BrasilienWarum deutsche Firmen Hoffnungen in Bolsonaro setzen

Mit Populismus an die Macht: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro
Mit Populismus an die Macht: Brasiliens Präsident Jair Bolsonarodpa

Klaus Hepp kennt die Kommentare aus seiner Heimat Deutschland nur zu gut. Sie nennen Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro dort gern einen Rechtsextremisten und Rassisten, einen Militaristen und Frauenfeind, den „Trump der Tropen“. Dann sagt der Unternehmer seinen deutschen Bekannten: „Mal langsam. Man sollte Bolsonaro nicht auf einzelne Sprüche reduzieren. Er hat in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft vieles angekurbelt. Und einiges richtig gemacht.“

Hepp kennt andererseits auch die Kommentare aus Brasiliens Wirtschaft. Sie nennen die Sichtweise in Europa einseitig und verblendet. In Deutschland werde Bolsonaro nur als Sprücheklopfer dargestellt und alles andere übersehen, vor allem die Fehler von Ex-Präsident Lula da Silva und seiner Arbeiterpartei PT, die das Land 14 Jahre lang regierte. Dann sagt Hepp seinen brasilianischen Kollegen: „Bolsonaro lässt tatsächlich brutale Sprüche ab. Seine Kommunikation ist unterirdisch. Er macht immer noch diesen Twitter-Blödsinn, das ist eines Präsidenten unwürdig. Er hat in den ersten Monaten auch einiges falsch gemacht.“

Klaus Hepp sieht sich irgendwo dazwischen. Zwischen Brasilien und Deutschland, zwischen Bolsonaros Kritikern und Verteidigern. Geht es nach den Verteidigern, dann versucht Bolsonaro gerade, das krisengeplagte Brasilien einer Generalüberholung zu unterziehen, die Wirtschaft durch Deregulierungen und Privatisierungen anzukurbeln. Geht es nach den Kritikern, dann handelt es sich um genau das neoliberale Modell, das in Südamerika ständig scheitert und wieder nur linke Populisten an die Macht spült.

Gerade steht Klaus Hepp zwischen Kupplungen und Bremsen in seiner Werkshalle in Itatiba im Bundesstaat São Paulo. Er ist Geschäftsführer von Vulkan do Brasil, Maschinenbau, 180 Angestellte, das Mutterunternehmen sitzt in Herne, Westfalen. Er hat die Firma so gerade eben durch die schwere Wirtschaftskrise der letzten vier Jahre gebracht. Er würde jetzt gern mal wieder optimistisch in die Zukunft blicken. Aber so einfach ist das nicht.

„Er passt nicht zu Brasilien“

Bei der Wahl im vergangenen Herbst hat sich Hepp wie die meisten Unternehmer hier keinen Sieg der Arbeiterpartei gewünscht. Aber auch keinen Ewiggestrigen wie Bolsonaro. „Er passt nicht zu Brasilien. Das Land hat einen Besseren verdient.“

Hepp ist 61, wirkt aber jünger, er trägt Jeans und Hemd, ist ständig unterwegs, auf vier Kontinenten. Im Eiltempo führt er durch die Fabrikhallen, vorbei an Produkten für den Bergbau, für Stahlwerke, die Schifffahrt – Bremsen, Kupplungen, Rücklaufsperren, Antriebstechnik, 2000 Produkte. „Im Bereich Schifffahrt sind wir Weltführer“, schwärmt er.

Hepp führt zum Schwarzen Brett, wo für alle sichtbar die ehrgeizigen Unternehmensziele festgehalten sind. Die versammelten Mitarbeiter grüßt er mit einem fröhlichen „Tudo bem?“ Alles gut? Das ist seine lockere, seine brasilianische Art. Als Motto hat er überall das Bild einer Schweizer Uhr aufgehängt. „Meine Vision. So sollen wir als Unternehmen funktionieren. Alles muss perfekt ineinandergreifen.“ Das ist seine fordernde, seine deutsche Art. Im Prinzip ist diese Mischung auch Hepps Vision für Brasilien: viel Sonne und Optimismus, dazu aber Feinarbeit, Perfektion und Verlässlichkeit.

Warum nun einer wie Bolsonaro an der Spitze der 210-Millionen-Nation steht? Hepp holt weit aus, um die Frage zu beantworten. „Als ich 2009 nach Brasilien kam, herrschte hier der große Hype“, fängt er an. „Unter dem Eindruck des Rohstoffbooms waren alle der festen Überzeugung: Jetzt gelingt Brasilien weltweit der ganz große Durchbruch.“

Klaus Hepp, Geschäftsführer von Vulkan do Brasil, auf dem Firmengelände
Klaus Hepp, Geschäftsführer von Vulkan do Brasil, auf dem Firmengelände (Foto: Gabriela Portilho)

Doch schon 2012 sah Hepp erste Anzeichen jener Wirtschaftskrise, durch die er Vulkan do Brasil nur mit Ach und Krach gebracht hat. „Die Firma hier war das totale Chaos. Führungslos, die Kosten waren zu hoch, die Qualität hat nicht gestimmt. Es begann eine ganz bittere Zeit.“ Hepp musste 70 Angestellte entlassen, den Laden komplett umkrempeln, das Lateinamerikageschäft schnell ausbauen, weil in Brasilien nichts mehr zu holen war.

Es ist eine Geschichte, die sich im ganzen Land wiederholte: Unternehmen wurden knapp vor dem Untergang gerettet – oder auch nicht. Zehn Millionen Menschen verloren ihre Jobs, die Wirtschaft schrumpfte jährlich um bis zu vier Prozent, Korruptionsskandale erfassten die größten Unternehmen, von Petrobras über Odebrecht bis zu JBS und der Grupo EBX des deutschstämmigen Eike Batista.

In dieser Zeit sei etwas Erstaunliches passiert, sagt Hepp. „Die Wirtschaft hat sich von der Politik komplett unabhängig gemacht. Wir haben gemerkt, die Politiker können wir vergessen.“ Brasilianer, so stellte er fest, halten ohnehin wenig von ihren Regierenden, und in der Krise noch weniger. All das müsse man wissen, wenn es um Bolsonaro gehe, findet Hepp. Nur in einem Moment der Wut und Hoffnungslosigkeit konnte einer wie er gewinnen.

Vulkan do Brasil ist aus der Krise gestärkt hervorgegangen. Das Unternehmen hat wieder ein Umsatzplus von jährlich 15 Prozent. „Obwohl die brasilianische Wirtschaft immer noch nicht wächst“, betont Hepp. „Das geht alles zulasten unserer Wettbewerber.“

Vor Bolsonaro liege nun eine gewaltige Aufgabe, glaubt der Pfälzer. 2010 lag der Anteil der Industrie noch bei 17 Prozent, heute sind es zehn Prozent. „Viele Industrien sind in Brasilien ausgestorben. Ich fürchte, dass sich das fortsetzt, wenn die Rahmenbedingungen nicht besser werden.“ Davon wäre auch Vulkan betroffen. Die Deutschen sind abhängig von der Rohstoffindustrie, von Aufträgen aus Bergwerken, der Stahlerzeugung, dem Erdölsektor.

Wenn Hepp auf Bolsonaros erste 100 Tage blickt – nüchtern, die Sprüche ignorierend – findet er, dass der neue Präsident nicht in allem falschlag. „Er geht die Rentenreform an, ohne die Brasilien der finanzielle Kollaps droht. Im Raum steht auch eine Steuerreform. Der Wirtschaftsminister, Paulo Guedes, ist kompetent. Er lässt Experten ran, nicht Leute, die nach dem Parteibuch ernannt werden.“

Testfall Rentenreform

Anderes laufe weniger gut, sagt Hepp mit plötzlich verfinsterter Miene. „Statt das Land zu einen, polarisiert Bolsonaro weiter. Und die Einflussnahme seiner Söhne auf die Regierungspolitik ist ganz schlimm.“ Wohin wird Bolsonaro das Land also führen? Hepp ist nicht sicher. „Wir sehen, dass sich die Regierung noch finden muss. Entscheidend wird der erste große Test sein, die Rentenreform.“ Gelinge die, könne die Regierung Erfolg haben. Wenn nicht, werde sie scheitern.

Vulkan do Brasil hat seinen Standort im Herzen der brasilianischen Industrie, dem Dreieck zwischen den Städten São Paulo, Campinas und São José dos Campos im Bundesstaat São Paulo. Ein Industriepark grenzt hier an den nächsten, Fabrikhallen säumen die Autobahnen, an den Ausfahrten bilden sich lange Lkw-Staus. Von hier aus beliefert die Industrie den gigantischen Binnenmarkt, 210 Millionen Konsumenten, plus zehn Nachbarstaaten, weitere 180 Millionen Menschen – fast so viele wie in der EU.

VW-Werk Anchieta in Brasilien
VW-Werk Anchieta in Brasilien (Foto: Volkswagen)

Es sind riesige Industriegebiete, wie sie überall stehen könnten, in Stuttgart, Seattle oder Schanghai – ein Brasilien, von dem man in Deutschland wenig ahnt. Die Region ist gleichzeitig das Herz der deutschen Wirtschaft in Brasilien. Mehr als 800 der 1400 deutschen Unternehmen in Brasilien haben sich im Großraum São Paulo angesiedelt, von Siemens über Bayer bis zu VW und Bosch. Viele haben hier ihre Lateinamerikazentralen. Sie beschäftigen 250.000 Arbeitnehmer und erwirtschaften sagenhafte zehn Prozent des industriellen BIP. Kurioserweise ist São Paulo damit die größte deutsche Industriestadt der Welt und das Herz der deutschen Industrie außerhalb Deutschlands.

Viele Unternehmen stehen jetzt vor ähnlichen Fragen. Wollen wir hier weiter expandieren – wie SAP? Oder eher Kapazitäten abbauen wie Daimler? Oder ganz aussteigen wie Eon nach schweren Flops?

„Ein verzerrtes Bild“

Zum Austausch mit den Kollegen fährt Hepp oft nach São Paulo. Im gediegenen Club Transatlântico beraten sich regelmäßig die Größen der deutschen Industrie. Die Handelskammer hier ist die größte außerhalb Deutschlands, sie hat ihren Sitz im Südwesten der 20-Millionen-Metropole. Bolsonaros Sieg hat hier große Erleichterung ausgelöst. In einer Umfrage der Handelskammer äußerten sich 90 Prozent der Unternehmen positiv zum Wahlausgang.

An einem Tag im brasilianischen Spätsommer kommen die Spitzen der führenden Unternehmen zusammen, Bosch, Siemens, DZ Bank. Capital und die Handelskammer haben zum Forum über Bolsonaro und Brasilien gebeten. „Wir müssen etwas geradestellen“, sagen die Manager gleich zur Begrüßung. „In Deutschland herrscht ein verzerrtes Bild.“

Der erste Fehler, erklärt Wolfram Anders, CFO von Bosch Brasilien und bis vor Kurzem Präsident der Handelskammer, sei die politische Einordnung des Präsidenten. „Bolsonaro ist Mitte-rechts, niemals ultrarechts.“ Davon lässt er sich auch nicht durch den Einwand abbringen, dass Bolsonaro gegen Frauen, Schwarze und Homosexuelle wettert. „Das ist schlecht, aber im Amt hat er das bisher nicht wiederholt.“

Auch Anders’ Vize Martin Duisberg stört sich daran, dass Bolsonaro mit den immer gleichen alten Sätzen zitiert wird, ohne dass seine Wandlung gesehen wird. „In Davos hat er gezeigt, dass er lernwillig ist.“ Vorher habe der Präsident einen Ausstieg aus dem Klimaabkommen von Paris angedeutet, von dem er sich in Davos aber distanzierte.

André Clark, CEO von Siemens Brasilien und Vizepräsident der Handelskammer, der Bolsonaros Team aus eigener Beobachtung kennt, ergänzt: „Bolsonaro ist anders als Trump. Er ist ein Teamplayer.“ In der Tat hinken Vergleiche mit Trump. Bolsonaro mischt sich nicht in alles ein. Er will anders als Trump an Freihandelsabkommen festhalten, wie jetzt mit der EU. Duisberg bittet die Europäer um Geduld: „Er ist ein neuer Trainer und muss gleich Champions League spielen.“

Clark ergänzt: „Aus eigener Beobachtung kann ich sagen: Die drei entscheidenden Ministerien Wirtschaft, Infrastruktur und Energie sind gut aufgestellt, alle arbeiten an den gleichen Zielen. Das sind schon einige Treffer. Aber Brasilien braucht jetzt eine Torflut.“ Es ist wie so oft hier: Die Analysen enden in Fußballanalogien.

Wohin es mit Brasilien geht, ist auch für die deutschen Manager schwer vorherzusagen, zumal die Wirtschaftsprognosen ständig nach unten korrigiert werden. Aber die Chancen für die achtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt seien schier endlos, gerade bei einer wirtschaftsfreundlichen Reformregierung: Der Binnenmarkt ist groß, auch der Reichtum an Rohstoffen, Eisenerz, Erdöl, Fleisch, Agrarprodukten. Inflation und Zinsen sind niedrig, Chinas Rohstoffhunger wieder groß. Brasilien habe beste Voraussetzungen, um endlich ein ganz großer Global Player zu werden, wenn das Land nur endlich seine Hausaufgaben mache: vernünftige Politik, Deregulierung, Reformen.

Große Chancen sehen die Deutschen vor allem in einer stärker technisierten Landwirtschaft. Schon jetzt ist Brasilien die Nummer eins in der Produktion von Soja, Rindfleisch, Zucker, Kaffee. „Wir wollen mehr Digitalisierung, mehr Effizienz, mehr Umweltschutz, den Einsatz von Drohnen“, sagt Clark. „Da braucht Brasilien die deutsche Industrie.“

Brasiliens BIP, Veränderung zum Vorquartal


source: tradingeconomics.com

Und Bolsonaros Expansion ins Amazonasgebiet, die Abholzung weiterer Regenwälder? „Auch das ist falsch dargestellt“, sagt Bosch-CFO Anders. „Es geht um Technologie 4.0. Mehr Pflanzen auf weniger Oberfläche. Lulas Arbeiterpartei hat nichts für den Regenwald getan. Trotz Gesetzen gegen Abholzung wurde viel geschmiert und kräftig abgeholzt. Bolsonaro will diese Korruption beenden. Ich glaube, er wird den Raubbau so nicht fortsetzen.“

So laufen die Gespräche den ganzen Vormittag. Kritik an Bolsonaro prallt ab, die deutschen Manager sind bester Dinge, selbst mit Blick auf den Erdölsektor, wo Brasilien in der Krise den größten Einbruch erlitt. „Öl und Gas werden stark anziehen“, glaubt Clark. „Die Versteigerungen der Ölfelder vor der Küste laufen sehr gut, die Investitionen sind immens. Schon 2025 wird Brasilien der größte Ölexporteur der Welt sein.“

Geplant ist außerdem die Privatisierung vieler Staatsunternehmen, darunter der Energieriese Eletrobras, die Post, die Banco do Brasil, selbst Teile von Petrobras, lange Lateinamerikas größtes Unternehmen und so etwas wie ein Nationalheiligtum. „Brasilien braucht für diese Transformation Industrie- und Energieparks, bessere Infrastruktur, neue Straßen, Brücken, Krankenhäuser, Abwassersysteme. Da sind die Deutschen erstklassig – das ist jetzt die große Chance der Investoren.“

Seit Jahrzehnten wird Brasilien das Land der Zukunft genannt, doch immer wenn es international gerade kurz vor dem Durchbruch steht – Rohstoffboom, Fußball-WM, Olympische Spiele –, offenbaren sich seine großen Schwächen: Korruption, Gewalt, Bürokratie, Protektionismus. Sie sind so verwachsen mit der brasilianischen Gesellschaft, dass es einer kulturellen Revolution bedarf oder – wie andere glauben wollen – eines autoritären Führers, der mit der Militärdiktatur flirtet.

Brasiliens deutsche Ecke

Nach seinen Treffen mit den deutschen CEOs fährt Hepp oft motiviert zurück ins 100 Kilometer entfernte Itatiba. Doch insgesamt ist er skeptischer als seine Kollegen. „Viele deutsche Unternehmen haben Angst, in Brasilien in nachteilige Geschäftsbeziehungen zu geraten“, sagt er. „Sei es, weil Bestechung im Spiel ist oder weil Geschäfte wegen korrupter Konkurrenten gar nicht erst stattfinden. Viele Deutsche denken: Mit staatlichen brasilianischen Unternehmen machen wir nichts, weil das sowieso nicht fair zugeht.“

Hepp bestreitet, dass man in Brasilien bestechen muss, um Geschäfte zu machen. „Das ist Quatsch. Wir lehnen das kategorisch ab.“  Auch wenn ein Kunde es fordert? „Dann sind wir deutsch korrekt“, sagt Hepp. „Das machen wir nicht. Wir hatten Fälle, wo uns mehrfach Anträge gemacht wurden. Das haben wir immer sofort abgelehnt. Man verliert kurzfristig, aber langfristig ist das der richtige Weg.“

Blick über die 550.000-Einwohner-Stadt Joinville
Blick über die 550.000-Einwohner-Stadt Joinville (Foto: Unmoralisch – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link)

600 Kilometer weiter südlich befindet sich ein zweites Zentrum der deutschen Wirtschaft: die Region um die Städte Joinville und Blumenau, in der sich Ende des 19. Jahrhunderts viele Auswanderer ansiedelten. Die Unternehmen in der hügeligen Gegend heißen Türen Borchardt, Bierland oder Glaserei Breitkopf, viel Mittelstand, viele Familienbetriebe, es ist eine Fahrt wie durch Baden-Württemberg. Bolsonaro erreichte hier die höchste Zustimmung in Brasilien, deutlich mehr als 80 Prozent.

„Man muss ihm das zubilligen“, sagt der deutschstämmige Unternehmer Carlos Schneider. „Er hat einen Weg zum Sieg gefunden. Mit seinem Diskurs bin ich nicht einverstanden, aber er hat begriffen: In Brasilien können nur Populisten gewinnen.“

Schneider ist Chef des Familienunternehmens Ciser, einer Gruppe von acht Firmen mit 1400 Angestellten in Joinville. Sie sind unter anderem der größte Produzent von Schrauben in Lateinamerika, besitzen aber auch Shoppingzentren. Wie Vulkan hat Ciser die Krisenjahre nur mit Schwierigkeiten gemeistert – und dank deutscher Werte, sagt Schneider: Sparsamkeit, Disziplin, Effizienz, Kampf gegen Verschwendung. All das also, was Brasilien dringend bräuchte.

Schneider ist eine Art lebendes Beispiel. Seine Schreibtische sind noch aus den 70er-Jahren, sein Hemd sieht aus wie aus dem Bestand einer DDR-Kooperative. Die Firmengebäude wirken in ihrer Schlichtheit fast protestantisch.

Am Tag des Interviews trifft die Nachricht ein, dass Brasiliens Wirtschaft im ersten Quartal einen Einbruch erlebte. Das Land könnte wieder in die Rezession rutschen. Ein herber Rückschlag. „Wir selbst wachsen wieder, 30 Prozent im vergangenen Jahr, 25 Prozent in diesem“, sagt Schneider. „Aber das ist das Resultat ständiger Innovationen und Umstrukturierungen, des konstanten Austauschs von Ideen, unter anderem mit der Fraunhofer-Gesellschaft in Deutschland.“

Er sieht sich als eine Art Vorbild für Brasilien – viele andere Unternehmen würden quasi in Schockstarre verharren. Woran das liegt? „Es fehlt das Vertrauen. Sie warten ab, ob das Land sich wirklich ändern will. Alles hängt davon ab, ob die Reformen durch den Kongress kommen.“

Schneider ist Koordinator der Bewegung Effizientes Brasilien (MBE). Gerade erst hat er bei einem Abendessen mit führenden Abgeordneten in der Hauptstadt Brasília gesprochen. Er drang auf eine Abwendung der Schuldenkrise, den Kampf gegen Sozialbetrug, mehr Investitionen in die Infrastruktur – und natürlich auf die unausweichlichen Reformen, die inzwischen alle Wirtschaftsexperten fordern, ob links oder rechts. Schneiders Lieblingsbeispiel: Sämtliche Staatsbeamten zählen zu den reichsten zehn Prozent der Brasilianer, und vier von fünf sogar zu den reichsten fünf Prozent. „Wie kann ein Staat das überleben?“ Bei einigen Politikern erkennt er nun erstmals den Willen zum Wandel. Vielen aber gehe es weiter nur um den Austausch von Gefälligkeiten, nicht um das große Projekt Brasilien.

Wie in Argentinien

Was Bolsonaro angeht, ist Schneider skeptisch. „Er ist ein radikaler Militär. Das ist sein Projekt, nicht die Wirtschaftsreformen. Er unterstützt den Reformkurs, aber er ist zu zögerlich, es dauert zu lange. 13 Millionen Arbeitslose könnten bald die Geduld verlieren.“

Und wenn die große Wende jetzt nicht gelingt? Dann, fürchtet Schneider, droht Brasilien ein Absturz wie Argentinien. Das Nachbarland sollte unter Präsident Mauricio Macri das leuchtende Beispiel für gelungene Wirtschaftsreformen in Lateinamerika werden. Aber der ehemalige Unternehmer Macri habe zu lange gezögert, sagt Schneider. „Die Finanzmärkte verloren den Glauben. Es gibt heute kaum Investitionen, dafür eine hohe Inflation. Jetzt kommen im Oktober womöglich die Linken unter Cristina Kirchner wieder an die Macht.“

Im großen Besprechungszimmer des Unternehmens hängen an der Wand die Porträts von Schneiders Vater, seinem Großvater und dem Urgroßvater, der das Unternehmen 1881 gründete. Und über der Tür ein Kruzifix, auf das Schneiders Blick nun fällt. „Das Schicksal Argentiniens könnte uns auch blühen“, sagt er. „Und dann gnade uns Gott.“

 


Der Beitrag ist in Capital 07/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay