Start-upWie Auto1 zum wertvollsten deutschen Start-up wurde

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Also los. Sie investieren etwas Geld in Online-Marketing, das bringt Interessenten, die klappern sie persönlich ab. Dazu müssen Händler abtelefoniert werden. Einen Nissan Micra, eingekauft für 180 Euro, schlagen sie am gleichen Abend für 240 Euro los. Bei einem Arzt werden sie zum Tee gebeten, sie nehmen einen Renault Kangoo mit. Deal. „Als wir gemerkt haben, das funktioniert, haben wir uns den Markt angeschaut“, erzählt Bertermann. „Und wir haben schnell festgestellt, dass wir hier einen riesigen Markt haben. Einen der größten überhaupt.“ Mehr als 350 Mrd. Euro in Europa, sieben Millionen Besitzumschreibungen allein in Deutschland jedes Jahr. „Da dreht sich viel“, sagt Koç. „Und überall, wo viele Transaktionen sind, kann man mit unserem Modell einen Mehrwert bieten.“

Denn auch auf der Seite der Abnehmer, der Händler, gibt es Probleme zu lösen: Die Beschaffung von Gebrauchtwagen ist umständlich; die Wagen, die zu bekommen sind, passen nicht immer zu dem, was die Kunden gerade suchen. Ein Vierteljahr nach Wirkaufendeinauto.de entsteht daher der zweite Baustein von Auto1: eine Internetplattform, auf der Händlern die angekauften Wagen angeboten werden.

Sie haben jetzt ein Modell, das beide Seiten perfekt zueinander bringt. Und das Auto1 eine ideale Position in der Mitte verschafft: Sie wissen, was der Markt will und was die Kunden haben. Darauf könnte sich etwas richtig Großes aufbauen lassen, das zeigen auch schon die ersten Zahlen. 224 Autos verkaufen sie im ersten Jahr, im zweiten sind es schon 4000.

Die Idee ist heiß – so heiß, dass man sie besser für sich behalten sollte. „Alle waren sich einig, dass ein gewisses Risiko besteht, dass so ein Modell kopiert werden könnte“, sagt Dames. Ausgefeilte Technik, die Auto1 einen Vorsprung verschaffen würde, gibt es noch nicht. Es geht erst einmal nur um eine effiziente Umsetzung der Idee. Etwas, das auch die Samwer-Brüder machen könnten – leicht zu kopierende Ideen sind genau ihr Beuteschema. Also verzieht sich Auto1 2013 an den Stadtrand, auf dem Parkplatz nebenan wird die erste Wirkaufendeinauto.de-Filiale eröffnet. Mit der Marke machen sie bald sogar TV-Werbung, über das Start-up dahinter wird Investoren und Umfeld aber Stillschweigen verordnet.

Im Geheimen rollen sie das Geschäft aus, eröffnen Ankaufstellen in Gewerbegebieten in ganz Deutschland, ab 2014 auch im europäischen Ausland. Die „heilige Zahl“, sagt Koç, sind 20 bis 25 Prozent Wachstum pro Monat. Irre ambitioniert, aber sie kriegen es hin. Der unbedingte Wille der beiden Gründer beeindruckt fast alle, die mit ihnen zu tun haben. In Zalando-Kreisen kursiert über Koç die Anekdote, dass er einmal bei einem Lagerverkauf an der Kasse aushalf – und doppelt so viel Umsatz wie die anderen machte. „Er war einfach schneller, hat die Leute so durchgepeitscht“, sagt einer, der dabei war.

2015 wird Auto1 mit 1 Mrd. Dollar bewertet, und die Gründer glauben sich nun weit genug, um die Welt mehr über sie erfahren zu lassen. Im November präsentieren sie sich auf einer Investorenkonferenz in London. „Wir sind“, sagt Bertermann, „das derzeit schnellstwachsende Unternehmen in Europa.“ 100.000 Autos habe man in den ersten drei Quartalen verkauft – mehr als dreimal so viel wie im gesamten Vorjahr. Auto1 ist in 20 europäischen Ländern und testet den US-Markt.

„Wir haben einen klaren Weg vor uns, um die volle Wertschöpfungskette unter Kontrolle zu bekommen“, kündigt Bertermann an. „Das bedeutet 20, vielleicht 30 Prozent Marge. Wer uns dabei folgen möchte, ist eingeladen, das zu tun.“ Mehr Kapital einzuwerben gelingt in der Folge problemlos. Über 1 Mrd. Euro stecken heute im Unternehmen, etwa vom 100 Mrd. Dollar starken Vision-Fonds von Japans Techkonzern Softbank, der die Auto1-Bewertung 2018 auf 2,9 Mrd. Euro getrieben hat. Das Wachstum ist nun nicht mehr so gigantisch wie anfangs, aber noch immer hoch.