ReportageWarum der stille Energieriese EPH auf die Kohle setzt

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Zehn Jahre lang hatte Rendez’ früherer Arbeitgeber Vattenfall mit der ostdeutschen Braunkohle prächtig verdient. Doch ab 2011 stürzten die Strompreise dramatisch ab, zuletzt war die Sparte mit 8000 Mitarbeitern hoch defizitär. Zudem drang der Eigentümer des Staatskonzerns auf den Ausstieg. Die schwedische Regierung will Vattenfall zu einem grünen Energieversorger machen. Dazu passt es nicht, dass die Meiler in der Lausitz mehr CO2 in die Luft pusten als ganz Schweden.

Im April 2016 erhielt EPH von Vattenfall den Zuschlag. Für den Deal hatte sich die Holding mit PPF Investments zusammengetan, einer Finanzfirma aus dem Umfeld des tschechischen Milliardärs und langjährigen Křetínský-Geschäftspartners Petr Kellner, der bis 2014 Miteigentümer von EPH war. Als Mitgift stattete Vattenfall die Sparte mit erheblichen Barmitteln aus. Anfangs genannt wurde öffentlich stets ein Volumen von 1,7 Mrd. Euro. In Vattenfall-Unterlagen wird das gesamte „Absicherungspaket“ für die Jahre 2016 bis 2019 sogar auf „knapp 2 Mrd. Euro“ beziffert. Im Gegenzug übernahmen EPH und PPF sämtliche Verpflichtungen für die milliardenteure Rekultivierung der Kohlegruben. Zudem verzichteten die Käufer drei Jahre lang auf Dividenden.

Der bislang größte Deal in der Unternehmensgeschichte war ganz nach dem Geschmack von Kretínský, des strategischen Spekulanten an der EPH-Spitze: Der Vorbesitzer wollte unbedingt verkaufen, am Ende gab es nur einen Mitbieter, weil Interessenten wie ČEZ und ein Konsortium von Macquarie und dem Essener Steinkohlekonzern Steag ausstiegen. Der Kaufpreis sei wegen der hohen politischen Risiken der Braunkohle „symbolisch“ gewesen, sagen Insider. Und auch das Timing war optimal: Bei Vertragsabschluss lag der Großhandelspreis für Strom auf einem Tiefstand von unter 22 Euro pro Megawattstunde. Seitdem ist er um mehr als 60 Prozent gestiegen.

Der Tagebau Welzow-Süd ist mit einer Förderung von rund 20 Mio. Tonnen Braunkohle pro Jahr der größte im Lausitzer Revier (Foto: Stanislav Krupar)

Am Tagebau Welzow-Süd südlich von Cottbus pfeift ein eisiger Wind. Vom Rand der Grube aus wirken die Bagger in 100 Metern Tiefe wie Legoautos, nur die riesige Förderbrücke lässt die gewaltigen Dimensionen erahnen. Etwa 20 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr werden hier im größten Tagebau der Lausitz, der sich seit dem Beginn des Kohleabbaus in den 60er-Jahren tief in die Landschaft gefressen hat, aus dem Boden geholt – mehr als jede neunte in Deutschland geförderte Tonne. Per Bahn wird die Kohle in die Leag-Kraftwerke Schwarze Pumpe, Jänschwalde und Boxberg transportiert. Auf Infotafeln, auf denen mit Pfeilen die Entfernungen zu wichtigen Punkten des Reviers angegeben sind, findet sich nun auch der Hinweis „EPH / Prag 170 Kilometer“.

Mit dem Vattenfall-Deal tauchte EPH schlagartig auf dem Radar der Öffentlichkeit auf – und rief sofort Kritiker auf den Plan. Die Grünen werfen dem Konzern vor, er wolle kurzfristig Rendite aus der Kohle pressen, die Folgekosten des Bergbaus aber später auf den Steuerzahler abwälzen. Sie fürchten, dass EPH die Leag in die Insolvenz führen oder sich durch Umstrukturierungen aus der Haftung stehlen könnte. Nach heutigem Stand müsste die Holding in Prag nicht für ihre Tochter haften.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace, die die Braunkohlesparte selbst übernehmen und dann abwickeln wollte, aber damit bei Vattenfall abblitzte, hat in zwei „Schwarzbüchern“ Auffälligkeiten aufgelistet: intransparente Strukturen des Bieterkonsortiums, Offshore-Firmen, hohe Abflüsse an den Neueigentümer nach der Übernahme der Mibrag. EPH betreibe bei Tochterfirmen „skrupellose Gewinnabschöpfung“, sagt Greenpeace-Experte Karsten Smid. Zudem hätten die EPH-Firmen unzureichende Rückstellungen für die Rekultivierung der Tagebaue gebildet. Bei Greenpeace heißen die neuen Eigentümer häufig „tschechische Finanzoligarchen“.