ReportageWarum der stille Energieriese EPH auf die Kohle setzt

Das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe in der Lausitz gehört seit 2016 dem tschechischen EPH-KonzernStanislav Krupar

Das größte Phantom der deutschen Energiebranche sitzt hinter einer gediegenen, pfefferminzgrünen Gründerzeitfassade in Prags teuerster Einkaufsstraße. Der Eingang liegt zwischen Shops des deutschen Kofferherstellers Rimowa und des italienischen Luxusmodelabels Loro Piana. Neben der Tür hängen unscheinbare Schilder mit Firmennamen: EP Industries, Czech Media Invest, EPH.

Auch in den Büros mit ihren goldenen Tapeten erinnert optisch nichts an die Konzerntürme, in denen die klassischen Energieriesen residieren – eher an eine Mischung aus Vermögensverwalter und Start-up. Dabei ist die Energetický a Prumyslový Holding, meist nur kurz EPH genannt, ein wichtiges Unternehmen auf dem deutschen Strommarkt. Und das unsichtbarste. Im Frühjahr 2016 hat die Prager Holding die ostdeutsche Braunkohlesparte des Versorgers Vattenfall übernommen. Während andere Energiekonzerne und ganze Staaten nur raus wollen aus diesem billigen, aber schmutzigen Brennstoff für die Stromerzeugung, kontrolliert EPH mit seinen Töchtern nun fast die Hälfte der Braunkohleproduktion in Deutschland.

Seitdem der Großkonflikt um die Atomkraft befriedet ist, tobt in Deutschland eine neue Schlacht in der Energiepolitik – diesmal um die Kohle. Aktivisten stürmen Tagebaue wie früher AKW-Standorte. Einige Politiker wollen fossile Kraftwerke abschalten, weil das Land sonst seine Klimaschutzziele reißt. Andere warnen, dass die Lichter ausgehen, wenn die Politik einen schnellen Kohleausstieg durchsetzt. In Deutschland decken Braun- und Steinkohle immer noch rund 40 Prozent des Strombedarfs.

Die klassischen Versorger haben längst auf die unsichere Lage reagiert. Eon und RWE haben ihr Geschäft mit Kohle und Gas abgetrennt – in Firmen, die manche Analysten anfangs als „Bad Banks“ oder „Resterampen“ verspottet haben. Auch Vattenfall ist aus der Braunkohle geflüchtet. Doch zugleich lockt die unklare deutsche Energiepolitik Investoren an, die bei fossiler Energie noch gute Geschäfte wittern. Etwa den finnischen Energiekonzern Fortum, der Anfang des Jahres Eons 47-Prozent-Aktienpaket an der Abspaltung Uniper übernommen hat. Vor allem aber EPH.

Im April 2016 übernahm der tschechische Konzern vier Tagebaue und drei Braunkohlekraftwerke in der Lausitz, die zu den größten CO2-Sündern des Landes gehören – vier Monate nachdem die Bundesregierung auf der Pariser Klimakonferenz die Emissionsziele für 2030 unterschrieben hat. Dabei ist klar, dass der CO2-Abbau nur mit deutlich weniger Kohlestrom funktioniert – und dass die Pariser Klimaziele völkerrechtlich verbindlich sind, anders als die nationalen Ziele für 2020, die die Große Koalition gerade gekippt hat. Was also hat EPH in Deutschland vor? Ist die Firma ein „windiger Investor“, wie die Umweltorganisation Greenpeace behauptet?

Jan Špringl kam 2003 von der tschechischen Finanzaufsicht zu einem EPH-Vorläufer. Heute ist er die Nummer zwei im Konzern (Foto: Stanislav Krupar)

Es ist ein Montag Mitte November, in Berlin beginnt gerade die letzte Woche der Jamaika-Sondierungen, bei denen es auch um die Zukunft der Kohle geht. In einem Konferenzraum der Prager Firmenzentrale sitzt EPH-Vorstand Jan Špringl etwas angespannt unter einem Kristallleuchter und sagt: „Wir haben die strategischen Stärken der Braunkohle verstanden.“ Špringl, ein drahtiger 39-Jähriger, ist bei EPH die Nummer zwei, eng befreundet mit Mehrheitseigentümer Daniel Křetínský, der so gut wie nie Interviews gibt. Auch Špringl hat hier am Firmensitz noch keine ausländischen Journalisten zum Gespräch empfangen. Der größte Energiekonzern Mitteleuropas scheut die Öffentlichkeit. Selbst den meisten Tschechen ist der Name EPH kein Begriff.

Warum also Braunkohle? Der EPH-Manager holt zu einer langen Antwort aus, fast gerät er ins Schwärmen: Strom aus heimischer Braunkohle gewährleiste eine unabhängige Energieversorgung, sei kostengünstig und sichere viele Jobs, weil der Tagebaubetrieb sehr arbeitsintensiv sei. „Die Energiewende in Deutschland ist grundsätzlich eine großartige Idee“, sagt Špringl. Aber in der Transformationsphase spiele die Kohle eine wichtige Rolle, eine große Volkswirtschaft wie die deutsche dürfe keinesfalls ihre Energieversorgung aufs Spiel setzen. „Die Kohle wird noch 20 bis 30 Jahre gebraucht“, sagt der EPH-Vorstand. „Auch in Deutschland.“ Und in anderen europäischen Ländern liege der Anteil fossiler Energiequellen sogar noch bei 80 Prozent.

Wette gegen die Energiewende

Seit einigen Jahren kauft EPH daher Gas- und Kohlekraftwerke, die andere loswerden wollen: von Eon in Italien, von Centrica in England, von Vattenfall in Deutschland – und zuletzt von RWE in Ungarn. Die Strategie ist überall die gleiche: günstig zuschlagen und auf steigende Strompreise hoffen. Oder zumindest auf Entschädigungen, falls Regierungen das Kohlegeschäft vorzeitig beenden.

Jan Ondrich, ein unabhängiger Prager Energieanalyst, der internationale Energiekonzerne bei Investments in Mitteleuropa berät, bezeichnet die Strategie des Unternehmens als „Wette“: EPH spekuliere darauf, dass die Preise für CO2-Zertifikate, die die Betreiber fossiler Kraftwerke vorhalten müssen, niedrig bleiben – und dass die Energiewende in Deutschland nicht laufe wie geplant. „Als Geschäftsmodell kann das genauso gut funktionieren wie eine Wette auf den Erfolg der erneuerbaren Energien“, sagt Ondrich. „Wer richtig liegt, wird erst die Zeit zeigen.“