei Netflix-Produktionen im Wettbewerb und erntete einen Aufstand vor allem der heimischen Filmbranche. Festivaldirektor Thierry Frémaux hat inzwischen eingeräumt, dass er deswegen kurz vor der Ablösung stand. „Ich hätte beinahe meinen Posten verloren“, sagte er dem Fachblatt „Screen Daily“. „Das war sehr heftig.“ Die Kinolobby, die im Aufsichtsrat des Festivals eine wichtige Stellung hat, setzte eine Regel durch, wonach in Cannes nur noch Filme gezeigt werden dürfen, die in Frankreich einen Kinostart haben – und in Frankreich schreibt ein (ebenfalls von der Kinolobby durchgesetztes) Gesetz vor, dass zwischen Filmstart und Streaming-Start 36 Monate liegen müssen. Schon vergangenes Jahr hatte Cannes das Nachsehen: Der bereits für den Cannes-Wettbewerb ausgewählte Alfonso-Cuarón-Film „Roma“ wurde – weil von Netflix produziert – wieder ausgeladen. Er lief in Venedig und gewann – ebenso wie bei den Oscars.

Inzwischen räumt Frémaux immerhin ein, Cannes sei „vielleicht übermäßig selbstsicher“ gewesen, als das Festival vor ein paar Jahren versuchte, mit Netflix anzubandeln. Man habe geglaubt, den Streaminganbietern auf lange Sicht die Regeln aufdrücken zu können, nach denen es vor der Streaming-Auswertung einen Kinostart geben soll. Diese Selbstüberschätzung, die in Cannes auch nach dem Clash in der Netflix-Frage herrscht, könnte das einzigartige Festival auf Dauer zerstören.

Pikant ist, dass über Frémaux und dem Festival mit Cannes-Präsident Pierre Lescure ein Mann steht, der einst selbst als Angreifer der Filmindustrie galt und die Produzenten zu früherer Freigabe ihrer Kinofilme drängte: Als einstiger CEO des Pay-TV-Betreibers Canal Plus kämpfte er um die Jahrtausendwende für schnellere TV-Präsenz von Kinoproduktionen. Über die Streaming-Revolution sagt er jetzt: „Wir bleiben wachsam weil das eine wesentliche Veränderung ist, die unser Verhalten verändern wird und in Zukunft mit neuen Playern noch mehr verändern wird.“ Bei der starren Regel mit 36 Monaten Abstand zwischen Kinostart und Streaming werde es kaum bleiben, das gibt auch Lescure zu. Und doch hält Cannes diese Regel hoch.

Der Filmmarkt hofiert die Streamingdienste

Gleichzeitig betonen die Verantwortlichen, dass sie mit Netflix und Konsorten im Gespräch blieben. Immerhin darf der dänische Regie-Stilist Nicolas Winding Refn („Drive“) außer Konkurrenz die Episoden 4 und 5 seiner Amazon-Serie „Too Old To Die Young“ zeigen. Und er gibt eine Masterclass über die Kooperation mit Streaming-Plattformen.

Und im Filmmarkt, dem kommerziell entscheidenden Teil des Festivals, werden die Einkäufer der Streamer natürlich wie eh und je umgarnt. Amazon und Netflix hatten bereits zu Jahresbeginn auf dem führenden Independent-Festival Sundance Rekordsummen ausgegeben und jetzt ist die Hoffnung natürlich groß, dass angesichts des anstehenden Verteilungskampfes die Kauflust weitergeht. Zu seinem 60. Geburtstag gründete der Markt die Sektion „Meet the Streamers“, um die Einkäufer der Plattformen mit Produzenten und Rechtevertrieben zusammenzubringen. „Die Plattformen haben jetzt ihr eigenes Cannes-Event“, jubelte die Festival-PR – und betonte, wie sehr inzwischen die Streaming-Anbieter zum „wesentlichen Teil der Branche“ geworden sind.

Aber eben nicht im Wettbewerb. Im Schaufenster des Festivals geht es um das schöne Bild, in dem das alte Kino immer weiterlebt. Dank der großen Namen könnte in diesem Jahr die Fassade sogar halten. Aber dass sie die Entwicklung stoppen können, dass behaupten nicht einmal mehr die Herren von Cannes.