FinanzevolutionBlockchain - vom Hype zur Ernüchterung

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Wer die TV-Serie Silicon Valley kennt, der erinnert sich sicher an den Spruch: „Wir machen die Welt zu einem besseren Ort.“ Die Serie spielt in der geografisch zwischen San Francisco und San José angesiedelten Start-up-Szene Kaliforniens und handelt davon, wie ein paar junge Nerds davon träumen, die IT- und Kommunikationswelt mit einem neuen Komprimierungsalgorithmus zu verändern. Viele Gründer verwenden in ihren Präsentationen in der Serie die eingangs erwähnte Floskel.

Die Weltverbesserungsattitüden zeichnen auch viele Berichte und Studien aus jüngerer Zeit über die Blockchain-Technologie aus. Jüngst schrieb die NZZ: „Die Technologie des Bezahlsystems Bitcoin gilt Enthusiasten als Basis eines besseren Internets.“ Die Blockchain ist weiter das ganze heiße Thema innerhalb und außerhalb der Finanzbranche.

Immer mehr Darstellungen verwenden dabei statt Blockchain den Begriff „Distributed Ledger“ (DLT), so auch die Deutsche Bankenaufsicht im BaFin-Journal 2/2016. Darin erklärt sie:

„Ein Distributed Ledger (wörtlich „verteiltes Kontobuch“) ist ein öffentliches, dezentral geführtes Kontobuch. Er ist die technologische Grundlage virtueller Währungen und dient dazu, im digitalen Zahlungs- und Geschäftsverkehr Transaktionen von Nutzer zu Nutzer aufzuzeichnen, ohne dass es einer zentralen Stelle bedarf, die jede einzelne Transaktion legitimiert. Blockchain ist der Distributed Ledger, welcher der virtuellen Währung Bitcoins zugrunde liegt.“

Die Unternehmensberatung PWC erklärt in einer im Juli erschienenen Kurzstudie für die Verbraucherzentrale NRW:

„Blockchain ist eine Technologie für Peer-to-Peer-Transaktionsplattformen. Kernfunktionalität der Blockchain ist die dezentrale Speicherung und Verschlüsselung von Transaktionsdaten in einer langen Kette von Datenblocks. Ergänzt wird die Blockchain durch Mechanismen für dezentrale Transaktionen.“

Blockchain verspricht Anonymität und Transparenz

Alle Erklärungen wirken noch unvollständig. Um die Technologie ist eine eigene kryptische Sprachwelt entstanden, die sich nur langsam erschließt. Jonas Schnelli, einer derjenigen, die den „Bitcoin-Kern“ pflegen, räumte jüngst gegenüber den NZZ ein, er habe zwei Jahre gebraucht, um Bitcoin zu verstehen.

Der Reiz dieser Technologie liegt für viele darin, dass sie Anonymität und Transparenz verspricht und das Frisieren von Büchern erschwert. Theoretisch ermöglicht die Technologie Rechtsansprüche rechts- und fälschungssicher ohne die Einschaltung vertrauenswürdiger Mittelsmänner (wie Banken, Ämter oder Händler) zwischen Unbekannten zu transferieren und Verfügungsrechte über Güter lückenlos digital nachzuweisen.

Trivial ist diese Aufgabe allerdings nicht, denn die Technologie ändert das Paradigma der Rechteverwaltung. Statt eines Kontos bei einem vertrauenswürdigen Verwahrer (etwa einer Bank, Depotbank oder einem Grundbuchamt), auf dem beispielsweise Guthaben, Wertpapiere oder Grundpfandrechte dokumentiert sind, verfügt jede an Blockchain-Transaktionen teilnehmende Person nur über eine nummerische Adresse  und ein Schlüsselpaar. Dieses Schlüsselpaar besteht aus einem öffentlichen (und daher bekannten) und einem privaten (geheimen) Schlüssel. Aus dem öffentlich bekannten Schlüssel wird die Adresse abgeleitet, die wie eine Art Kontonummer fungiert.  

Blockchain könnte Mittelsmänner ausschalten

In den heute bekannten Blockchains werden die Transaktionen  zu einem digitalen Gut in einer öffentlichen Blockchain dokumentiert und können von jedermann eingesehen werden (für Bitcon auf der Webseite http://blockchain.info). Praktisch hat so jeder die Möglichkeit, alle vergangenen Transkationen  nachzuvollziehen. Für Anwendungsbereiche, für die der Datenschutz wichtig ist und die den Aufwand für die komplexe und teure Verifikation der Transaktionen reduzieren wollen, wird mit privaten Blockchains experimentiert. Hier hat nur ein vereinbarter Kreis von Teilnehmern (z.B. Finanzdienstleister), die sich untereinander vertrauen, Zugriff auf die Daten.

Banken sind deswegen von der Technologie so elektrisiert, weil sie in der Theorie die sogenannten Mittelsmänner abschaffen könnte, von denen es in der Finanzbranche sehr viele gibt. Wichtige zentrale Geschäftspartner, wie Börsen, zentrale Gegenparteien zur Abwicklung von Wertpapiertransaktionen, mehrstufige Zahlungssysteme, Depotbanken, Broker, aber auch manche Geschäftsbanken stehen so auf dem Prüfstand.

Naheliegend ist natürlich die Technologie für Zahlungstransaktionen einzusetzen. Die Bank of England untersuchte jüngst in einer Studie, wie man die Distributed Ledger-Technologie für digitales Notenbankgeld einsetzen kann. Daneben kursieren mittlerweile unzählige Analysen über verschiedenste Anwendungsfälle im Finanzsektor.

Ein mögliches Anwendungsgebiet für Blockchain-Technologie wäre die Transaktionsabwicklung nach einem Wertpapierhandelsgeschäft. Wie manche vielleicht wissen, kann man zwar in Millisekunden Wertpapiere handeln. Die juristisch korrekte Verbuchung solcher Geschäfte dauert aber mitunter mehrere Tage. Zwischen den Handelsteilnehmern sitzen nämlich verschiedene Buchungs- und Verrechnungsstellen (Mittelsmänner), die dafür sorgen, dass die zentral verwahrten Urkunden auch dem richtigen Eigentümer zugeordnet werden. Nach einem Bericht der FAZ unter Berufung auf die Unternehmensberatung Oliver Wyman werden die Kosten der Finanzbranche für das Clearing and Settlement auf zwischen 65 und 80 Mrd. Dollar pro Jahr geschätzt.

Wann setzt die Ernüchterung ein?

Wendet man das Blockchain-Prinzip auf die Handelsabwicklung von Wertpapieren an, dann könnten die Transaktionen innerhalb weniger Minuten, vielleicht sogar Sekunden juristisch bestätigt und abgewickelt werden. Manche träumen davon, dass damit sogar die kostspielige „Handelsabstimmung“ eliminiert werden könne. Sie stellt sicher, dass die Buchhaltung über Transaktionen und Bestände verschiedener Handelspartner tatsächlich übereinstimmt .

Will man etwa die heutige Abwicklung von Wertpapieren und Derivaten in die Blockchain verlagern, müssen viele Voraussetzungen erfüllt werden und Finanzdienstleister und Regulatoren unter einen Hut gebracht werden. Denkbar ist aber auch, dass neue Emissionen per Blockchain getätigt werden. Dazu bedarf es eigentlich nur eines einzigen Dienstleisters. Die erste per Blockchain-Technologie bekannt gewordene öffentliche Transaktion hat im vergangenen Jahr der börsennotierte Online-Händler Overstock.com abgewickelt. Overstock hatte im vergangenen Jahr bei der US-Börsenaufsicht SEC die Emission von Aktien „auf einem kryptografisch gesicherten verteilten Register-System“ angemeldet und arbeitet derzeit an der Einführung von TØ, einer Handels- und Abwicklungsplattform für die US-Börse Nasdaq auf Basis der Blockchain-Technologie (mehr dazu auf Coindesk).

Abgekommen bin ich von der Eingangsfrage, ob „die Blockchain die Welt zu einem besseren Ort“ macht. In der Welt der Serie „Silicon Valley“ spielt die Einhaltung dieses Versprechens keine Rolle. Es soll lediglich Investoren und Publikum neugierig machen. In Wirklichkeit interessiert sich kaum jemand bei den Start-ups für die Verbesserung der Welt, sondern nur für den nächsten Geldgeber. Die Blockchain-Technologie ist unter dem Etikett Bitcoin ebenfalls einst mit einem romantischen Ideal gestartet. Übrig geblieben ist davon nicht viel. Derzeit erreicht das Thema im Gartner Hype-Cycle-Report ein Erwartungshoch. Das ist ein sicheres Zeichen für eine Phase der Ernüchterung. Letztlich geht es bei diesen Erwartungen darum, Transaktionen sicherer, schneller und kostengünstiger zu machen. Zumindest ökonomisch soll die Welt so zu einem besseren Ort werden. Ob das gelingt, ist freilich längst noch nicht ausgemacht.