KommentarBitte keine EZB-Hysterie!

EZB-Zentrale in Frankfurt
EZB-Zentrale in Frankfurt
© Getty Images

Es ist gleich ein ganzes Bündel von Maßnahmen, das die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag gegen die drohende Deflation und eine mögliche Rezession verkündet hat – und doch sind es vor allem zwei Punkte, die für großen Unmut sorgen: Die Senkung der ohnehin schon negativen Einlagezinsen für Banken von minus 0,1 Prozent auf minus 0,2 Prozent und der Start des Aufkaufs von forderungsbesicherten Wertpapieren (Asset Backed Securities, ABS).

Warum, liegt auf der Hand: Zum einen fürchten viele, dass Banken künftig die „Strafzinsen“ auch an Endkunden weiterreichen. Zum anderen stehen die meist noch mit Adjektiven wie „toxisch“ versehenen Asset Backed Securities (ABS) als Synonym für alles Unheil der Finanzkrise: Hat nicht die Vergabe, das Umverpacken und Weiterreichen von Schrottkrediten entscheidenden Anteil am Drama des US-Häusermarkts, Milliardenverlusten und der Finanzkrise? Und diese womöglich „toxischen“ Papiere will die Europäische Zentralbank aufkaufen?

Christian Kirchner
Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital

Nun gibt es keinen Zweifel, dass die EZB mit ihrer Krisenpolitik einen heißen Reifen fährt. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob der Preis, der für solche unorthodoxen Maßnahmen zu zahlen sein wird (und dessen Höhe noch unbekannt ist), die Chance Wert ist, eine Deflation abzuwenden und die Kreditvergabe der Euro-Zone wieder anzukurbeln.

Allerdings hilft Hysterie nicht weiter, sondern Sachlichkeit. Betrachten wir zunächst die angeblich so „riskanten“ Asset Backed Securities (ABS). Nun beginnt die EZB zwar mit dem Aufkauf – als Pfand für den Geldverleih akzeptiert sie gute ABS-Papiere aber schon längst. Insofern ist die Maßnahme gar nicht so weitreichend, wie sie klingt.

Schiefe Wahrnehmung von Verbriefungen

Die ABS-Papiere sind zudem ein gutes Beispiel dafür, dass die so häufig geforderte Regulierung von Finanzprodukten stets auch einen sozialen und realwirtschaftlichen Preis hat – und auch, wie uns die Wahrnehmung einen Streich spielen kann.

Denn von den insgesamt knapp 6000 Mrd. Euro an Verbriefungen, die in den USA ab 2007 bereits auf dem Markt waren oder seitdem neu verkauft wurden, fielen bis Ende 2013 bei 18 Prozent die Zahlungen an Anleger aus, in der Summe also ein vierstelliger Milliardenbetrag. Das hat die Ratingagentur Stanard & Poor’s errechnet.

In Europa wiederum wechselten seit 2007 und somit einschließlich des letzten Vorkrisenjahres Wohnimmobilienkredite im Wert von 760 Mrd. Euro den Besitzer über Verbriefungen. Rollierende 12-Monats-Ausfallrate: 0,1 Prozent. 170 Mrd. Euro als verbriefte Forderungen, so genannten Asset Backed Securities – Ausfallrate: 0,05 Prozent. 1100 Mrd. als Pfandbriefe – Ausfallrate (natürlich auch dank umfangreicher Garantien und Hilfspakete): 0 Prozent. Im gesamten Verbriefungsmarkt von Autofinanzierungen, Gewerbe- und Wohnimmobilien bis hin zu Konsumentenkrediten gab es in Europa seit 2007 Ausfälle von lediglich 1,5 Prozent, also zwölfmal weniger als in den USA. 

Allerdings gilt auch für Wertpapiere, dass man niemals eine zweite Chance bekommt, einen ersten Eindruck zu hinterlassen. Keine Wertpapiergattung wurde in Europa so rigoros reguliert wie Verbriefungen – trotz der sehr überschaubaren Ausfälle. Die Kapitalregeln sind künftig so streng, dass es sich für Banken und Versicherer nicht mehr lohnt, die Papiere zu kaufen.

europäische Papiere haben Widerstandskraft bewiesen

Nun schrumpft der Verbriefungsmarkt in Europa immer weiter, während er in den USA – quasi der Weltzentrale des Giftmülls – längst wieder wächst und erneut zur Risikotransformation und zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Das ist ein makaberer Scherz der jüngeren Finanzmarktgeschichte.

Der Kern des Problems beim Aufkauf von Asset Backed Securities ist daher weniger, dass sich die Notenbank damit pauschal „Giftmüll“ in die eigene Bilanz hebt, denn die europäischen Papiere haben in der Krise Widerstandskraft bewiesen.

Das Problem ist vielmehr, ob es in einem schrumpfenden Markt überhaupt ausreichend Papiere gibt, die sich aufzukaufen lohnen und Bankbilanzen tatsächlich entlasten. Viele von Capital befragte Experten haben das noch im Frühjahr verneint. Für qualitativ hochwertige und gut dokumentierte Verbriefungen – etwa im Wohnimmobilien- oder Autokreditmarkt – gibt es schließlich trotz strenger Kapitalregeln durchaus einen Käufermarkt und da braucht es die Europäische Zentralbank nicht. Fraglich ist darüber hinaus, ob die Banken die Erleichterungen dann auch tatsächlich nutzen, um wieder mehr Kredite an Unternehmen und Privatpersonen auszureichen, was das eigentliche Ziel der Maßnahme ist. Eine pauschale Verunglimpfung ist indes deplatziert.

Einlagenzinsen für den Kunden nicht von Bedeutung

Das betrifft auch das Thema negative Einlagenzinsen, bei der sich selbst Skeptiker die Frage stellen müssen, wieso selbst ein geldpolitischer Hardliner wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann mit Negativzinsen kein Problem hat.

Die Maßnahme – die Senkung des Einlagezinsen von 0,1 auf 0,2 Prozent – ist für den Endkunden zunächst nicht von Bedeutung – sie betrifft das Geschäft der Banken mit der Europäischen Zentralbank. Zwar bejammern wir die niedrigen Zinsen, die uns Banken auf unser Guthaben zahlen. Dabei orientieren wir uns allerdings stets an den Nominalzinsen. Eine negative Verzinsung von Sparguthaben und anderen Einlagen – weil die Inflationsrate über der Verzinsung lag – war in etwa der Hälfte der Zeit seit dem zweiten Weltkrieg üblich, ohne, dass dies zu größerem Protest geführt hätte. Aktuell ist es ohne große Mühe möglich, die Inflationsrate von zuletzt 0,8 Prozent mit einfachen Tagesgeldkonten mit starker Einlagensicherung zu schlagen. Das ist zwar eine mickrige Verzinsung, aber immer noch besser als reale Verluste durch die Teuerung.

Drohen auch Sparern nach der Senkung der EZB negative Einlagenzinsen in absehbarer Zeit? Das ist aus einem eher verhaltenspsychologischen Grund eher unwahrscheinlich: Die Menschen erdulden ausweislich der Geldvermögensstatistik klaglos Nullzinsen und nehmen die Teuerung nicht als Verlust wahr. Man spricht auch von der Geldillusion. Sobald aber die Einlagenzinsen unter Null sinken, haben sie das Gefühl, dass ihnen tatsächlich die Bank das Geld aus der Tasche zieht. Eine Massenflucht wäre die Folge – zu anderen Banken oder aber schlicht in das Horten von Bargeld im Safe.

Aus dem gleichen Grund können auch die Einlagenzinsen (und übrigens auch die Renditen von Staatsanleihen) nicht unbegrenzt sinken. Was den negativen Einlagenzins zu einer eher stumpfen, psychologischen Maßnahme macht.

Denn sinkt der Einlagenzins bei der Notenbank zu stark, werden Banken ihr Geld nicht mehr bei der EZB parken, sondern damit beginnen, es in Massen physisch abzuheben und zu lagern, sobald es sich für sie rechnet. In einer sehr groben Näherung haben etwa Analysten von Goldman Sachs im Mai errechnet, dass für das Abheben, Lagern und Bewachen von 100 Mrd. Euro allenfalls 0,5 Prozent Kosten pro Jahr anzusetzen wären – immerhin die bemerkenswerte Summe von 500 Mio. Euro. Die Höhe der Kosten sind die Untergrenze für weitere Senkungen der Einlagezinsen für Banken, zumal sich die Notenbank kaum erlauben dürfte, die Herausgabe des Geldes in Bar zu verweigern, will sie nicht den totalen Vertrauensverlust riskieren.