History-SerieKrise von 1931: Der Bankencrash und der Aufstieg der Nazis

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Investoren ziehen ihr Geld ab

Anfang Juni verschärften Tumulte um ein harsches Sparpaket Brünings die Lage weiter. Zumal seine Regierung dazu einen „Aufruf“ veröffentlichte, den man im Ausland als Drohung mit dem Staatsbankrott las: „Die Grenze dessen, was wir unserem Volke an Entbehrungen aufzuerlegen vermögen, ist erreicht!“, hieß es darin. „Die Voraussetzungen, unter denen (der Young-Plan) zustande gekommen ist, haben sich als irrig erwiesen.“

Längst begannen die Sparmaßnahmen auch, die Wirtschaft auszubremsen. Die Ausgaben sanken, die Investitionen, die Löhne – und langsam auch die Preise. In diese einsetzende Deflation platzte dann Mitte Juni die Bombe, die der Bankier Goldschmidt und der Wollkönig Lahusen nicht mehr hatten entschärfen können: Die Nordwolle gestand öffentlich ihre Schieflage. Der Run war eröffnet: Nach dem Motto „Rette sich, wer kann!“ stürmte das Kapital aus den deutschen Banken ins Ausland und in andere Währungen.

Die Reserven der Notenbank schwanden rapide, denn im damaligen Währungssystem des Goldstandards war sie verpflichtet, für jede eingereichte Mark zu festen Tauschkursen Dollar, Pfund oder Franc herauszugeben. Diese Devisen aber musste sie dann zu einem Fixkurs gegen Gold von den anderen Notenbanken erwerben.

Verzweifelt versuchten Regierung und Reichsbank darum, das Vertrauen wieder herzustellen und das Kapital zu halten. Eine drastische Zinserhöhung zeigte etwas Wirkung, am 20. Juni kam sogar die scheinbar erlösende Geste aus Amerika: Präsident Herbert Hoover schlug ein Moratorium für alle zwischenstaatlichen Schulden vor. Der Anfang vom Ende der Reparationen war da!

Nur: Das zentrale Glaubwürdigkeitsproblem blieb. Wie sollte man panische Bankkunden überzeugen, dass sie in jedem Fall ausgezahlt werden könnten? Einfach neues Geld schaffen, wie das die Zentralbanken heute tun, war für den Reichsbankpräsidenten Hans Luther unmöglich: Die Regeln des Goldstandards ließen es nicht zu – der Notenumlauf musste stets durch eine Mindestmenge des Edelmetalls unterlegt sein. Die tatsächliche Golddeckung aber näherte sich rasant der roten Linie: Am 23. Juni lag sie gerade noch 0,4 Punkte über der vorgeschriebenen Untergrenze von  40 Prozent.

Kampf am Rande des Abgrundes

Die einzige Rettung wären jetzt großzügige Kreditlinien der anderen Staaten gewesen. Doch die Briten waren längst selbst klamm, die Amerikaner mussten sich erst noch sortieren. Die Franzosen verlangten außenpolitische Konzessionen; für die nationalistische Führung in Berlin war so ein Junktim ausgeschlossen – also floss auch keine Hilfe.

Die dramatischen Stunden der Wahrheit kommen am zweiten Juliwochenende: Goldschmidt hat Brüning kurz zuvor gestanden, dass die Danat-Bank erledigt ist, auch die Landesbank der Rheinprovinz meldet am Freitagabend, sie sei illiquide. Von Samstagmittag bis zum frühen Montagmorgen jagt in der Reichskanzlei eine Krisensitzung die nächste.

In ständig wechselnden Runden, an denen fast die komplette Spitze der deutschen Bankenwelt teilnimmt, werden Notpläne diskutiert und beschlossen, wieder verworfen und dann erneut beschlossen. Zahlen werden genannt und korrigiert, Versprechen gegeben und wieder eingeschränkt. Die deutsche Finanzelite kämpft zwei Tage lang am Rande des Abgrunds – und längst nicht jeder macht dabei noch eine gute Figur. „Selten haben sich mir die Unterschiede in Denkfähigkeit und Gesinnung so enthüllt wie in diesen Stunden“, schreibt der Finanzstaatssekretär Hans Schäffer später.

Brüning traut den Großbanken schon länger nicht mehr, weil sie ihn alle zusammen über den Zustand der Nordwolle belogen haben. Er holt als Ratgeber unter anderem den Ex-Reichsbankchef Hjalmar Schacht herbei, doch auch der hat ihm jetzt wenig zu bieten. Schacht, der zu dieser Zeit politisch schon mit Hitler flirtet, lässt den Kanzler zynisch wissen, dass er vor den Bankiers ja schon lange gewarnt habe: „All die Leute, die uns hier gegenübersitzen, sind Verbrecher. Sie waren schon 1926 alle pleite.“