FilmfestivalCannes schminkt das Gesicht der alten Kinowelt schön

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Cannes hat sich überschätzt

Denn in Cannes will man von Netflix und Co. nichts wissen. Vor zwei Jahren hatte das Festival zwei Netflix-Produktionen im Wettbewerb und erntete einen Aufstand vor allem der heimischen Filmbranche. Festivaldirektor Thierry Frémaux hat inzwischen eingeräumt, dass er deswegen kurz vor der Ablösung stand. „Ich hätte beinahe meinen Posten verloren“, sagte er dem Fachblatt „Screen Daily“. „Das war sehr heftig.“ Die Kinolobby, die im Aufsichtsrat des Festivals eine wichtige Stellung hat, setzte eine Regel durch, wonach in Cannes nur noch Filme gezeigt werden dürfen, die in Frankreich einen Kinostart haben – und in Frankreich schreibt ein (ebenfalls von der Kinolobby durchgesetztes) Gesetz vor, dass zwischen Filmstart und Streaming-Start 36 Monate liegen müssen. Schon vergangenes Jahr hatte Cannes das Nachsehen: Der bereits für den Cannes-Wettbewerb ausgewählte Alfonso-Cuarón-Film „Roma“ wurde – weil von Netflix produziert – wieder ausgeladen. Er lief in Venedig und gewann – ebenso wie bei den Oscars.

Inzwischen räumt Frémaux immerhin ein, Cannes sei „vielleicht übermäßig selbstsicher“ gewesen, als das Festival vor ein paar Jahren versuchte, mit Netflix anzubandeln. Man habe geglaubt, den Streaminganbietern auf lange Sicht die Regeln aufdrücken zu können, nach denen es vor der Streaming-Auswertung einen Kinostart geben soll. Diese Selbstüberschätzung, die in Cannes auch nach dem Clash in der Netflix-Frage herrscht, könnte das einzigartige Festival auf Dauer zerstören.

Pikant ist, dass über Frémaux und dem Festival mit Cannes-Präsident Pierre Lescure ein Mann steht, der einst selbst als Angreifer der Filmindustrie galt und die Produzenten zu früherer Freigabe ihrer Kinofilme drängte: Als einstiger CEO des Pay-TV-Betreibers Canal Plus kämpfte er um die Jahrtausendwende für schnellere TV-Präsenz von Kinoproduktionen. Über die Streaming-Revolution sagt er jetzt: „Wir bleiben wachsam weil das eine wesentliche Veränderung ist, die unser Verhalten verändern wird und in Zukunft mit neuen Playern noch mehr verändern wird.“ Bei der starren Regel mit 36 Monaten Abstand zwischen Kinostart und Streaming werde es kaum bleiben, das gibt auch Lescure zu. Und doch hält Cannes diese Regel hoch.

Der Filmmarkt hofiert die Streamingdienste

Gleichzeitig betonen die Verantwortlichen, dass sie mit Netflix und Konsorten im Gespräch blieben. Immerhin darf der dänische Regie-Stilist Nicolas Winding Refn („Drive“) außer Konkurrenz die Episoden 4 und 5 seiner Amazon-Serie „Too Old To Die Young“ zeigen. Und er gibt eine Masterclass über die Kooperation mit Streaming-Plattformen.

Und im Filmmarkt, dem kommerziell entscheidenden Teil des Festivals, werden die Einkäufer der Streamer natürlich wie eh und je umgarnt. Amazon und Netflix hatten bereits zu Jahresbeginn auf dem führenden Independent-Festival Sundance Rekordsummen ausgegeben und jetzt ist die Hoffnung natürlich groß, dass angesichts des anstehenden Verteilungskampfes die Kauflust weitergeht. Zu seinem 60. Geburtstag gründete der Markt die Sektion „Meet the Streamers“, um die Einkäufer der Plattformen mit Produzenten und Rechtevertrieben zusammenzubringen. „Die Plattformen haben jetzt ihr eigenes Cannes-Event“, jubelte die Festival-PR – und betonte, wie sehr inzwischen die Streaming-Anbieter zum „wesentlichen Teil der Branche“ geworden sind.

Aber eben nicht im Wettbewerb. Im Schaufenster des Festivals geht es um das schöne Bild, in dem das alte Kino immer weiterlebt. Dank der großen Namen könnte in diesem Jahr die Fassade sogar halten. Aber dass sie die Entwicklung stoppen können, dass behaupten nicht einmal mehr die Herren von Cannes.