KolumneBorussia Evonik gegen Bayern München

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Neben seinen Autos kannte der frühere VW-Chef Martin Winterkorn immer nur ein einziges Thema: Fußball. Kunst, Kultur oder gehobene Geselligkeit? Nein, danke. Winterkorn beseelte in seiner Freizeit nur ein Traum: Den VfL Wolfsburg endlich auf Augenhöhe mit dem FC Bayern München und Borussia Dortmund zu bringen. Mit vielen Millionen aus der Konzernkasse finanzierte Winterkorn den Kauf von Spielern und eine perfekte Infrastruktur für den Verein, um dieses Ziel zu erreichen. Und am Schluss befiel den VW-Chef im Fußball der gleiche Größenwahn wie im Autogeschäft: Kurz bevor Winterkorns Ära bei VW jäh mit seinem Sturz endete, verpflichtete der VfL Wolfsburg Stars wie Kevin de Bruyne und André Schürrle für zweistellige Millionensummen, um endlich den Durchbruch in die Bundesliga-Spitze zu schaffen.

Seit dem Ausbruch der großen Abgasbetrugskrise und den damit verbundenen Milliardenverlusten steht das Engagement für den Fußball im VW-Konzern auf dem Prüfstand. Vorläufig fließen zwar weiter rund 100 Mio. Euro pro Jahr auf das Konto des Vereins, wie Experten schätzen. Aber die neue VW-Führung unter Vorstandschef Matthias Müller betrachtet das Thema deutlich emotionsloser als Winterkorn. Selbst wenn das Sponsoring weiterläuft, dürfte Müller kein Geld mehr freigeben für überhöhte Transfers wie 2014 und 2015. Der Verein richtet sich sichtlich bereits auf knappere Überweisungen von VW ein und lässt seine überteuerten Stars wieder ziehen – zuletzt Schürrle.

Fragwürdiger Imageeffekt

Mittelfristig zementieren die knappen Kassen bei VW damit die jetzige Drei-Klassen-Gesellschaft in der Bundesliga. Es gibt den FC Bayern München – eine Sonderklasse für sich. Danach kommt Borussia Dortmund als einziger Verein, der streckenweise mit der ewigen Nummer Eins mithalten kann. Und dann der übrige Rest der Bundesliga – praktisch chancenlos, die Meisterschaft zu erringen. Nur mit dem großen Geld von VW im Rücken konnte der VfL Wolfsburg eine Zeit lang davon träumen, diese gegebene Ordnung der Dinge aufzubrechen. Das ist nun wohl für immer vorbei. Der FC Bayern München ist durch seine eigene, alle anderen Vereine überragende Finanzkraft und die Millionen seiner stabilen Unterstützer Adidas und Allianz in der Lage, im Transfermarkt für die weltbesten Spieler gegen Vereine wie Real Madrid anzutreten. Ein innerdeutscher Wettbewerb mit Millioneneinsätzen wie 2015 findet dagegen vorläufig nicht mehr statt.

Ändern könnte sich die jetzige Konstellation nur, wenn einen anderen Sponsor der Winterkornsche Größenwahn packt. Der einzige Kandidat dafür scheint im Augenblick ein mittelgroßer Chemiekonzern aus Essen zu sein, der Dortmund gern in eine Borussia Evonik verwandeln möchte. Der designierte Vorstandschef Christian Kullmann, ein gelernter PR-Mann, ließ sich am vergangenen Freitag im „Handelsblatt“ schon einmal mit einem doppelseitigen Interview als großer Fußballfan feiern. Seine erstaunliche Kernaussage zum Thema Sponsoring: „Ganz gleich, was wir zahlen – der Imageeffekt ist größer“. Will heißen: Evonik kann ruhig noch mehr Millionen Euro in den Verein buttern, weil sich alles PR-mäßig für den Konzern prima rechnet.

Worte, die von Winterkorn stammen könnten – und von der Realität des Essener Konzerns bereits meilenweit entfernt sind: Evonik liefert nur an Geschäftskunden und vertreibt kein einziges Produkt an Endverbraucher – und kann deshalb (anders als es Adidas oder die Allianz in München können) so gut wie kein direktes Vertriebspotenzial aus dem Fußballengagement schlagen.

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