KolumneWarum die Zins- und Inflationsängste übertrieben sind

Am Gebäude der New Yorker Börse weht eine US-Flagge
Am Gebäude der New Yorker Börse weht eine US-Flaggedpa

Ausgehend von den USA ist es in der vergangenen Woche an vielen Börsen zu einem massiven Kurseinbruch gekommen. Damit fand die positive Kursentwicklung der ersten Handelswochen dieses Jahres ein jähes Ende. Den S&P 500 erwischte es mit einem Minus von 4,1 Prozent zwar kräftig. Dies ist jedoch in den letzten zehn Jahren bereits stolze 24 Mal passiert, das heißt im Durchschnitt alle 109 Handelstage. Deutlich heftiger noch traf es den Volatilitätsindex VIX, der die kurzfristig erwartete Volatilität basierend auf Optionen auf den S&P 500 misst. Der VIX verzeichnete am 5. Februar mit 116 Prozent den prozentual zweithöchsten Anstieg der Indexgeschichte. Noch stärker stieg die Volatilität bislang nur am 19. Oktober 1987 dem „Schwarzen Montag“ an. Der Vorgänger des heutigen VIX legte an diesem Tag um mehr als 300 Prozent zu, und beim S&P 500 kam es mit einem Kursrückgang von 21 Prozent an diesem Tag zu einem wahren Crash.

Seit 30 Jahren besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen dem Aktienindex S&P 500 und dem Volatilitätsindex VIX: Steigt der VIX um ein Prozent an, sinkt der S&P 500 im Durchschnitt um rund 0,25 Prozent und umgekehrt. Am 5. Februar dieses Jahres bestand dieser enge Zusammenhang jedoch nicht. Entweder hätte der S&P 500 bei einem Volatilitätsanstieg von 115 Prozent um mehr als 25 Prozent nachgeben müssen, oder die Volatilität hätte bei einem Rückgang des S&P 500 von gut vier Prozent um nicht einmal 20 Prozent ansteigen dürfen. Das zeigt, dass der VIX an diesem Tag ein Eigenleben führte.

VIX Index

VIX Index Chart

Vieles spricht dafür, dass die Ursache für den Volatilitätsanstieg ein sogenannter „Short Squeeze“ war. Auslöser waren Marktakteure, die Volatilität über Futures verkauft haben, um damit auf einen weiteren Rückgang der Marktschwankungen zu setzen. Durch den Anstieg wurden sie gezwungen, ihre Positionen einzudecken. Im Falle einiger ETNs (Exchange Traded Notes) musste sogar der gesamte Net-Asset-Value ab einer gewissen Verlustschwelle liquidiert werden, was den Anstieg des VIX verstärkte. Das prominenteste Beispiel dafür war der XIV (VelocityShares Daily Inverse VIX Short-Term ETN), bei dem ab einem Tagesverlust von 80 Prozent die Option zur Liquidation bestand – die dann auch ausgeübt wurde. Insgesamt zeigt dies aus unserer Sicht, dass die Marktverwerfungen eher technischer Natur waren und nicht fundamental zu begründen sind.

Preisauftrieb ist nicht in Sicht

Sucht man dennoch nach fundamentalen Gründen für die Korrektur an den Aktienmärkten, liefert die Sorge der Anleger vor einer Rückkehr der Inflation die auf den ersten Blick plausibelste Erklärung für die aktuelle Kursentwicklung. Die Teuerung könnte die Notenbanken, insbesondere die US Federal Reserve, zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingen als bislang angenommen. Schließlich begann der Ausverkauf nach einem guten US-Arbeitsmarktbericht, der einen stärker als erwarteten Anstieg der Stundenlöhne belegte. Sie lagen im Januar um 2,9 Prozent über ihrem Vorjahreswert, eine derart hohe Zuwachsrate hatte es zuletzt im Sommer 2009 gegeben.

Dennoch heißt das nicht, dass daraus automatisch ein stärkerer Preisauftrieb resultiert. Zwar sind im Januar die Stundenlöhne gestiegen, gleichzeitig ist die Zahl der gearbeiteten Wochenstunden jedoch gesunken, sodass in den Portemonnaies der Verbraucher im Januar sogar weniger Geld als im Vormonat angekommen ist. Ein von höheren Lohnkosten induzierter Preisanstieg wäre nur dann zu erwarten, wenn die Privathaushalte mehr Geld zur Verfügung hätten, das sie auch ausgeben könnten. Da der stärkere Anstieg der Stundenlöhne darüber hinaus bislang nur in einigen wenigen Branchen zu beobachten ist, halten wir die gegenwärtigen Inflationssorgen für übertrieben.