StreitgesprächBayer vs. Grüne: Wie ernähren wir zehn Milliarden Menschen?

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Robert Habeck: Der 48-Jährige ist seit Ende Januar Bundesvorsitzender der Grünen. Sein Amt als Umweltminister in Schleswig-Holstein gibt er dafür auf. Habeck ist Quer- und Späteinsteiger bei den Grünen.
Robert Habeck: Der 48-Jährige ist seit Ende Januar Bundesvorsitzender der Grünen. Sein Amt als Umweltminister in Schleswig-Holstein gibt er dafür auf. Habeck ist Quer- und Späteinsteiger bei den Grünen.

Dennoch hat sich die Produktivität enorm gesteigert, der Hunger ist in Europa nahezu verschwunden …

Habeck: Das bestreite ich gar nicht. Am Anfang muss trotzdem die Frage stehen: Welche Landwirtschaft wollen wir in Zukunft? Bayer und Monsanto wollen eine hoch industrialisierte Landwirtschaft, die die Menge an Kalorien steigert. Dieser Weg berücksichtigt aber die negativen Folgen nicht. Wer die Umwelt und soziale Fragen ernst nimmt, muss zum Beispiel die Lebensmittelverschwendung verringern, den hohen Fleischkonsum reduzieren und für eine gerechte Verteilung sorgen.

Condon: Natürlich müssen wir uns mit diesen Fragen beschäftigen. Aber wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, was sie zu essen haben. Wir glauben fest daran, dass es nicht eine, sondern viele Arten der Landwirtschaft gibt und geben muss und die Vielfalt hoffentlich noch zunimmt – wir haben den Ökolandbau, die konventionelle Landwirtschaft und eine, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen arbeitet. In Zukunft wird es mehr Urban Farming geben, außerdem das Vertical Farming, also Produktion in mehrstöckigen Gebäuden. Es geht also nicht nur um Größe, sondern um Vielfalt – wir wollen all diese Arten bedienen, für große wie kleine Landwirte. Auch Biobauern kommen ja ohne Pflanzenschutz nicht aus.

Habeck: Stimmt, aber chemischer Pflanzenschutz ist verboten.

Condon: Dafür verwenden Biobauern Schwermetalle, die keineswegs harmlos sind.

Herr Condon, gibt es denn Kritikpunkte von Herrn Habeck, die Sie vielleicht sogar teilen?

Condon: Ich stimme zu, dass die Landwirtschaft zu einseitig auf Ertrag ausgerichtet war. Dafür hat der Hunger abgenommen – 1960 hat in Deutschland ein Bauer 17 Menschen ernährt, heute sind es 160. Ein reines „Weiter so“ geht nicht, das sieht Bayer genauso wie die Grünen. Zwei Themen werden wichtiger, zum einen die Qualität, zum anderen die Nachhaltigkeit. Die Landwirtschaft arbeitet nicht ressourcenschonend genug. Da kommen immense Herausforderungen auf uns zu, die Bevölkerung wächst, das Wetter wird extremer, das Klima wandelt sich.

Das klingt jetzt fast so, als habe Herr Habeck gesprochen …

Habeck: Bei der Diagnose sind wir offenbar gar nicht so weit auseinander, nur bei den Lösungen. Ich sehe doch jeden Tag, was inzwischen auch in unserem Land los ist. Wir haben einen so feuchten Winter in Schleswig-Holstein gehabt, die Felder sind abgesoffen – selbst alte Landwirte können sich nicht daran erinnern, dass es jemals so nass war. Auf vielen Feldern steht der Mais noch, der im Herbst hätte geerntet werden sollen. Ich bin nicht gegen Innovationen, aber gegen den Kauf von Monsanto durch Bayer. Ein „Roundup für alle“ ist keine Lösung.

Was meinen Sie damit?

Habeck: Von Afrika über Südamerika bis zu meiner Heimat erleben wir das Gleiche: eine vertikale Integration. Bauern werden Teil einer Handelskette und produzieren nur noch für einen Konzern. So verlieren sie ihre Freiheit und Wahlmöglichkeit, sie werden abhängig.