StreitgesprächBayer vs. Grüne: Wie ernähren wir zehn Milliarden Menschen?

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Konzerne wie Monsanto und Bayer arbeiten daran, für solche Menschen besseres Saatgut zu züchten. Findet das Ihre Zustimmung?

Habeck: Ich bin sehr für Forschung und Innovation. Wir brauchen eher mehr davon, auch wegen des Klimawandels. Und wenn Sie den Bauern neue Sorten präsentieren, die klimaangepasst gute Erträge abwerfen, dann klatsche ich in die Hände und freue mich. Ich würde nie eine Banane nicht essen wollen, nur weil das Saatgut von Bayer kommt. Solange die Banane nicht auf ewig Bayer gehört.

Herr Condon, haben Sie was in der Pipeline, wo Herr Habeck in die Hände klatschen kann?

Condon: Jede Menge. Nehmen wir Reis. Mit dem Klimawandel steigt das Meeresniveau an, viele küstennahe Gebiete, wo Reis angepflanzt wird, werden überflutet. Der Reis überlebt das nicht. Man kann das Saatgut so stärken, dass es Überflutungen und Versalzung durch das Meerwasser überstehen kann. Wir können auch Weizen so züchten, dass er mit viel weniger Wasser auskommt und Dürre aushält.

Herr Habeck, klatschen Sie mal.

Habeck: Das Saatgut wird vermutlich teurer sein als herkömmliches. Die kleinen, kapitalschwachen Bauern können sich das nicht leisten, sondern nur Großbauern. Dann wird da effektiver Reis angebaut, aber man hat die soziale Struktur zerbrochen. Die gute Absicht der Forschung führt zu einer Monopolisierung des Reisanbaus in China in der Hand von einem Saatguthersteller, der auch das Pestizid liefert.

Die Lösung kann doch nicht sein, dass Bayer sich raushält …

Habeck: Nein, aber Patente auf Pflanzen und Tiere darf es nicht geben. Denkbar wäre, dass die Welternährungsorganisation Lizenzen aufkaufen darf und das Saatgut kostenlos oder kostengünstig an die Bauern gibt.

Darauf würde sich Bayer kaum einlassen, oder?

Condon: Nein, das wäre kaum mit der Marktwirtschaft vereinbar. Aber Reis ist ein gutes Beispiel. Er ist ein Grundnahrungsmittel in Asien, er wird oft subventioniert. Jeder sollte ihn sich leisten können, aber nicht alle können es. Deshalb haben wir einige Pilotprojekte mit Partnern. Sie bieten den Bauern Mikrokredite, mit denen können sie das Saatgut kaufen und eine Versicherungspolice gegen Ernteausfälle. Was halten Sie davon, Herr Habeck?

Habeck: Mikrokredite sind eine feine Sache, aber die Versicherungen wollen sicher Gewinne machen. Wir brauchen eine Art Open-Source-Politik für Saatgut und Pestizide.

Dann müsste der Staat aber mehr Geld in die Forschung stecken …

Habeck: Ja. Und ich sehe da schon ein Dilemma. Wir sind vorhin auf dem Campus an den Gewächshäusern der Humboldt-Uni vorbeigelaufen. Ich hab Liam Condon gefragt: Sieht das bei euch auch so aus? Er sagte: Ja, nur sehr viel größer. Natürlich ist die Forschung in den starken Unternehmen schlagkräftig. Die Frage ist schon, gäbe es Bayer und Monsanto nicht, ob eine Uni das allein würde stemmen können.

Sie sprachen vorhin über die Sozialromantik der Grünen: der Ökobauer mit 20 Hektar, der im Einklang mit der Natur Pflanzen anbaut. Ist das realistisch – oder sorgt man da nicht eher für den Nachschub bei „Bauer sucht Frau“?

Habeck: Na ja, Ökobauern machen auch Innovationsfortschritte. Aber natürlich hat der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden für enorme Produktionssteigerungen gesorgt. Und natürlich haben wir es dem immer effizienteren Wirtschaften der Landwirte zu verdanken, dass wir heute nur noch zehn bis zwölf Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel ausgeben und nicht 80 oder 90 Prozent. Die Gesellschaft ist reicher geworden durch günstige Lebensmittel. Völlig unstrittig. Das verdanken wir den Bauern und den Innovationen im Bereich Zucht, Kunstdünger und Pestizide.

Condon: Und diese Innovationen brauchen wir auch in Zukunft!

Habeck: Ja, aber wir haben eben auch neue Probleme zu lösen, und die Industrialisierung der Landwirtschaft hat einen hohen Preis. Ich will nicht zurück zu einer Bullerbü-Landwirtschaft mit drei Schweinen und zwei Hühnern. Wir wollen auch den Bauern in Afrika nichts vorschreiben. Ich möchte aber, dass unsere Fehler anderen erspart bleiben. Wir dürfen die Landwirte nicht in eine neue Abhängigkeit treiben.

Wir haben in diesem Gespräch zwei unterschiedliche Weltsichten gehört. Frage an Sie beide: Nehmen Sie eine neue Erkenntnis mit?

Condon: Die größte Erkenntnis für mich ist, dass wir als Bayer und als Industrie insgesamt viel mehr erklären müssen, was wir tun, warum wir das tun. Wir waren lange fixiert auf den Landwirt und haben dem Verbraucher zu wenig erklärt, warum wir Innovationen in der Landwirtschaft brauchen. Wir müssen mehr den Dialog suchen, ansonsten werden wir das Vertrauen der Menschen nicht gewinnen.

Habeck: Ich höre aus der Industrie das „Wir haben verstanden, wir müssen etwas ändern“. Das freut mich. Nur passt dazu nicht die Übernahme von Monsanto.