ReportageNeuer Metro-Aktionär Křetínský – auf den Spuren eines Phantoms

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EPH und PPF sind nicht direkt an den beiden Leag-Firmen für Bergbau und Erzeugung beteiligt, sondern über Zweckgesellschaften mit beschränkter Haftung. Die PPF-Seite hält ihren 50-Prozent-Anteil über mehrere Briefkastenfirmen in den Steueroasen Zypern und Jersey, die EPH-Seite über Firmen in Prag. Legt man EPH-Vorstand Špringl eine Grafik mit der Eigentümerstruktur der Leag vor, holt er Luft und sagt: „Es ist tatsächlich kompliziert.“ Allgemein seien solche „Special Purpose Vehicles“ in der Unternehmenswelt aber „normale Praxis“ – etwa um verschiedene Verbindlichkeiten innerhalb einer Gruppe nicht zu vermischen. „Das Ziel ist definitiv nicht, unsere Verpflichtungen loszuwerden“, sagt Špringl. EPH wolle sich in der Lausitz langfristig engagieren. Bislang habe man noch keine Beteiligung im Energiebereich wieder verkauft.

Und was ist mit dem Milliardenbetrag, den Vattenfall dem Käufer in der Unternehmenskasse hinterlassen hat? Hat Křetínský mit dem Geld kurz nach dem Abschluss des Deals Miteigentümer ausgezahlt, wie Greenpeace-Experte Smid vermutet? Damals stiegen Gesellschafter aus J&T-Zeiten mit Milliardensummen aus. Seitdem hält Křetínský über zwei Luxemburger Firmen 94 Prozent an EPH, den Rest eine kleine Gruppe von Topmanagern um Špringl. „Das Geld von Vattenfall ist immer noch im Unternehmen“, versichert dagegen Špringl. Nicht ein Euro aus der Leag sei bislang an die neuen Eigentümer geflossen. „Wir sind kein Teufel, der aus Tschechien kommt, um den letzten Euro aus unseren Beteiligungen zu pressen.“

In einem Teilbereich des renaturierten Tagebaugelände Welzow-Süd wachsen heute Weinreben. Über die Haftung für die Folgekosten des Bergbaus gibt es politischen Streit (Foto: Stanislav Krupar)

Am Ende formuliert Špringl ein Angebot, das man allerdings auch als Drohung verstehen kann: „Wenn die Politik uns die Garantie gibt, dass sie die Rahmenbedingungen unseres Geschäfts nicht ändert, sind wir bereit, über eine Patronatserklärung zu reden.“ EPH würde dann mit dem eigenen Vermögen für die Bergbaufolgen haften, wenn die Leag ihre Verpflichtungen nicht selbst stemmen kann. Bis zum Verkauf hatte Vattenfall für die Rekultivierung 1,5 Mrd. Euro zurückgestellt. Weitere Rückstellungen sollen bis zum bisher geplanten Ende der Kohleförderung in den 40er-Jahren aufgebaut werden. Den Gesamtbedarf für den Rückbau schätzen Experten auf mindestens 3 Mrd. Euro. Anders als bei den Atomkraftwerken läuft der Rückbau der Braunkohlegruben kontinuierlich, sobald die Bagger weiter gezogen sind. In einem rekultivierten Teilbereich des Tagebaus Welzow-Süd werden inzwischen etwa Weinreben angebaut.

„Wer bestellt, muss auch bezahlen“

„Ich kann guten Gewissens sagen, dass unsere Rückstellungen nachweislich ausreichend sind“, sagt Leag-Chef Rendez, der EPH-Statthalter in Deutschland. Rendez sitzt nun in einem Bulli, der ihn vom Kraftwerk in sein Büro im 13. Stock der Cottbuser Firmenzentrale bringt – während in Berlin auf der Zielgerade der Jamaika-Sondierungen weiter gefeilscht wird, wie viele Kohlemeiler abgeschaltet werden sollen. Es sind Tage, an denen Rendez zwei Akkuladungen für sein Smartphone braucht, weil er von seiner Politikabteilung ständig neue Zwischenstände aus den Verhandlungen geschickt bekommt.

„Die meisten unserer Anlagen sind von Helmut Kohl und Gerhard Schröder in Betrieb genommen worden“, sagt Rendez. „Sehen Sie sich mal an, wie viele Kraftwerke in Deutschland noch aus Konrad Adenauers Zeiten stammen.“ Man könne auch nicht einfach einzelne Braunkohleblöcke schließen, ohne „Dominoeffekte“ in den Tagebauen auszulösen – und damit in der gesamten Wirtschaft der Region. In der strukturschwachen Lausitz, einer traditionellen Bergbauregion, hängen heute noch 20.000 Jobs an der Braunkohle – 8000 direkt sowie 12.000 bei Dienstleistern und Zulieferern.

Und was passiert, wenn eine künftige Bundesregierung trotzdem Blöcke abschalten will? Der Leag-Chef antwortet, ohne nachzudenken: „Wer bestellt, muss auch bezahlen. Es gibt in Deutschland keine Berufsverbote oder willkürlichen Enteignungen. Und wir haben für unsere Anlagen alle Genehmigungen, die wir brauchen.“ Er erwarte „eine faire Chance für die Region“, sagt Rendez. „Wir brauchen noch 25 bis 30 Jahre, um hier etwas Neues zu entwickeln. Und diese Zeit möchten wir haben.“

Für Rendez’ Chefs in Prag könnte die Wette allerdings auch so aufgehen – selbst wenn die Politik der Kohle keine 25 bis 30 Jahre mehr gibt.

Die Geschichte erschien zuerst in Capital 1/2018.