ReportageNeuer Metro-Aktionär Křetínský – auf den Spuren eines Phantoms

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EPH-Eigentümer Daniel Kretínský zeigt sich selten in der Öffentlichkeit. Für einen Fototermin mit Capital macht der Milliardär eine Ausnahme (Foto: Stanislav Krupar)

Innerhalb weniger Jahre haben Křetínský, 42, und Špringl aus EPH ein fossiles Imperium geformt, das von der Slowakei über Ungarn bis nach Italien und England reicht. 2016 lag der Umsatz bei 5 Mrd. Euro, der operative Gewinn bei 1,7 Mrd. Euro – das Nettoergebnis wird nicht offiziell kommuniziert. Heute gehören zur Holding mehr als 40 Firmen, die ihr Geld mit Gas, Strom, Wärme, Bergbau und Atomkraft verdienen und 25.000 Mitarbeiter beschäftigen – davon allein 10.000 in Deutschland.

Teil von Křetínskýs Firmenreich sind neben EPH auch der Fußballclub Sparta Prag und „Blesk“, die größte Boulevardzeitung des Landes. Mit Tschechiens Premierminister Andrej Babiš und dessen Unternehmensgruppe liefert er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die führende Rolle auf dem tschechischen Medienmarkt. Das US-Magazin „Forbes“ schätzt Kretínskýs Vermögen auf 2 Mrd. Dollar.

Doch in der Öffentlichkeit bleibt der scheue EPH-Chef, den Wegbegleiter als genialen Strategen und Spekulanten beschreiben, weitgehend unsichtbar. Vor Kurzem hat er sich einen Anteil an einer Malediven-Insel gekauft, auf der er mit seiner Familie ungestört Urlaub machen kann. „Er wirkt wie ein großer Junge, der seine Doktorarbeit in Mathematik oder Informatik schreibt“, sagt einer, der mit ihm verhandelt hat. Selbst in Křetínskýs rumpelkammergroßem Büro unter der Dachschräge findet sich kaum Persönliches – nur ein Foto seines Sohnes auf dem blitzblanken Schreibtisch und ein echtes Gemälde von Kokoschka an der Wand daneben. Für ein Foto lässt sich Kunstfan Kretínský an einem anderen Tag kurz blicken. Reden will er nicht.

„Daniel war immer schon das Mastermind dieser Show“, sagt EPH-Vorstand Špringl, der nach seinem BWL-Studium zuerst bei der tschechischen Börsenaufsicht anfing, als Spezialist für Firmenbewertungen und M&A-Deals. Im Jahr 2003 holte Křetínský seinen heutigen Chef für das operative Geschäft zu J&T, einen slowakischen Finanzinvestor, aus dem EPH 2009 hervorgegangen ist. Damals bestand das Team aus zehn Leuten. Fast alle waren unter 30, viele von ihnen kamen von der Börsenaufsicht.

Das erste gemeinsame Geschäft von Křetínský und Špringl war die Übernahme einer Gummifirma, der auch die berühmteste Kondommarke des Landes gehörte. „Wir waren eine Gruppe von Freunden, die versucht hat, Geschäfte zu entwickeln“, sagt Špringl. Damals habe man das Business noch im „Private-Equity-Style“ geführt: unterbewertete Firmen identifizieren, kaufen, sanieren – und dann zügig Kasse machen.

Dubiose Deals in der Vergangenheit

Noch aus der frühen Zeit von J&T und seinen beiden slowakischen Gründern stammt auch das Image, das EPH bis heute anhängt: als Investor mit undurchschaubaren Eigentümerstrukturen, der unter fragwürdigen Umständen von der Privatisierung heimischer Energiefirmen profitierte. Damals habe es „dubiose Deals“ gegeben, etwa mit dem staatlichen Energiekonzern ČEZ, sagt der Prager Analyst Ondrich. „Heute verhält sich EPH wie ein normales Energieunternehmen.“

Internationale Großbanken finanzieren die aggressive Expansion mit hohen Krediten, zudem hat EPH börsengehandelte Bonds aufgelegt. Ende 2016 stieg ein Konsortium um die australische Investmentbank Macquarie mit 30 Prozent bei der Infrastrukturtochter EPIF ein – für einen Milliardenbetrag. Dagegen sammelt EPH kein Eigenkapital von externen Anlegern ein – anders als ein Finanzinvestor.

Die EPH-Zentrale in Prag liegt versteckt in einer Einkaufsstraße – ohne großes Firmenschild, dafür direkt neben schicken Modelabels (Foto: Stanislav Krupar)

Schlag für Schlag kauften erst J&T und später EPH Firmen und Vermögenswerte aus der Energiebranche. Erst in der Slowakei und Tschechien, dann in einem halben Dutzend anderen Ländern: den slowakischen Gasnetzbetreiber Eustream, der russisches Gas über die Ukraine in die EU transportiert, Bergwerke in Polen, eine Fernwärmefirma in Budapest, Kohle- und Gaskraftwerke in Italien und England. Auch an einem slowakischen Atomkraftbetreiber ist die Gruppe beteiligt. Heute gehören EPH in Europa mehr als 30 Kraftwerke, die weit mehr als 100 Terawattstunden Strom produzieren – rund ein Sechstel des gesamten Jahresverbrauchs Deutschlands.

Für alle seine Beteiligungen fungiert EPH nur als Dachgesellschaft. Die Holding hat keinen eigenen Markenauftritt und keinen Kundenservice, das Tagesgeschäft überlässt sie den übernommenen Firmen. „Die Leute vor Ort wissen am besten, wie das Business funktioniert“, sagt Vorstand Špringl. Trotzdem wuchs mit dem Konzern auch das Team: 150 Leute sind es heute – auch wenn der Kern der Mannschaft noch derselbe ist. Beim Gang durch die Büros sieht man viele Männer um die 30, die mittags Fertigessen in der Mikrowelle aufwärmen. Die nächsten Deals warten schon. Auch eine neue Unternehmenszentrale auf dem Gelände von Sparta Prag ist geplant – finanziert aus dem freien Cash Flow, der zuletzt bei 1 Mrd. Euro lag.