PodcastBoris Palmer: „Die deutsche Bürokratie passt nicht gut zu einer Pandemie“

Tübingens Oberbürgermeister Boris PalmerIMAGO / Eibner

Seit dem 16. März dürfen der Einzelhandel und die Kultureinrichtungen in Tübingen öffnen, wenn man einen negativen Schnelltest vorlegen kann. Am Anfang durften die Tübinger sogar im Restaurant essen. Aktuell sind aber nur noch To-Go-Angebote erlaubt, da die lokalen Inzidenzwerte zu hoch sind. Doch der Tübinger Oberbürger Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) verteidigt das Modell. „Es war sehr voreilig, dass das Scheitern unseres Versuchs erklärt wurde, als wir an einem Tag mit der lokalen Inzidenz über 100 hinausgeschossen sind“, sagte Palmer im Podcast „Die Stunde Null“. Die Testdichte sei in Tübingen viel höher als im Rest von Deutschland. Den Modellversuch möchte er so lange weiterführen wie es geht.

Palmer zufolge ist ein massenhaftes Testen im Vergleich zu einem Lockdown “einfacher umsetzbar, weil es mit Anreizen, Vorzügen und auch mit Lebensqualität arbeitet“. “Wir wissen, dass die Testbereitschaft der Menschen groß ist, wenn man ihnen im Gegenzug auch Angebote macht: Gastronomie, Handel, Kultur”, sagt er.

Sein Modell musste allerdings wegen der zunehmenden neuen Infektionsfälle „verbessert und nachgeschärft“ werden. Die Schließung der Gastronomie gehört zu den Veränderungen, eine Testpflicht bei Firmen von mehr als 50 Mitarbeitern ab dem 12. April auch. Diese Pflicht wurde auch in der Stadtverwaltung eingeführt. “Meiner Meinung nach muss der öffentliche Dienst hier Vorbild sein“, sagt Palmer.

“Wir Tübinger sind so schlau, dass wir das Nasepopeln selbstständig erlernen können“

Boris Palmer

Der Modellversuch ist aber nur eine der Maßnahmen, die Palmer im Kampf gegen die Corona-Pandemie getroffen hat. Seine Lösungen sind oft unkonventionell und, wie er es selbst zugibt, nicht immer ganz im Bereich der Legalität: „Leider könnte ich Ihnen da eine ganze Liste nennen, aber ich möchte nicht direkt ins Gefängnis“, sagt er. Die zweite Generation von Tests hat er schon für die Schulen gekauft, als sie noch nicht vom Bund für die Selbstnutzung zugelassen worden waren. Sein Argument: “Wir Tübinger sind so schlau, dass wir das Nasepopeln selbstständig erlernen können.“ So hatten die Tübinger Schulen früher Tests zu Verfügung als viele andere Orte von Deutschland.

Ein solches Beispiel zeige, „dass man in einer Pandemie nicht gut fährt, wenn man den letzten Haken auf allen Formularen ausfüllen möchte”, so Palmer. Generell die deutsche Bürokratie „nicht gut zu der Bewältigung einer Pandemie“. „Da ist mehr Risikobereitschaft, Schnelligkeit, auch mehr Kreativität gefragt. Und da sind wir nicht gut in Deutschland”, findet der Tübinger Oberbürgermeister. Das Land sei „überbürokratisiert und unterdigitalisiert“.

Hören Sie außerdem in der neuen Folge von „Die Stunde Null“,

  • wem Palmer im Kandidatenstreit der Union den Vorzug gibt,
  • was die Grünen aus seiner Sicht falsch machen,
  • wie seine Urlaubspläne für diesen Sommer aussehen.

Alle Folgen finden Sie direkt bei Audio Now, Apple oder Spotify oder via Google.