VersicherungBerufsunfähigkeit – Schmerz lass nach

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Ein Postbote rutscht aus
Im Leistungsfall müssen Versicherungsnehmer drei Monate auf den schriftlichen Bescheid warten. Noch länger zieht sich die Prüfung hin, wenn medizinische Gutachten nötig sind – Foto: Corbis

Um im Leistungsfall Auseinandersetzungen von vornherein zu vermeiden, wendet Berater Albers dieselben Mittel an wie die Versicherer: systematische Formulararbeit. Er sammelt Facharztberichte, zeichnet minutiös den Berufsalltag des Mandanten nach. Dabei helfe vor allem das Wissen, „wie die auf der Gegenseite ticken“. Ohne professionelle Hilfe wird es schwierig, die Nachfragen der Leistungsprüfer zu beantworten. Geduld muss der Versicherte sowieso mitbringen: Vom Antrag bis zum Entscheid vergehen im Schnitt 104 Tage.

Kausers Anwalt klagt und verhandelt ein halbes Jahr, bis endlich ein außergerichtlicher Deal steht: Der Versicherer zahlt nicht die volle Summe und auch keine Rente, aber einen hohen Einmalbetrag. Kauser kann damit leben, fair behandelt fühlt er sich nicht: „Die wollten mich mürbemachen.“

Seit einer Gesetzesänderung 2008 ist es für die Versicherer schwieriger, sich von der Zahlungspflicht zu befreien. Im Streitfall müssen sie sich häufiger als früher mit ihren Versicherten einigen.

Selbst wenn es hart auf hart kommt und die Sache vor Gericht geht, stehen die Chancen für Versicherte nicht schlecht, zu ihrem Recht zu kommen. In sechs von zehn Fällen erreichten klagende Kunden im Jahr 2013 laut einer M&M-Studie zumindest einen Vergleich mit dem Unternehmen, jeder zehnte gewann sogar. Hartnäckigkeit macht sich bei dieser Police bis zum Schluss bezahlt.

Leistungsfall

Auf dem Papier zahlen sie alle. Das Analysehaus Morgen & Morgen wollte es genauer wissen – und hat bei den Gesellschaften nachgefragt, wie viele Anträge auf Berufsunfähigkeit die einzelnen Unternehmen tatsächlich anerkennen. Einige Unternehmen leisten in mehr als 80 von 100 Fällen, andere nicht mal in 30.

So funktioniert die Übersicht

Die Stunde der Wahrheit schlägt bei der Absicherung gegen Berufsunfähigkeit im Leistungsfall – wenn der Kunde eine Rente beantragt. Dann ist er auf einen kompetenten und leistungsbereiten Vertragspartner angewiesen. Die Zahlungsbereitschaft im Markt unterscheidet sich allerdings gewaltig, wie eine Studie des Analysehauses Morgen & Morgen zeigt. 59 von 68 Gesellschaften stellten sich im BU-Rating der Frage, wie sie es mit der Anerkennung von Anträgen halten. Einige Gesellschaften wollten für diesen
Fall nur ungefähre Spannen angeben, andere wie Provinzial Nordwest, Targo oder WGV verweigerten jede Auskunft. Im Schnitt zahlt die Branche in gut
70 von 100 Fällen, bei weniger kulanten Gesellschaften sollten Kunden
gut vorbereitet antreten, um ihre Ansprüche durchzusetzen.

Große/kleine Versicherer
Große Gesellschaften mit über 50.000 Verträgen verzeichnen naturgemäß auch viele Leistungsfälle im Bestand, oftmals mehr als 1000. Die Leistungsquote ist dort besonders aussagekräftig. Bei kleinen Unternehmen mit meist weniger als 500 Fällen, schwankt die Quote hingegen von Jahr zu Jahr stärker.

Leistungsquote
Die Zahl zeigt, wie viele von 100 neuen Anträgen auf Berufsunfähigkeitsrente der Versicherer anerkannt hat. Nicht mitgezählt wurden Fälle, in denen der Kunde seinen Antrag nicht weiter verfolgt hat. Zum Beispiel, weil seine Erkrankung sich besserte. Optimal ist laut Morgen & Morgen eine Leistungsquote von 80 bis 85 Prozent, bei höheren Werten prüft der Versicherer eventuell zu lässig – zulasten anderer Kunden.

M&M-Bewertung Kompetenz
In dieser Kategorie misst Morgen & Morgen, wie kompetent der Versicherer im Leistungsfall auftritt. Neben der Leistungsquote fließt ein, ob Anträge professionell abgewickelt werden und der Service stimmt.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 08/2015 erschienen