ReportageWarum der stille Energieriese EPH auf die Kohle setzt

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Bereits vor dem Vattenfall-Deal hatte sich EPH auch in Deutschland eingekauft. 2009 und 2011 übernahm das Unternehmen in zwei Schritten die Kohlegruben des drittgrößten deutschen Braunkohleförderers Mibrag im mitteldeutschen Revier. „Wir haben großen Hunger auf Investitionen“, sagte Kretínský in einem seiner seltenen Interviews. „Im Blick haben wir vor allem die Braunkohle. Aus wirtschaftlichen Gründen ist besonders Deutschland interessant.“ Wie Křetínský glauben viele Tschechen, dass der große Nachbar eine dumme Energiepolitik betreibt, weil er die günstige Kohle als Energiequelle schwächt – und damit auch die Kohleindustrie zu einem Übernahmeziel macht.

Das Kalkül der EPH-Strategen könnte aufgehen. Seitdem hierzulande die Atommeiler schrittweise vom Netz gehen, profitiert im Musterland der Energiewende ausgerechnet der größte Klimakiller: alte, abgeschriebene Braunkohlemeiler, die praktisch rund um die Uhr durchlaufen. Die saubereren Gaskraftwerke, die als Back-up für den schwankenden Sonnen- und Windstrom gedacht waren, werden oft nur wenige Stunden im Jahr abgerufen, weil sie deutlich teurer sind. Neue Gaskraftwerke, die für die Zeit nach dem Atomausstieg im Jahr 2022 gebraucht werden, will deshalb derzeit kaum jemand bauen.

Doch selbst wenn die Große Koalition mithilfe einer Kohlekommission, die in diesem Jahr eingerichtet werden soll, einen schnelleren Ausstieg beschlösse, würde EPH wohl nicht leer ausgehen. Sollten Meiler mit gültiger Betriebserlaubnis kurzerhand abgeschaltet werden, müssten die Eigentümer entschädigt werden – so wie bei der 2015 vereinbarten Sicherheitsbereitschaft für acht ältere Braunkohleblöcke. Deren Betreiber RWE sowie zwei EPH-Töchter erhalten über mehrere Jahre insgesamt 1,6 Mrd. Euro dafür, dass die Meiler stillgelegt werden – bezahlt von den Stromkunden.

Gut möglich ist auch, dass die Diskussion über das Modell eines sogenannten Kapazitätsmarkts neu entbrennt. Dabei werden die Betreiber von Kraftwerken bereits dafür bezahlt, dass sie fossile Anlagen für Engpässe betriebsbereit halten. Als „Hartz IV für Kraftwerke“ hatte Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dieses Modell vor einigen Jahren abgetan. Doch es könnte sich herausstellen, dass Unternehmen ohne solche Anreize zu wenig und vor allem zu spät in die benötigten neuen Gaskraftwerke investieren. Der Branchenverband BDEW warnt deshalb bereits vor einer „massiven Unterdeckung“ bei der wetterunabhängigen gesicherten Leistung ab 2023.

Ein Kapazitätsmarkt sei für EPH „die ultimative Wette“, sagt Analyst Ondrich. „Dann kann das Braunkohlegeschäft eine Cashcow werden.“

Excel statt Powerpoint

Helmar Rendez ist seit 2016 Chef der deutschen EPH-Tochter Leag. Der langjährige Vattenfall-Manager soll die Firma wieder profitabel machen (Foto: Stanislav Krupar)

Das Kraftwerk Schwarze Pumpe im Lausitzer Revier. Helmar Rendez steht mit einem Helm mit Namensschild in der Hauptwarte und schaut zufrieden auf die Monitore. Es ist ein dunkler Novembertag, keine Sonne, kaum Wind – jetzt lässt sich mit dem billigen Kohlestrom aus weitgehend abgeschriebenen Kraftwerken richtig Geld verdienen. „Wir haben gerade gute Preise am Spotmarkt“, sagt der Chef der EPH-Tochter Leag. „50 Euro die Megawattstunde.“ Die beiden 800-Megawatt-Blöcke fahren Volllast. Fast jede zehnte Kilowattstunde in Deutschland kommt aus den drei Leag-Meilern Schwarze Pumpe, Jänschwalde und Boxberg in der Lausitz.

16 Jahre lang hat Rendez für Vattenfall gearbeitet – als „Diener der schwedischen Krone“, wie er gerne scherzt. Als einziger Deutscher saß er im Konzernvorstand. Jetzt dient Rendez tschechischen Investoren, die alle etwa 20 Jahre jünger sind als er. „Unglaublich sportlich, leistungsorientiert und entscheidungsfreudig“ seien die EPH-Leute, sagt Hobby-Triathlet Rendez. „Wie im Sport verlangen die, dass wir auch harte Trainingseinheiten mitgehen können.“ Špringl und seine Kollegen fragten nach Details, hörten zu, wollten das Geschäft verstehen. „Die wollen kein Powerpoint sehen. Die sind mehr an Excel interessiert.“

Bei den Gesprächen mit Kaufinteressenten seien die EPH-Manager „am besten vorbereitet und am tiefgründigsten informiert“ gewesen, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber, der den jahrelangen Verkaufsprozess eng begleitet hat. „Aber natürlich ist das ein Investment, mit dem sie Geld verdienen wollen.“ In interne Unterlagen zum Verkaufsprozess, in denen die Interessenten aufgelistet sind, haben Gerbers Beamte hinter dem Namen EPH einmal notiert: „wird sehr preissensitiv sein“. Leag-Chef Rendez lässt derzeit alle Verträge mit Zulieferern überprüfen, um Kosten zu drücken. Ab 2018 will er wieder schwarze Zahlen schreiben.