BrexitNordirland: Im Klammergriff des Brexit

Im Hafen der nordirischen Stadt Kilkeel: Was die Fischer hier anliefern, wird meist in die EU oder den irischen Süden exportiert.
Im Hafen der nordirischen Stadt Kilkeel: Was die Fischer hier anliefern, wird meist in die EU oder den irischen Süden exportiert.Florian Thoss

Den Krebsen sieht man nicht an, aus welchem Teil der Irischen See sie kommen. Hunderte der Tiere liegen zappelnd vor der Sortiermaschine. Sie warten darauf, gewogen und schließlich schockgefrostet zu werden: „Minus 100 Grad Celsius, 14 Minuten“, erklärt Andrew Rooney.

Andrew Rooney verarbeitet im nordirischen Kilkeel Meeresfrüchte, die er auf beiden Seiten der inneririschen Grenze einkauft.
Andrew Rooney verarbeitet im nordirischen Kilkeel Meeresfrüchte, die er auf beiden Seiten der inneririschen Grenze einkauft.

Der Chef des nordirischen Unternehmens Rooney Fish, 45, rasierte Glatze, Seemannsbart, weiß nicht genau, woher diese Krebslieferung stammt. Bisher spielt es für ihn auch keine Rolle, ob die Ware in nordirischen oder irisch-republikanischen Gewässern gefangen wurde. Noch ist die Grenze zwischen beiden Inselteilen offen, noch muss Rooney keine Zölle zahlen, noch kann er seine Lastwagen ohne Grenzkontrollen in den Süden schicken, um den irischen Fischern ihre Scampi, Jakobs­muscheln, Taschenkrebse oder Hummer abzukaufen und sie im nord­irischen Fischerstädtchen Kilkeel zu verarbeiten.

Aber spätestens am 29. März 2019 um 23 Uhr Ortszeit wird alles anders. Dann ist Brexit. Die irischen Häfen werden zu einem anderen Wirtschaftsgebiet gehören als Kilkeel, die bisher unsichtbare inner­irische Grenze wird zur EU-Außengrenze. Andrew Rooney weiß nicht, ob sein Familienunternehmen dann noch eine Zukunft hat. „Wir importieren 90 Prozent unserer Rohware aus Irland“, sagt er. „Und von unseren Produkten verkaufen wir 60 bis 70 Prozent in die EU.“

Vielen Unternehmern hier macht der EU-Ausstieg Angst. 56 Prozent der Nordiren haben gegen ihn gestimmt. 30.000 Pendler am Tag und mehr als 250.000 Lkw im Monat queren derzeit die innerirische Grenze, von der unklar ist, wie sie nach dem Stichtag aussehen wird.

Der freie Grenzverkehr hat dem traditionell armen, landwirtschaftlich geprägten Nordirland beachtlichen Wohlstand beschert. Der gerät nun in Gefahr. Die Region könnte der große Verlierer des Brexit werden – nicht zuletzt, weil auf der Insel auch immer der wack­lige Frieden auf dem Spiel steht.

Das Wirtschaftswunder

Nordirland hat in den 90er-Jahren ein kleines Wirtschaftswunder erlebt. Als der EU-Binnenmarkt die Grenze zur irischen Republik aufweichte, blühte der Landstrich auf. Plötzlich war er kein abgelegener Außenposten mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen mehr, sondern Teil einer prosperierenden Insel.

Der Handel mit dem boomenden Süden wuchs, die EU finanzierte Straßen und Bahnverbindungen, die Arbeitslosigkeit im Norden sank von fast 13 auf heute 3,5 Prozent. Nordirlands Öffnung ist eine Erfolgsgeschichte. Auch wenn es in Kilkeel auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Es regnet quer an diesem Morgen. Windböen fegen durch Nordirlands größten Fischerhafen. Die meisten Boote hier sehen aus, als seien sie lange nicht benutzt worden. Nur auf einem zeigt sich Leben: Ein paar Seeleute inspizieren Netze.

Ein Fischerboot im Hafen von Kilkeel: Weil die EU hier immer neue Fangquoten einführte, stimmten viele Fischer für den Brexit.
Ein Fischerboot im Hafen von Kilkeel: Weil die EU hier immer neue Fangquoten einführte, stimmten viele Fischer für den Brexit.

Kilkeel war einst das Mekka der nordirischen Fischer. Eine Ausstellung im kleinen Stadtmuseum huldigt der guten alten Zeit, als man von einem Hafenende zum anderen quer über die Decks laufen konnte, so dicht drängten sich die Schiffe. An die 120 Boote brachten bis Anfang der 90er-Jahre oft reiche Beute ein: Hering, Kabeljau, Dorsch. Die Fischgründe vor der Küste gaben es her.

Doch nach vielen Jahrzehnten Ausbeutung waren die Bestände überfischt. Zum Schutz der Schwärme legte die EU immer neue Regeln fest: Fangquoten, Schonzeiten, Beschränkung der Tage auf hoher See, Mindestmaschenweiten für Netze. Viele ­Skipper gaben auf – und geben bis heute Brüssel die Schuld. „Taking back control!“ – bei kaum einer Berufsgruppe kam der Slogan der britischen Leave.EU-Kampagne so gut an.