Innovativste Unternehmen Brainlab: Operationssaal der Zukunft

Stefan Vilsmeier, Chef des Münchner Software- und Medizintechnikherstellers Brainlab
Stefan Vilsmeier, Chef des Münchner Software- und Medizintechnikherstellers Brainlab
© Fritz Beck
„Wir digitalisieren die Chirurgie“, sagt Brainlab-CEO Stefan Vilsmeier. Die Technologie des Münchner Unternehmens ermöglicht eine patientenschonende Behandlung

Bedrohlich rot ragt der Tumor aus der grauen Hirnmasse heraus. Eben hat Stefan Vilsmeier die Schädeldecke geöffnet und den Blick freigelegt auf die Wucherung – mit wenigen Fingerbewegungen auf einem Touchscreen. Durch ein paar Klicks ändert er die Perspektive, zoomt weiter in den Schädel hinein.

Das Gehirn auf dem Schirm ist das Abbild eines echten Organs. „Wir digitalisieren die Chirurgie“, sagt Vilsmeier, Gründer und CEO des Software- und Medizintechnikherstellers Brainlab. Vor allem bei komplizierten Operationen oder der Bestrahlung von Tumoren ermöglicht die Technologie des Münchner Unternehmens eine patientenschonende Behandlung. Mehr als 6000 Kliniken weltweit nutzen sie bereits.

Mithilfe bildgebender Verfahren wie der Computertomografie und künstlicher Intelligenz wird ein digitaler Zwilling des Patienten generiert. So haben Chirurgen Anhaltspunkte, wo sie beispielsweise Schnitte ansetzen, ohne Nerven zu durchtrennen. „Sie nutzen unsere Software quasi wie Google Maps“, erklärt Vilsmeier. Analog zum GPS-Signal des Handys in der Navigations-App liefern optische Sensoren im OP-Werkzeug die Information, an welcher Stelle genau sich das Instrument gerade befindet.

Im Hauptquartier von Brainlab rund um den Tower des früheren Flughafens Riem arbeitet knapp die Hälfte der weltweit rund 2000 Mitarbeiter. In mehreren OP-Sälen erleben Besucher virtuell, wie Wirbelsäulen gerichtet oder Tumore bestrahlt werden.

Die Entwicklungen dienen auch den Kliniken: „Die Chirurgie ist der größte Werttreiber im Krankenhaus und zugleich das größte Effizienzleck“, sagt Vilsmeier. Die Software hilft, OPs zu verkürzen und den Dokumentationsaufwand zu verringern. Da sie zudem mit einer Vielzahl unterschiedlicher Geräte funktioniert, sinken die Systemkosten.

Wer einen Blick in die Zukunft der Digitalchirurgie werfen will, muss in die Katakomben der Firmenzentrale hinabsteigen zum „Spacelab“, das an das Filmset der 60er-Jahre-Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille“ erinnert. Das Gehirn ist hier nicht auf einem Monitor zu sehen – dank Virtual Reality schwebt es in der Mitte des Raumes. Auf seiner Datenbrille hat der Operateur das Abbild des Organs und sämtliche medizinischen Informationen buchstäblich vor Augen. An kritischen Punkten der OP prüft die Software anhand statistischer Daten, ob das Vorgehen des Chirurgen Gefahren birgt, und blendet gegebenenfalls Warnhinweise ein. Die Technologie dahinter stammt vom US-Computerspielhersteller Level Ex, den Brainlab vor anderthalb Jahren übernommen hat.

Mit seinen Visionen ist Vilsmeier längst nicht am Ende. Er setzt sich dafür ein, dass Patienten anonymisiert Daten spenden, um zur Optimierung von Verfahren beizutragen. So könne etwa die belastende Hirnstimulation bei der Behandlung der Parkinsonkrankheit deutlich verkürzt werden, wenn die Ärzte genauer wüssten, wo die Elektroden den größten Nutzen bringen. „Je mehr Daten wir haben“, sagt Vilsmeier, „desto besser kann die Therapie personalisiert und präzisiert werden.“


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