VersicherungBerufsunfähigkeit – Schmerz lass nach

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Akribie zahlt sich aus

Ein Maler fällt von der Leiter
Maler, Schreiner und alle anderen, die handwerklich arbeiten, tragen aus Sicht der Versicherer ein erhöhtes Risiko, berufsunfähig zu werden. Sie zahlen höhere Prämien als Kunden mit einem Bürojob – Foto: Interfoto

„Die Berufe, die den Schutz am nötigsten brauchen, bekommen ihn immer schwerer“, so Helberg. Schreiner oder Krankenschwestern müssen mittlerweile sehr hohe Prämien zahlen. Das gilt sogar für junge Leute, wie ein Azubi der Verfahrenstechnik feststellen musste, bei dem für die gewünschte 1000-Euro-Rente 100 Euro Monatsbeitrag aufgerufen wurden.

Die Praxis der Branche hat mittlerweile Verbraucherschützer auf den Plan gerufen. Die „Rosinenpickerei“ höhle die private Absicherung aus, kritisiert etwa Axel Kleinlein, Chef des Bunds der Versicherten. Er fordert einen Grundschutz für jedermann – und flächendeckend unabhängige Beratungsangebote für die heikle Antragstellung.

Wer gesundheitlich angeschlagen ist, muss seit jeher mit Schwierigkeiten rechnen. Alle Versicherer fragen nach Beschwerden – rückwirkend meist für fünf Jahre. Selbst ein Arztbesuch wegen verspanntem Nacken muss im Fragebogen angegeben werden; Psychotherapien sowieso – und sei es nur eine Sitzung wegen Flugangst.

Allein aus dem Gedächtnis lassen sich diese Fragen kaum wahrheitsgemäß beantworten, zumal nicht immer klar ist, was der Arzt konkret abgerechnet hat. Man muss die eigene Gesundheitshistorie pingelig genau aufarbeiten. Das bedeutet: Ärzte abklappern, Unterlagen einholen, Listen erstellen. Für den Aufwand sollten Antragsteller mindestens eine Woche einkalkulieren.

Die Gesundheitsfragen im Antrag füllt Kauser selbst aus, trägt seinen Hausarzt ein und was ihm einfällt, zum Beispiel, dass er kurzsichtig ist. Er unterschreibt das Formular – und schickt es ab.

Ohne Arztauskunft sei jeder Antrag ein Lotteriespiel, warnt Berater Albers – insbesondere für Problemkunden. Doch selbst ein Hautausschlag kann als „gefahrerheblich“ gelten und einen Aufpreis nach sich ziehen. „Jede Gesellschaft erhebt andere Zuschläge. Die Prämienübersichten muss man sich wie Listenpreise beim Autohändler vorstellen – ohne Extras“, sagt Helberg. Die individuelle Prämie nennen die Versicherer erst dann, wenn sie das Risiko kennen. Für manchen Antragsteller kann sich die Offenlegung seines Falls als fatal erweisen: Wer einmal abgelehnt wird, erhält oft anderswo auch keinen Vertrag mehr. Die Unternehmen tauschen Daten untereinander aus.

Anonyme Anfrage

Als wirksames Gegenmittel nutzen umsichtige Profis einen inoffiziellen Weg, um Kunden unterzubringen: die sogenannte Risikovoranfrage. Dabei erhalten die Versicherer alle Daten nur anonymisiert, nennen ihren Preis und Leistungsausschlüsse. Erst wenn alle Angebote vorliegen, wählt der Kunde aus. Die Bilanz des Verfahrens kann sich laut Helberg sehen lassen: Acht von zehn Interessenten bekommt er 2014 auf diesem Weg ohne Auflagen unter.

Bei Diplomingenieur Kauser klappt es mit dem Antrag auf Anhieb. Der Versicherer sendet ihm die Police zu. Haken dran.

So sehr die Gesellschaften auch an risikoarmen Kunden interessiert sind – bei Unstimmigkeiten in den Formularen schauen die Sachbearbeiter nicht immer genau hin, wenn der Antrag auf ihrem Schreibtisch landet. Wohl aber später, wenn der Kunde Leistungen in Anspruch nehmen will.

Gründe für Leistungsverweigerung

Als Kauser 2011 aus dem künstlichen Koma erwacht, denkt er nicht ans Geld. Er hat sich bei einem Sturz schwere Kopfverletzungen zugezogen. Jetzt muss er wieder gehen lernen und sprechen. Die epileptischen Anfälle bleiben, er ist schwerbehindert. 2014 beantragt er Berufsunfähigkeitsrente.

Wenn sie Geld einfordern, das ist vielen Versicherten nicht klar, müssen sie ihre Berufsunfähigkeit präzise darlegen. Fragebögen mit bis zu 14 Seiten auszufüllen ist normal. Die Chancen, danach tatsächlich eine Rente zu erhalten, sind nicht schlecht: In sieben von zehn Fällen zahlen die Versicherer, wenn der Kunde dranbleibt, hat Morgen & Morgen ermittelt.

Die Beweisführung ist allerdings heikel. „Jedes Komma kann gegen Sie verwendet werden“, warnt Helberg. Viele Krankheitsbilder liegen in einer Grauzone, das gilt vor allem für psychische Erkrankungen. Weil es um hohe Summen geht und der Grad der Beeinträchtigung schwer zu messen ist, gelten die BU-Policen unter Anwälten als besonders streitanfällig. In jedem zehnten Streitfall berufen sich die Versicherer darauf, der Kunde habe im Antrag geschummelt.

Am 14. November 2014 erreicht Kauser die Ablehnung des Versicherers. Das Unternehmen ficht den Vertrag an. Laut Arztbericht soll der Ingenieur vor fast zehn Jahren chronische Beschwerden verschwiegen haben. Kauser sucht sich einen Fachanwalt.