KolumneBürokratie-Hydra RWE

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Auf dem griechischen Peloponnes hauste einst eine vielköpfige Schlange in den lernäischen Sümpfen, die Felder verheerte und ganz Schafherden verschlang. Wenn die furchterregende Hydra im Kampf einen Kopf verlor, wuchsen auf dem blutigen Stumpf sofort zwei neue Köpfe nach. Soweit die althellenische Mythologie. In der modernen Sagenwelt der deutschen Wirtschaft geht es ähnlich zu wie in den griechischen Feuchtgebieten: Furchtlose Manager enthaupten eine Abteilung nach der anderen, aber leider bleiben die bürokratischen Konzernstrukturen trotzdem wie sie waren. Man kann es in diesen Tagen wieder beobachten – beim angeschlagenen Stromriesen RWE in den Niederungen der Ruhr.

Der Konzern spart und spart und spart, wenn man seinen Ankündigungen glaubt. Nun sollen noch viel mehr Jobs wegfallen als bisher schon angekündigt, wie RWE letzte Woche erklärte. Denn die Strompreise sinken und sinken und sinken. Und deshalb bleibt in den Kassen des Unternehmens immer weniger Geld. RWE-Chef Peter Terium redet seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren unermüdlich über Kostensenkungen, vor allem durch den Abbau von Personal. In manchen Abteilungen mussten Leute gehen, aber in anderen Abteilungen stellte man sie offenbar gleichzeitig munter wieder ein.

Ende 2014 tummelten sich bei RWE 59.784 Beschäftigte, wie man im Geschäftsbericht nachlesen kann. Ende 2015 waren es immer noch 59.762 Mitarbeiter. Der ganze Sparerfolg Teriums im Personalbereich summiert sich also übers Jahr auf 22 Vollzeitstellen. Vor zehn Jahren lag die Mitarbeiterzahl nur geringfügig höher als heute – der Nettogewinn des Konzerns aber doppelt so hoch.

Muss erst Heracles bei RWE aufräumen?

Die Schwierigkeit, durch Personalabbau nachhaltig zu sparen, hängt nicht zuletzt mit der bürokratischen Konzernstruktur bei RWE zusammen. Gegen den heftigen Widerstand der kommunalen Aktionäre setzte Terium gemeinsam mit seinem damaligen Aufsichtsratschef Manfred Schneider zwar zwischenzeitlich eine Verwaltungsreform durch. Doch von einer schlanken Organisation kann nach wie vor keine Rede sein. Der Konzern verfügt über immerhin 32 Gesellschaften und 323 vollkonsolidierte Tochterunternehmen im In- und Ausland, hinzu kommen weitere 91 Beteiligungen. Mehrere Zwischenholdings, Regionalzentralen und Oberbereiche überlappen und behindern sich zum Teil gegenseitig.

Und durch die Ausgliederung des Zukunftsgeschäfts in die neue Gesellschaft RWE International SE, die an die Börse gehen soll, verkompliziert sich die ganze Struktur zunächst weiter. Die Bürokratiekosten steigen statt zu sinken. Gespart wird, wenn überhaupt, bei den Mitarbeitern im Blaumann.

In der griechischen Mythologie musste erst der Göttersohn Herakles ran, um die Hydra zu besiegen. Weil es mit dem Schwert allein bekanntlich nicht funktionierte, brannte der Sagenheld die Köpfe aus. Irgendwie verdichtet sich auch bei RWE ein ähnlicher Eindruck: Mit den alten Sparmethoden allein ist der Konzern wohl nicht zu retten. Vielleicht müssen wir auch in Essen auf einen neuen Helden warten.

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