GastbeitragBis zu zwei Drittel aller Bankjobs gehen verloren

Der Turm der Deutschen Bank in Frankfurt
Der Turm der Deutschen Bank in Frankfurtdpa

In einem Interview Anfang 2017 habe ich erklärt, dass der Finanzplatz Frankfurt in den kommenden 10 bis 15 Jahren bis zu zwei Drittel der Arbeitsplätze in den traditionellen Kreditinstituten verlieren wird. Zwischenzeitlich wurde ich mehrfach darauf angesprochen und habe meine Einschätzung immer bestätigt. Mit diesem Beitrag gehe ich noch einen Schritt weiter.

Beginnen wir am Anfang: sämtliche Studien zur Digitalisierung gehen branchenübergreifend von einem Verlust von etwa der Hälfte aller heute existierenden Arbeitsplätze aus. Besondere Aufmerksamkeit erlangte die Studie von Frey und Osborne, die bereits aus dem Jahre 2013 stammt. Sie sagt einen Arbeitsplatzrückgang von 47 Prozent für den US-amerikanischen Markt bis 2030 voraus. Dies lässt sich auf andere Arbeitsmärkte und auch auf die Bankenbranche übertragen. Aussagen der Vorstände großer Kreditinstitute bestätigen dies. So wird der Deutsche Bank-Chef John Cryan zitiert, der die Hälfte seiner Mitarbeiter einsparen will. Oder Nordea, UBS, Société Générale – die Liste ließe sich weiter fortsetzen.

Der Abbau von etwa der Hälfte aller Bankarbeitsplätze scheint also unumstritten. Wie komme ich nun auf einen Verlust von bis zu zwei Dritteln in Frankfurt?

In meinem Interview ging es um die Frage, wie viele zusätzliche Bankarbeitsplätze in Frankfurt aufgrund des Brexits entstehen würden. Die positiven Schätzungen hofften auf 10.000 bis 15.000 neue Jobs. Nach meiner Einschätzung werden es deutlich weniger, da viele Banken den Wechsel nach Frankfurt für einen Arbeitsplatzabbau nutzen werden. Dennoch werden kurzfristig neue Bankarbeitsplätze in Frankfurt entstehen. Langfristig wird aber die Digitalisierung zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen in den Kreditinstituten führen.

Auch höher Qualifizierte sind betroffen

Betrachtet man nun die Tätigkeiten, die sich gut automatisieren lassen, sind dies nicht nur Stellen mit geringer Qualifizierung, sondern zunehmend auch sogenannte „white collar“ Jobs mit höheren Anforderungen. Sofern diese Arbeiten in Kreditinstituten nicht bereits heute schon von Maschinen erledigt werden, verlieren Kassierer, Mitarbeiter zur Dateneingabe, Buchhalter, Kreditsachbearbeiter und Kreditanalysten ihren Job. Zusätzlich sind Arbeitsplätze in der Verwaltung, persönliche Finanzberater und Volkswirte gefährdet. Und auch im Wertpapierhandel, der Wertpapieranalyse und der juristischen Vertragsausarbeitung sind Computer teilweise heute schon ihren menschlichen Kollegen weit voraus.

All dies sind Arbeiten, die von den meisten Banken zentral in ihren Hauptquartieren in Frankfurt durchgeführt werden. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass in den Bankenzentralen mehr als die durchschnittlichen 50 Prozent der Bankarbeitsplätze verloren gehen werden, bis hin zu zwei Dritteln. Für den Finanzplatz Frankfurt wäre es natürlich wünschenswert, wenn der Verlust dieser Arbeitsplätze durch neue Jobs aufgefangen wird, beispielsweise bei Fintech-Unternehmen. Ob der in 2018 recht spät angekündigte „Masterplan“ der hessischen Landesregierung den gewünschten Erfolg bringt, bleibt abzuwarten. Es sollen momentan 33,5 Mio. Euro für die Ansiedlung von Fintechs in Frankfurt bereitgestellt werden in der Hoffnung, ihre Zahl von aktuell 80 auf 500 in den nächsten vier Jahren zu erhöhen.

Für Aufsehen hat auch eine Veröffentlichung der Unternehmensberatung Oliver Wyman gesorgt. In dieser umstrittenen Studie kommen die Berater zu dem Schluss, dass von den momentan knapp 1900 Kreditinstituten in 10 bis 15 Jahren nur noch 150 bis 300 übrig bleiben werden. Begründet wird das unter anderem mit einem höheren Wettbewerb auf dem deutschen Bankenmarkt. Wie auch immer sie zu diesen Zahlen gekommen sind und ob der Rückgang tatsächlich so massiv ausfallen wird: die Richtung stimmt. Es wird zu weiteren Zusammenschlüssen kommen, insbesondere bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Neben dem von Wyman angenommenen steigenden Wettbewerb spielen auch die Niedrigzinsphase und steigende regulatorische Anforderungen mit hohen Kosten eine Rolle. Kleinere Kreditinstitute können alleine nicht mehr überleben.

Digitalisierung und Konzentration vernichten Jobs

Dieser Konzentrationsprozess in der Kreditwirtschaft bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die Arbeitsplätze. So wird berichtet, dass aufgrund der Fusion von Deutscher Bank und Postbank 6000 der 30.000 Stellen beider Institute abgebaut werden sollen. Jede fünfte Stelle wird also durch den „Abbau von Doppelfunktionen“ eingespart. Die Nutzung von Synergieeffekten und Einsparung von Kosten sind die wesentlichen Treiber bei Fusionen und lassen sich auf die prognostizierte Konzentrationswelle übertragen.

Betrachtet man diese beiden Entwicklungen – Digitalisierung und Konzentration in der Bankbranche – nicht mehr nur isoliert, sondern im Zusammenhang, zeigt sich ein wesentlich dramatischeres Bild für die Beschäftigten. Allein die Digitalisierung führt zu einem Abbau von etwa der Hälfte aller Arbeitsplätze. Die zunehmende Konzentration auf dem Bankenmarkt durch Fusionen sorgt zusätzlich für einen Abbau von Bankarbeitsplätzen. Nimmt man die Fusion von Deutscher Bank und Postbank als Benchmark, führt der Konzentrationsprozess zu einem Verlust von nochmals etwa 20 Prozent der Stellen.

Daher muss ich meine Einschätzung von 2017 erweitern. Nicht nur in Frankfurt werden in den kommenden 10 bis 15 Jahren aufgrund der Digitalisierung bis zu zwei Drittel der Stellen im Bankgewerbe verloren gehen. Es wird in Verbindung mit der Bankenkonzentration insgesamt zu einem Rückgang der Arbeitsplätze in Kreditinstituten von weit über 50 Prozent, bis hin zu zwei Drittel, kommen. Gab es also Ende 2016 noch 600.000 Beschäftigte im Kreditgewerbe, könnten es 2030 nur noch 200.000 bis 300.000 sein.

Die künftige Entwicklung könnte also für die Banken und Sparkassen in Deutschland einen weit dramatischeren Verlauf nehmen, als die ohnehin schon düsteren Prognosen erwarten lassen.