ReportageWarum der stille Energieriese EPH auf die Kohle setzt

Das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe in der Lausitz gehört seit 2016 dem tschechischen EPH-KonzernStanislav Krupar

Das größte Phantom der deutschen Energiebranche sitzt hinter einer gediegenen, pfefferminzgrünen Gründerzeitfassade in Prags teuerster Einkaufsstraße. Der Eingang liegt zwischen Shops des deutschen Kofferherstellers Rimowa und des italienischen Luxusmodelabels Loro Piana. Neben der Tür hängen unscheinbare Schilder mit Firmennamen: EP Industries, Czech Media Invest, EPH.

Auch in den Büros mit ihren goldenen Tapeten erinnert optisch nichts an die Konzerntürme, in denen die klassischen Energieriesen residieren – eher an eine Mischung aus Vermögensverwalter und Start-up. Dabei ist die Energetický a Prumyslový Holding, meist nur kurz EPH genannt, ein wichtiges Unternehmen auf dem deutschen Strommarkt. Und das unsichtbarste. Im Frühjahr 2016 hat die Prager Holding die ostdeutsche Braunkohlesparte des Versorgers Vattenfall übernommen. Während andere Energiekonzerne und ganze Staaten nur raus wollen aus diesem billigen, aber schmutzigen Brennstoff für die Stromerzeugung, kontrolliert EPH mit seinen Töchtern nun fast die Hälfte der Braunkohleproduktion in Deutschland.

Seitdem der Großkonflikt um die Atomkraft befriedet ist, tobt in Deutschland eine neue Schlacht in der Energiepolitik – diesmal um die Kohle. Aktivisten stürmen Tagebaue wie früher AKW-Standorte. Einige Politiker wollen fossile Kraftwerke abschalten, weil das Land sonst seine Klimaschutzziele reißt. Andere warnen, dass die Lichter ausgehen, wenn die Politik einen schnellen Kohleausstieg durchsetzt. In Deutschland decken Braun- und Steinkohle immer noch rund 40 Prozent des Strombedarfs.

Die klassischen Versorger haben längst auf die unsichere Lage reagiert. Eon und RWE haben ihr Geschäft mit Kohle und Gas abgetrennt – in Firmen, die manche Analysten anfangs als „Bad Banks“ oder „Resterampen“ verspottet haben. Auch Vattenfall ist aus der Braunkohle geflüchtet. Doch zugleich lockt die unklare deutsche Energiepolitik Investoren an, die bei fossiler Energie noch gute Geschäfte wittern. Etwa den finnischen Energiekonzern Fortum, der Anfang des Jahres Eons 47-Prozent-Aktienpaket an der Abspaltung Uniper übernommen hat. Vor allem aber EPH.

Im April 2016 übernahm der tschechische Konzern vier Tagebaue und drei Braunkohlekraftwerke in der Lausitz, die zu den größten CO2-Sündern des Landes gehören – vier Monate nachdem die Bundesregierung auf der Pariser Klimakonferenz die Emissionsziele für 2030 unterschrieben hat. Dabei ist klar, dass der CO2-Abbau nur mit deutlich weniger Kohlestrom funktioniert – und dass die Pariser Klimaziele völkerrechtlich verbindlich sind, anders als die nationalen Ziele für 2020, die die Große Koalition gerade gekippt hat. Was also hat EPH in Deutschland vor? Ist die Firma ein „windiger Investor“, wie die Umweltorganisation Greenpeace behauptet?

Jan Špringl kam 2003 von der tschechischen Finanzaufsicht zu einem EPH-Vorläufer. Heute ist er die Nummer zwei im Konzern (Foto: Stanislav Krupar)

Es ist ein Montag Mitte November, in Berlin beginnt gerade die letzte Woche der Jamaika-Sondierungen, bei denen es auch um die Zukunft der Kohle geht. In einem Konferenzraum der Prager Firmenzentrale sitzt EPH-Vorstand Jan Špringl etwas angespannt unter einem Kristallleuchter und sagt: „Wir haben die strategischen Stärken der Braunkohle verstanden.“ Špringl, ein drahtiger 39-Jähriger, ist bei EPH die Nummer zwei, eng befreundet mit Mehrheitseigentümer Daniel Křetínský, der so gut wie nie Interviews gibt. Auch Špringl hat hier am Firmensitz noch keine ausländischen Journalisten zum Gespräch empfangen. Der größte Energiekonzern Mitteleuropas scheut die Öffentlichkeit. Selbst den meisten Tschechen ist der Name EPH kein Begriff.

Warum also Braunkohle? Der EPH-Manager holt zu einer langen Antwort aus, fast gerät er ins Schwärmen: Strom aus heimischer Braunkohle gewährleiste eine unabhängige Energieversorgung, sei kostengünstig und sichere viele Jobs, weil der Tagebaubetrieb sehr arbeitsintensiv sei. „Die Energiewende in Deutschland ist grundsätzlich eine großartige Idee“, sagt Špringl. Aber in der Transformationsphase spiele die Kohle eine wichtige Rolle, eine große Volkswirtschaft wie die deutsche dürfe keinesfalls ihre Energieversorgung aufs Spiel setzen. „Die Kohle wird noch 20 bis 30 Jahre gebraucht“, sagt der EPH-Vorstand. „Auch in Deutschland.“ Und in anderen europäischen Ländern liege der Anteil fossiler Energiequellen sogar noch bei 80 Prozent.

Wette gegen die Energiewende

Seit einigen Jahren kauft EPH daher Gas- und Kohlekraftwerke, die andere loswerden wollen: von Eon in Italien, von Centrica in England, von Vattenfall in Deutschland – und zuletzt von RWE in Ungarn. Die Strategie ist überall die gleiche: günstig zuschlagen und auf steigende Strompreise hoffen. Oder zumindest auf Entschädigungen, falls Regierungen das Kohlegeschäft vorzeitig beenden.

Jan Ondrich, ein unabhängiger Prager Energieanalyst, der internationale Energiekonzerne bei Investments in Mitteleuropa berät, bezeichnet die Strategie des Unternehmens als „Wette“: EPH spekuliere darauf, dass die Preise für CO2-Zertifikate, die die Betreiber fossiler Kraftwerke vorhalten müssen, niedrig bleiben – und dass die Energiewende in Deutschland nicht laufe wie geplant. „Als Geschäftsmodell kann das genauso gut funktionieren wie eine Wette auf den Erfolg der erneuerbaren Energien“, sagt Ondrich. „Wer richtig liegt, wird erst die Zeit zeigen.“

EPH-Eigentümer Daniel Kretínský zeigt sich selten in der Öffentlichkeit. Für einen Fototermin mit Capital macht der Milliardär eine Ausnahme (Foto: Stanislav Krupar)

Innerhalb weniger Jahre haben Kretínský, 42, und Špringl aus EPH ein fossiles Imperium geformt, das von der Slowakei über Ungarn bis nach Italien und England reicht. 2016 lag der Umsatz bei 5 Mrd. Euro, der operative Gewinn bei 1,7 Mrd. Euro – das Nettoergebnis wird nicht offiziell kommuniziert. Heute gehören zur Holding mehr als 40 Firmen, die ihr Geld mit Gas, Strom, Wärme, Bergbau und Atomkraft verdienen und 25.000 Mitarbeiter beschäftigen – davon allein 10.000 in Deutschland.

Teil von Kretínskýs Firmenreich sind neben EPH auch der Fußballclub Sparta Prag und „Blesk“, die größte Boulevardzeitung des Landes. Mit Tschechiens Premierminister Andrej Babiš und dessen Unternehmensgruppe liefert er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die führende Rolle auf dem tschechischen Medienmarkt. Das US-Magazin „Forbes“ schätzt Kretínskýs Vermögen auf 2 Mrd. Dollar.

Doch in der Öffentlichkeit bleibt der scheue EPH-Chef, den Wegbegleiter als genialen Strategen und Spekulanten beschreiben, weitgehend unsichtbar. Vor Kurzem hat er sich einen Anteil an einer Malediven-Insel gekauft, auf der er mit seiner Familie ungestört Urlaub machen kann. „Er wirkt wie ein großer Junge, der seine Doktorarbeit in Mathematik oder Informatik schreibt“, sagt einer, der mit ihm verhandelt hat. Selbst in Kretínskýs rumpelkammergroßem Büro unter der Dachschräge findet sich kaum Persönliches – nur ein Foto seines Sohnes auf dem blitzblanken Schreibtisch und ein echtes Gemälde von Kokoschka an der Wand daneben. Für ein Foto lässt sich Kunstfan Kretínský an einem anderen Tag kurz blicken. Reden will er nicht.

„Daniel war immer schon das Mastermind dieser Show“, sagt EPH-Vorstand Špringl, der nach seinem BWL-Studium zuerst bei der tschechischen Börsenaufsicht anfing, als Spezialist für Firmenbewertungen und M&A-Deals. Im Jahr 2003 holte Křetínský seinen heutigen Chef für das operative Geschäft zu J&T, einen slowakischen Finanzinvestor, aus dem EPH 2009 hervorgegangen ist. Damals bestand das Team aus zehn Leuten. Fast alle waren unter 30, viele von ihnen kamen von der Börsenaufsicht.

Das erste gemeinsame Geschäft von Křetínský und Špringl war die Übernahme einer Gummifirma, der auch die berühmteste Kondommarke des Landes gehörte. „Wir waren eine Gruppe von Freunden, die versucht hat, Geschäfte zu entwickeln“, sagt Špringl. Damals habe man das Business noch im „Private-Equity-Style“ geführt: unterbewertete Firmen identifizieren, kaufen, sanieren – und dann zügig Kasse machen.

Dubiose Deals in der Vergangenheit

Noch aus der frühen Zeit von J&T und seinen beiden slowakischen Gründern stammt auch das Image, das EPH bis heute anhängt: als Investor mit undurchschaubaren Eigentümerstrukturen, der unter fragwürdigen Umständen von der Privatisierung heimischer Energiefirmen profitierte. Damals habe es „dubiose Deals“ gegeben, etwa mit dem staatlichen Energiekonzern ČEZ, sagt der Prager Analyst Ondrich. „Heute verhält sich EPH wie ein normales Energieunternehmen.“

Internationale Großbanken finanzieren die aggressive Expansion mit hohen Krediten, zudem hat EPH börsengehandelte Bonds aufgelegt. Ende 2016 stieg ein Konsortium um die australische Investmentbank Macquarie mit 30 Prozent bei der Infrastrukturtochter EPIF ein – für einen Milliardenbetrag. Dagegen sammelt EPH kein Eigenkapital von externen Anlegern ein – anders als ein Finanzinvestor.

Die EPH-Zentrale in Prag liegt versteckt in einer Einkaufsstraße – ohne großes Firmenschild, dafür direkt neben schicken Modelabels (Foto: Stanislav Krupar)

Schlag für Schlag kauften erst J&T und später EPH Firmen und Vermögenswerte aus der Energiebranche. Erst in der Slowakei und Tschechien, dann in einem halben Dutzend anderen Ländern: den slowakischen Gasnetzbetreiber Eustream, der russisches Gas über die Ukraine in die EU transportiert, Bergwerke in Polen, eine Fernwärmefirma in Budapest, Kohle- und Gaskraftwerke in Italien und England. Auch an einem slowakischen Atomkraftbetreiber ist die Gruppe beteiligt. Heute gehören EPH in Europa mehr als 30 Kraftwerke, die weit mehr als 100 Terawattstunden Strom produzieren – rund ein Sechstel des gesamten Jahresverbrauchs Deutschlands.

Für alle seine Beteiligungen fungiert EPH nur als Dachgesellschaft. Die Holding hat keinen eigenen Markenauftritt und keinen Kundenservice, das Tagesgeschäft überlässt sie den übernommenen Firmen. „Die Leute vor Ort wissen am besten, wie das Business funktioniert“, sagt Vorstand Špringl. Trotzdem wuchs mit dem Konzern auch das Team: 150 Leute sind es heute – auch wenn der Kern der Mannschaft noch derselbe ist. Beim Gang durch die Büros sieht man viele Männer um die 30, die mittags Fertigessen in der Mikrowelle aufwärmen. Die nächsten Deals warten schon. Auch eine neue Unternehmenszentrale auf dem Gelände von Sparta Prag ist geplant – finanziert aus dem freien Cash Flow, der zuletzt bei 1 Mrd. Euro lag.

Bereits vor dem Vattenfall-Deal hatte sich EPH auch in Deutschland eingekauft. 2009 und 2011 übernahm das Unternehmen in zwei Schritten die Kohlegruben des drittgrößten deutschen Braunkohleförderers Mibrag im mitteldeutschen Revier. „Wir haben großen Hunger auf Investitionen“, sagte Kretínský in einem seiner seltenen Interviews. „Im Blick haben wir vor allem die Braunkohle. Aus wirtschaftlichen Gründen ist besonders Deutschland interessant.“ Wie Křetínský glauben viele Tschechen, dass der große Nachbar eine dumme Energiepolitik betreibt, weil er die günstige Kohle als Energiequelle schwächt – und damit auch die Kohleindustrie zu einem Übernahmeziel macht.

Das Kalkül der EPH-Strategen könnte aufgehen. Seitdem hierzulande die Atommeiler schrittweise vom Netz gehen, profitiert im Musterland der Energiewende ausgerechnet der größte Klimakiller: alte, abgeschriebene Braunkohlemeiler, die praktisch rund um die Uhr durchlaufen. Die saubereren Gaskraftwerke, die als Back-up für den schwankenden Sonnen- und Windstrom gedacht waren, werden oft nur wenige Stunden im Jahr abgerufen, weil sie deutlich teurer sind. Neue Gaskraftwerke, die für die Zeit nach dem Atomausstieg im Jahr 2022 gebraucht werden, will deshalb derzeit kaum jemand bauen.

Doch selbst wenn die Große Koalition mithilfe einer Kohlekommission, die in diesem Jahr eingerichtet werden soll, einen schnelleren Ausstieg beschlösse, würde EPH wohl nicht leer ausgehen. Sollten Meiler mit gültiger Betriebserlaubnis kurzerhand abgeschaltet werden, müssten die Eigentümer entschädigt werden – so wie bei der 2015 vereinbarten Sicherheitsbereitschaft für acht ältere Braunkohleblöcke. Deren Betreiber RWE sowie zwei EPH-Töchter erhalten über mehrere Jahre insgesamt 1,6 Mrd. Euro dafür, dass die Meiler stillgelegt werden – bezahlt von den Stromkunden.

Gut möglich ist auch, dass die Diskussion über das Modell eines sogenannten Kapazitätsmarkts neu entbrennt. Dabei werden die Betreiber von Kraftwerken bereits dafür bezahlt, dass sie fossile Anlagen für Engpässe betriebsbereit halten. Als „Hartz IV für Kraftwerke“ hatte Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dieses Modell vor einigen Jahren abgetan. Doch es könnte sich herausstellen, dass Unternehmen ohne solche Anreize zu wenig und vor allem zu spät in die benötigten neuen Gaskraftwerke investieren. Der Branchenverband BDEW warnt deshalb bereits vor einer „massiven Unterdeckung“ bei der wetterunabhängigen gesicherten Leistung ab 2023.

Ein Kapazitätsmarkt sei für EPH „die ultimative Wette“, sagt Analyst Ondrich. „Dann kann das Braunkohlegeschäft eine Cashcow werden.“

Excel statt Powerpoint

Helmar Rendez ist seit 2016 Chef der deutschen EPH-Tochter Leag. Der langjährige Vattenfall-Manager soll die Firma wieder profitabel machen (Foto: Stanislav Krupar)

Das Kraftwerk Schwarze Pumpe im Lausitzer Revier. Helmar Rendez steht mit einem Helm mit Namensschild in der Hauptwarte und schaut zufrieden auf die Monitore. Es ist ein dunkler Novembertag, keine Sonne, kaum Wind – jetzt lässt sich mit dem billigen Kohlestrom aus weitgehend abgeschriebenen Kraftwerken richtig Geld verdienen. „Wir haben gerade gute Preise am Spotmarkt“, sagt der Chef der EPH-Tochter Leag. „50 Euro die Megawattstunde.“ Die beiden 800-Megawatt-Blöcke fahren Volllast. Fast jede zehnte Kilowattstunde in Deutschland kommt aus den drei Leag-Meilern Schwarze Pumpe, Jänschwalde und Boxberg in der Lausitz.

16 Jahre lang hat Rendez für Vattenfall gearbeitet – als „Diener der schwedischen Krone“, wie er gerne scherzt. Als einziger Deutscher saß er im Konzernvorstand. Jetzt dient Rendez tschechischen Investoren, die alle etwa 20 Jahre jünger sind als er. „Unglaublich sportlich, leistungsorientiert und entscheidungsfreudig“ seien die EPH-Leute, sagt Hobby-Triathlet Rendez. „Wie im Sport verlangen die, dass wir auch harte Trainingseinheiten mitgehen können.“ Špringl und seine Kollegen fragten nach Details, hörten zu, wollten das Geschäft verstehen. „Die wollen kein Powerpoint sehen. Die sind mehr an Excel interessiert.“

Bei den Gesprächen mit Kaufinteressenten seien die EPH-Manager „am besten vorbereitet und am tiefgründigsten informiert“ gewesen, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber, der den jahrelangen Verkaufsprozess eng begleitet hat. „Aber natürlich ist das ein Investment, mit dem sie Geld verdienen wollen.“ In interne Unterlagen zum Verkaufsprozess, in denen die Interessenten aufgelistet sind, haben Gerbers Beamte hinter dem Namen EPH einmal notiert: „wird sehr preissensitiv sein“. Leag-Chef Rendez lässt derzeit alle Verträge mit Zulieferern überprüfen, um Kosten zu drücken. Ab 2018 will er wieder schwarze Zahlen schreiben.

Zehn Jahre lang hatte Rendez’ früherer Arbeitgeber Vattenfall mit der ostdeutschen Braunkohle prächtig verdient. Doch ab 2011 stürzten die Strompreise dramatisch ab, zuletzt war die Sparte mit 8000 Mitarbeitern hoch defizitär. Zudem drang der Eigentümer des Staatskonzerns auf den Ausstieg. Die schwedische Regierung will Vattenfall zu einem grünen Energieversorger machen. Dazu passt es nicht, dass die Meiler in der Lausitz mehr CO2 in die Luft pusten als ganz Schweden.

Im April 2016 erhielt EPH von Vattenfall den Zuschlag. Für den Deal hatte sich die Holding mit PPF Investments zusammengetan, einer Finanzfirma aus dem Umfeld des tschechischen Milliardärs und langjährigen Křetínský-Geschäftspartners Petr Kellner, der bis 2014 Miteigentümer von EPH war. Als Mitgift stattete Vattenfall die Sparte mit erheblichen Barmitteln aus. Anfangs genannt wurde öffentlich stets ein Volumen von 1,7 Mrd. Euro. In Vattenfall-Unterlagen wird das gesamte „Absicherungspaket“ für die Jahre 2016 bis 2019 sogar auf „knapp 2 Mrd. Euro“ beziffert. Im Gegenzug übernahmen EPH und PPF sämtliche Verpflichtungen für die milliardenteure Rekultivierung der Kohlegruben. Zudem verzichteten die Käufer drei Jahre lang auf Dividenden.

Der bislang größte Deal in der Unternehmensgeschichte war ganz nach dem Geschmack von Kretínský, des strategischen Spekulanten an der EPH-Spitze: Der Vorbesitzer wollte unbedingt verkaufen, am Ende gab es nur einen Mitbieter, weil Interessenten wie ČEZ und ein Konsortium von Macquarie und dem Essener Steinkohlekonzern Steag ausstiegen. Der Kaufpreis sei wegen der hohen politischen Risiken der Braunkohle „symbolisch“ gewesen, sagen Insider. Und auch das Timing war optimal: Bei Vertragsabschluss lag der Großhandelspreis für Strom auf einem Tiefstand von unter 22 Euro pro Megawattstunde. Seitdem ist er um mehr als 60 Prozent gestiegen.

Der Tagebau Welzow-Süd ist mit einer Förderung von rund 20 Mio. Tonnen Braunkohle pro Jahr der größte im Lausitzer Revier (Foto: Stanislav Krupar)

Am Tagebau Welzow-Süd südlich von Cottbus pfeift ein eisiger Wind. Vom Rand der Grube aus wirken die Bagger in 100 Metern Tiefe wie Legoautos, nur die riesige Förderbrücke lässt die gewaltigen Dimensionen erahnen. Etwa 20 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr werden hier im größten Tagebau der Lausitz, der sich seit dem Beginn des Kohleabbaus in den 60er-Jahren tief in die Landschaft gefressen hat, aus dem Boden geholt – mehr als jede neunte in Deutschland geförderte Tonne. Per Bahn wird die Kohle in die Leag-Kraftwerke Schwarze Pumpe, Jänschwalde und Boxberg transportiert. Auf Infotafeln, auf denen mit Pfeilen die Entfernungen zu wichtigen Punkten des Reviers angegeben sind, findet sich nun auch der Hinweis „EPH / Prag 170 Kilometer“.

Mit dem Vattenfall-Deal tauchte EPH schlagartig auf dem Radar der Öffentlichkeit auf – und rief sofort Kritiker auf den Plan. Die Grünen werfen dem Konzern vor, er wolle kurzfristig Rendite aus der Kohle pressen, die Folgekosten des Bergbaus aber später auf den Steuerzahler abwälzen. Sie fürchten, dass EPH die Leag in die Insolvenz führen oder sich durch Umstrukturierungen aus der Haftung stehlen könnte. Nach heutigem Stand müsste die Holding in Prag nicht für ihre Tochter haften.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace, die die Braunkohlesparte selbst übernehmen und dann abwickeln wollte, aber damit bei Vattenfall abblitzte, hat in zwei „Schwarzbüchern“ Auffälligkeiten aufgelistet: intransparente Strukturen des Bieterkonsortiums, Offshore-Firmen, hohe Abflüsse an den Neueigentümer nach der Übernahme der Mibrag. EPH betreibe bei Tochterfirmen „skrupellose Gewinnabschöpfung“, sagt Greenpeace-Experte Karsten Smid. Zudem hätten die EPH-Firmen unzureichende Rückstellungen für die Rekultivierung der Tagebaue gebildet. Bei Greenpeace heißen die neuen Eigentümer häufig „tschechische Finanzoligarchen“.

EPH und PPF sind nicht direkt an den beiden Leag-Firmen für Bergbau und Erzeugung beteiligt, sondern über Zweckgesellschaften mit beschränkter Haftung. Die PPF-Seite hält ihren 50-Prozent-Anteil über mehrere Briefkastenfirmen in den Steueroasen Zypern und Jersey, die EPH-Seite über Firmen in Prag. Legt man EPH-Vorstand Špringl eine Grafik mit der Eigentümerstruktur der Leag vor, holt er Luft und sagt: „Es ist tatsächlich kompliziert.“ Allgemein seien solche „Special Purpose Vehicles“ in der Unternehmenswelt aber „normale Praxis“ – etwa um verschiedene Verbindlichkeiten innerhalb einer Gruppe nicht zu vermischen. „Das Ziel ist definitiv nicht, unsere Verpflichtungen loszuwerden“, sagt Špringl. EPH wolle sich in der Lausitz langfristig engagieren. Bislang habe man noch keine Beteiligung im Energiebereich wieder verkauft.

Und was ist mit dem Milliardenbetrag, den Vattenfall dem Käufer in der Unternehmenskasse hinterlassen hat? Hat Křetínský mit dem Geld kurz nach dem Abschluss des Deals Miteigentümer ausgezahlt, wie Greenpeace-Experte Smid vermutet? Damals stiegen Gesellschafter aus J&T-Zeiten mit Milliardensummen aus. Seitdem hält Křetínský über zwei Luxemburger Firmen 94 Prozent an EPH, den Rest eine kleine Gruppe von Topmanagern um Špringl. „Das Geld von Vattenfall ist immer noch im Unternehmen“, versichert dagegen Špringl. Nicht ein Euro aus der Leag sei bislang an die neuen Eigentümer geflossen. „Wir sind kein Teufel, der aus Tschechien kommt, um den letzten Euro aus unseren Beteiligungen zu pressen.“

In einem Teilbereich des renaturierten Tagebaugelände Welzow-Süd wachsen heute Weinreben. Über die Haftung für die Folgekosten des Bergbaus gibt es politischen Streit (Foto: Stanislav Krupar)

Am Ende formuliert Špringl ein Angebot, das man allerdings auch als Drohung verstehen kann: „Wenn die Politik uns die Garantie gibt, dass sie die Rahmenbedingungen unseres Geschäfts nicht ändert, sind wir bereit, über eine Patronatserklärung zu reden.“ EPH würde dann mit dem eigenen Vermögen für die Bergbaufolgen haften, wenn die Leag ihre Verpflichtungen nicht selbst stemmen kann. Bis zum Verkauf hatte Vattenfall für die Rekultivierung 1,5 Mrd. Euro zurückgestellt. Weitere Rückstellungen sollen bis zum bisher geplanten Ende der Kohleförderung in den 40er-Jahren aufgebaut werden. Den Gesamtbedarf für den Rückbau schätzen Experten auf mindestens 3 Mrd. Euro. Anders als bei den Atomkraftwerken läuft der Rückbau der Braunkohlegruben kontinuierlich, sobald die Bagger weiter gezogen sind. In einem rekultivierten Teilbereich des Tagebaus Welzow-Süd werden inzwischen etwa Weinreben angebaut.

„Wer bestellt, muss auch bezahlen“

„Ich kann guten Gewissens sagen, dass unsere Rückstellungen nachweislich ausreichend sind“, sagt Leag-Chef Rendez, der EPH-Statthalter in Deutschland. Rendez sitzt nun in einem Bulli, der ihn vom Kraftwerk in sein Büro im 13. Stock der Cottbuser Firmenzentrale bringt – während in Berlin auf der Zielgerade der Jamaika-Sondierungen weiter gefeilscht wird, wie viele Kohlemeiler abgeschaltet werden sollen. Es sind Tage, an denen Rendez zwei Akkuladungen für sein Smartphone braucht, weil er von seiner Politikabteilung ständig neue Zwischenstände aus den Verhandlungen geschickt bekommt.

„Die meisten unserer Anlagen sind von Helmut Kohl und Gerhard Schröder in Betrieb genommen worden“, sagt Rendez. „Sehen Sie sich mal an, wie viele Kraftwerke in Deutschland noch aus Konrad Adenauers Zeiten stammen.“ Man könne auch nicht einfach einzelne Braunkohleblöcke schließen, ohne „Dominoeffekte“ in den Tagebauen auszulösen – und damit in der gesamten Wirtschaft der Region. In der strukturschwachen Lausitz, einer traditionellen Bergbauregion, hängen heute noch 20.000 Jobs an der Braunkohle – 8000 direkt sowie 12.000 bei Dienstleistern und Zulieferern.

Und was passiert, wenn eine künftige Bundesregierung trotzdem Blöcke abschalten will? Der Leag-Chef antwortet, ohne nachzudenken: „Wer bestellt, muss auch bezahlen. Es gibt in Deutschland keine Berufsverbote oder willkürlichen Enteignungen. Und wir haben für unsere Anlagen alle Genehmigungen, die wir brauchen.“ Er erwarte „eine faire Chance für die Region“, sagt Rendez. „Wir brauchen noch 25 bis 30 Jahre, um hier etwas Neues zu entwickeln. Und diese Zeit möchten wir haben.“

Für Rendez’ Chefs in Prag könnte die Wette allerdings auch so aufgehen – selbst wenn die Politik der Kohle keine 25 bis 30 Jahre mehr gibt.