History-SerieKrise von 1931: Der Bankencrash und der Aufstieg der Nazis

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Deutschland hält am Sparkurs fest

Das Beben, das im Juli 1931 von Berlin ausgeht, hält die Finanzwelt viele Monate in Atem. Bankenkräche und Staatspleiten walzen durch ganz Osteuropa, den Nahen Osten und Südamerika. Als auch das britische Pfund immer stärker unter Druck gerät, verkündet die Bank of England am 19. September das bis dahin Unvorstellbare: das Ende der Goldkonvertibilität ihrer Währung.

Der bisherige Anker der Weltfinanzordnung ist damit gerissen, das Pfund wertet um gut ein Viertel ab. Viele Länder ziehen nach, geben die Goldbindung ebenfalls auf und koppeln ihre Währung an die der Briten. Der neue Sterlingblock hat durch seinen günstigen Wechselkurs bald klare Preisvorteile im Export.

In Deutschland dagegen versucht die Politik weiter verbissen, den Sparkurs durchzuhalten und erste Konsequenzen aus den Skandalen zu ziehen: Die Regierung feuert Vorstände der verstaatlichten Banken, gründet eine Bankenaufsicht, erlässt strengere Regeln für die Unternehmenskontrolle. Unter anderem wird die Zahl der Aufsichtsratsposten pro Person auf höchstens 20 beschränkt – Danat-Chef Goldschmidt hat es einst auf 123 gebracht. Auch der bis dahin gängige Überkreuz-Filz in den Aufsichtsräten wird verboten. Die Chefs der Nordwolle und der Danat-Bank etwa hatten sich praktischerweise gleich gegenseitig (nicht) kontrolliert.

Die ökonomische Krise wächst sich in dieser Zeit jedoch zur sozialen Katastrophe aus: Im Februar 1932 erreicht die Zahl der Arbeitslosen den Höchststand von über sechs Millionen. Ein Drittel der deutschen Erwerbsbevölkerung und ihre Familien leben von kümmerlicher Stütze; Elend und politische Gewalt beherrschen die Städte.

Als der nach rechts drängende Präsident Hindenburg seinen „Hungerkanzler“ Brüning im Frühjahr 1932 fallen lässt, ist immerhin dessen Hauptziel fast erreicht: Die Streichung der Reparationen steht unmittelbar bevor. Auch der wirtschaftliche Tiefpunkt ist nach brutalen Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen und der zwangsweisen Senkung von Löhnen und Preisen überwunden: Die Handelsbilanz ist im Plus, das Budgetdefizit stark verringert, eine Erholung zeichnet sich ab. Er sei „hundert Meter vor dem Ziel“ gestürzt worden, klagt Brüning deshalb später stets.

Hoffnung auf einen raschen Schuldenerlass

Die Geschichtsschreibung ist dem asketischen Notverordnungspolitiker trotzdem nicht gnädig gewesen. Der Name Brüning verbindet sich bis heute mit dem Vorwurf, eine ideologisch verblendete, Rezessionen nur verschärfende Sparpolitik betrieben zu haben. Eine daraus abgeleitete Kritik taucht sogar in den Eurodebatten auf: Vor lauter Inflationshysterie hätten die Deutschen wohl vergessen, dass Hitlers Aufstieg begann, weil brachiale Deflation zugelassen, ja forciert wurde.

Die Kritik an Brüning ist heute theoretisch gut begründbar. Sie ist historisch aber schief. Brüning und seine Mitstreiter waren sich der bitteren Folgen ihrer Politik ja durchaus bewusst. Sie hatten aber nur einen engen Handlungsspielraum: Im Korsett des Young-Plans und der Regeln des Goldstandards gab es kaum Möglichkeiten, die heimische Nachfrage anzukurbeln. Nur mit internationaler Hilfe wäre das möglich gewesen.

Als sich die Zwänge dann im Herbst 1931 lockerten, scheuten die Verantwortlichen in Berlin das Risiko. Eine Abwertung wie beim Pfund Sterling hätte zwar den Export belebt – zugleich aber auch die Last all der Schulden vergrößert, die in Devisen zu bedienen waren.