StreitgesprächBayer vs. Grüne: Wie ernähren wir zehn Milliarden Menschen?

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Das Institut hat mehrere Gewächshäuser. Die von Bayer sind ähnlich, nur viel größer, wie Liam Condon (l.) Robert Habeck berichtete
Das Institut hat mehrere Gewächshäuser. Die von Bayer sind ähnlich, nur viel größer, wie Liam Condon (l.) Robert Habeck berichtete

Herr Habeck, ist das nicht das Prinzip von Apple – der Aufbau eines Ökosystems?

Habeck: Ja, das kann man gut vergleichen. Wer ein iPhone hat, muss Musik von iTunes hören und Apps aus dem App Store laden.

Aber Apple verteufeln nicht so viele Menschen. Sie auch nicht.

Habeck: In der digitalen Welt diskutieren wir längst die Macht der Plattformen. Mit der Digitalisierung erleben wir übrigens auch die dritte Stufe der Machtkonzentration in der Landwirtschaft. Die bringt unbestritten viele Fortschritte: Sie können etwa viel genauer Gülle ausfahren oder punktgenau Pestizide aufbringen, das löst viele Umweltprobleme, über die die Grünen sich mit den Bauern jahrzehntelang die Köpfe eingeschlagen haben. Aber man schafft auch neue Probleme, wie bei der iPhone-Abhängigkeit. Immer mehr Software und Daten über Boden und Erträge, quadratmetergenau, werden von Maschinenherstellern gespeichert. Wenn Agrochemiekonzerne auch noch die Hersteller übernehmen, ist das System komplett geschlossen. Fehlt noch, dass sie Aldi kaufen, dann haben sie von der Saat bis zur Theke alles aus einer Hand …

Die Logik hinter all den Zusammenschlüssen ist die Ernährung der Zukunft. Die Weltbevölkerung wächst bis 2050 auf rund zehn Milliarden Menschen. Wie sieht denn Ihre Lösung aus, Herr Habeck?

Habeck: Die Welternährung ist eine der Schlüsselfragen der Menschheit. Aber Fakt ist: Wir haben kein Produktionsproblem, wir erzeugen 2800 Kalorien pro Mensch pro Tag, wir können theoretisch alle satt bekommen. Nur funktioniert die Verteilung nicht. Es gibt 800 Millionen Menschen, die unterernährt sind, 1,5 Milliarden essen zu viel. Wir haben also ein Gerechtigkeitsproblem und müssen mit der Verschwendungsmentalität brechen.

Kommt jetzt wieder Ihr Aufruf zum Fleischverzicht?

Habeck: Wenn man zehn Kilo Getreide braucht, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, dann ist das ein Problem. Vor allem, wenn Fleischkonsum mit Wohlstand gleichgesetzt wird und bald jeder Mensch Rinderburger oder Steaks essen will. Aber wir verschwenden auch Ackerflächen mit dem Anbau von Zuckerrohr, den wir dann in den Tank schmeißen. Biokraftstoffe waren ein Irrweg.

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass wir die Produktivität in der Landwirtschaft um 50 Prozent steigern müssen. Ist das denn realistisch, etwa für Afrika?

Condon: Zunächst muss man differenzieren: Einigen Kleinbauern in Afrika und Asien geht es deshalb schlecht, weil in ihren Ländern Krieg, Konflikte oder Korruption herrschen. Das können wir als Unternehmen nicht lösen, das muss die Politik tun.

Habeck: Da stimme ich zu.

Condon: Andere Kleinbauern leiden darunter, dass sie nur Subsistenzlandwirte sind. Wenn ich mit ihnen rede, dann erfahre ich, dass sie gern Überschüsse erwirtschaften würden, damit ihre Kinder auf eine Schule gehen können. Sie wollen eine bessere Zukunft.

Sie fahren selbst zu diesen Bauern?

Condon: Ja, klar. Wir haben viele Projekte mit solchen Landwirten, vor allem in Indien, aber auch woanders in Asien und in Afrika. Wir beraten sie, oft helfen einfachste Tipps, wie man auf einer sehr kleinen Fläche ertragreicher anbaut. Die Kleinbauern wissen oft nicht, welchen Preis sie bekommen können, und lassen sich von Mittelsmännern ausnehmen. Wir sehen mit der Digitalisierung eine Riesenchance, gerade Kleinbauern zu helfen, indem wir mehr Transparenz schaffen. Wir arbeiten vor Ort übrigens meist mit Unternehmen, Instituten und regionalen NGOs zusammen. Das läuft sehr gut.