Capital-HistoryBankencrash 1931: wegen Pleite geschlossen

Als die ersten Kunden am 13. Juli 1931 bei der Danat-Bank vor verriegelter Tür stehen, setzt rasch Panik ein. Die noch geöffneten anderen Institute werden überrannt, die Regierung muss „Bankfeiertage“ für alle verordnen
Als die ersten Kunden am 13. Juli 1931 bei der Danat-Bank vor verriegelter Tür stehen, setzt rasch Panik ein. Die noch geöffneten anderen Institute werden überrannt, die Regierung muss „Bankfeiertage“ für alle verordnendpa

Der Bankier Jakob Goldschmidt und der Wollkönig Carl Lahusen haben immer darauf gewettet, dass alles gut und noch viel besser wird. Ihre Glücksritter-Freundschaft aber zerbricht am Abend des 11. Mai 1931. Die Katastrophe ist da schon nicht mehr aufzuhalten. Goldschmidt, der gefeierte Lenker und Gesellschafter der zweitgrößten Bank in Deutschland, hat Carl Lahusen an diesem Montag zum Dinner in seine Prunkvilla am Berliner Tiergarten eingeladen. Lahusen betreibt mit seinen Brüdern den Nordwolle-Konzern, einen der größten Wollverarbeiter der Welt. Aber, so raunt man in der Finanzwelt: Die Geschäfte laufen nicht mehr gut. Gar nicht gut.

Überhaupt sind ja die Zeiten härter geworden. Die Rezession nimmt kein Ende. Nur die Polit-Schläger rechts und links gewinnen in dieser Krise. Das Ausland zieht schon sein Geld ab, und gerade heute ist aus Wien eine neue Hiobsbotschaft eingetroffen: Österreichs größte Bank steht vor dem Kollaps.

Jakob Goldschmidt baute die Danat-Bank in den 20er-Jahren zu einer der führenden deutschen Großbanken auf. Er war persönlich haftender Gesellschafter der Bank, die sich besonders stark im Geschäft mit der Industrie engagierte. Zu seinen besten Zeiten hatte Goldschmidt gleichzeitig 123 Aufsichtsratsmandate inne
Jakob Goldschmidt baute die Danat-Bank in den 20er-Jahren zu einer der führenden deutschen Großbanken auf. Er war persönlich haftender Gesellschafter der Bank, die sich besonders stark im Geschäft mit der Industrie engagierte. Zu seinen besten Zeiten hatte Goldschmidt gleichzeitig 123 Aufsichtsratsmandate inne

Der Banker Goldschmidt ist in Sorge. An die 50 Mio. Reichsmark – vier Fünftel ihres Aktienkapitals – hat seine Darmstädter und Nationalbank (Danat) an das Lahusen-Imperium verliehen. Und nun heißt es, die Nordwolle werde das Geschäftsjahr mit 45 Mio. Reichsmark Verlust abschließen.

Man wird bei diesem Abendessen über vieles reden müssen.

Noch vor dem Dessert trifft ein dritter Herr ein: der Danat-Direktor Max Doerner, der direkt aus Bremen kommt. Dort hat er sich bei der Nordwolle tagelang durch die Bücher gegraben. Er bittet seinen Chef um ein Gespräch im Nebenzimmer. Der Befund, den er mitbringt: vernichtend. Die Lahusens haben ihre Bilanzen seit Jahren frisiert, sich zuletzt an einem spekulativen Vorratskauf verhoben. Ihr Verlust ist mehr als dreimal so hoch wie gedacht.

Goldschmidt verliert die Fassung. „Die Nordwolle ist hin!“, schreit er. „Die Danat-Bank ist hin! Ich bin hin!“ Als er schließlich zum allein gelassenen Lahusen zurückkehrt, wird in eisiger Stimmung weitergetafelt. Lahusen weint, macht neue Versprechungen. Am Tag darauf wirft der wütende Bankier in seinem Büro noch einen Stuhl nach seinem Schuldner. Doch wozu noch? Man unternimmt letzte Vertuschungs- und Rettungsversuche – aber acht Wochen später sind beide bankrott. Mit ihnen befindet sich das Weltfinanzsystem im freien Fall.

Die Pleite der Nordwolle wäre zu anderen Zeiten nur ein besonders spektakulärer Wirtschaftsskandal gewesen. Im Sommer 1931 aber ist sie einer der letzten Schocks, die ein schon kippendes internationales Kreditgebäude zum Einsturz bringen – und damit eine beispiellose Kettenreaktion in Gang setzen.

Schon seit dem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse im Herbst 1929 hat sich eine Rezession rund um die Welt gefressen. Der Zusammenbruch der Nordwolle steht am Anfang einer wirtschaftlichen Höllenfahrt: Aus der Rezession wird Massenelend. Aus fehlender Nachfrage ein fataler Preisverfall. Und eine Existenzkrise des Systems.

Die Belebung der Realwirtschaft sei im Moment überhaupt nicht mehr das Thema, erklärt der Ökonom John Maynard Keynes an Neujahr 1932. Das Problem der Stunde sei schlicht: „Können wir verhindern, dass die Finanzstruktur des modernen Kapitalismus fast komplett zusammenbricht?“

Die Deflation, die sich nach dem Crash im Sommer 1931 noch verschärft, hat sich längst nicht so in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben wie die Hyperinflation ein paar Jahre zuvor. Ihre Folgen sind aber noch dramatischer: Deutschland geht als wackelige Demokratie in die Krise hinein – und kommt als mörderische Diktatur wieder heraus.

Es war ein fataler Mix aus Schulden, Politik und Massenpsychologie, der das deutsche Bankensystem fast zugrunde richtete und die Weimarer Republik tödlich vergiftete: Deutschland stand am Ende der Goldenen Zwanziger tief beim Ausland in der Kreide; internationale Institutionen, die bei Zahlungsproblemen hätten helfen und vermitteln können, gab es praktisch nicht. Stattdessen spukten alte Obsessionen und Ängste aus dem Weltkrieg, dem Versailler Vertrag und der großen Inflation von 1923 noch immer herum.

Die hohen Verpflichtungen der Deutschen gegenüber dem Ausland hatten verschiedene Gründe. Da waren zum einen die Reparationszahlungen, ein fast ständiges Thema der Innen- und Außenpolitik. Dass diese Lasten viel zu hoch, ja im Grunde zutiefst ungerecht seien, darin war das ganze Land einig. Über den richtigen Weg, sie abzuschütteln, stritten die Lager jedoch erbittert.

Eigentlich hätten die Reparationszahlungen dazu führen müssen, dass Kapital aus Deutschland abfließt – dass also weniger verbraucht als produziert wird und ein Exportüberschuss entsteht. Tatsächlich geschah jedoch das Gegenteil: Kapital kam herein. Ausländische Anleger, insbesondere aus den USA, gaben gerne und reichlich Kredit, legten ihr Geld bei den großen Banken in Germany an und finanzierten über gut verzinste Anleihen die deutschen Kommunen und Unternehmen. Der Zustrom war so üppig, dass er nicht nur die Abflüsse aus den Reparationen kompensierte, sondern sogar noch zusätzliche Spielräume schuf.

Störungsanfälliges Finanzkarussell

Was auch immer in der Politik über die Ausplünderung der Nation geredet wurde – de facto lebte Deutschland in diesen besten Jahren der Weimarer Republik über seine Verhältnisse.

Rechnete man alles zusammen, dann ließen die internationalen Zahlungsströme der Zwanziger ein ebenso bizarres wie störungsanfälliges Finanzkarussell rotieren: Deutschland zahlte die verhassten Reparationen, mehr als die Hälfte davon an Frankreich. Die europäischen Siegermächte reichten dieses Geld aber gleich selbst weiter – an die USA, bei denen sie die eigenen, ebenfalls verhassten Kriegsschulden begleichen mussten. Aus Amerika floss derweil frischer Privatkredit zurück nach Deutschland – das daraus auch die Reparationen zahlte.

An Warnungen fehlte es nicht. 1927 zum Beispiel ereiferte sich der damalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht schon über die verschwenderischen Kommunen, die sich auf Kredit immer neue Schwimmbäder, Parks und Opernhäuser zulegten.

Die große Verwundbarkeit der deutschen Banken und Sparkassen war ebenfalls kein Geheimnis. Es gab nicht nur zu viele Geldinstitute – durch die Hyperinflation hatten sie auch einen Großteil ihres Kapitals verloren. Im Vergleich zum letzten Vorkriegsjahr 1913 beispielsweise war das Eigenkapital der Banken 1925 um mehr als zwei Drittel geschrumpft, ihr Fremdkapital sogar um über 80 Prozent. Bei den deutschen Sparern war nicht mehr viel zu holen, also finanzierten sich Banken stark im Ausland – und das sehr oft auch noch kurzfristig.

Dass so etwas nicht den Regeln des soliden Bankgeschäfts entsprach, wussten die Direktoren selbst. Was, wenn die Ausländer sich abrupt zurückziehen?

Bloß: War es nicht auch richtig, nach all dem Nachkriegselend endlich wieder Kredit zu geben und auf Expansion zu setzen? Waren die Chancen nicht so gut, dass man jetzt auch etwas wagen konnte? Amerika mit seinen roaring twenties und der scheinbar grenzenlosen prosperity zeigte es ja: Mut zahlt sich aus.

Jakob Goldschmidts Danat-Bank preschte voran und umwarb auch gerne Großkunden, bei denen sich die vorsichtigere Konkurrenz zierte. Kreditnehmer wie die Lahusens mit ihrem Wollimperium, die sich nicht nur einen imposanten neuen Landsitz und einen edlen neuen Firmenpalast in Bremen gönnten, sondern auch konzernstrategisch das ganz große Rad drehen wollten.

Das Ende dieses Wohlstands auf Pump begann bereits ein gutes Jahr vor dem großen Oktober-Crash 1929. In Amerika stiegen die Aktienkurse immer rasanter, und viele US-Anleger lenkten ihr Geld lieber an die Wall Street als ins ferne Deutschland, wo die Konjunktur nachgab. Nach dem Schwarzen Freitag dann fehlten die Mittel plötzlich ganz.

Der Kredit versiegte, Deutschland musste hart sparen – und stürzte in eine Spirale aus wirtschaftlichem Niedergang und Zerfall der Republik: Die Zahl der Arbeitslosen stieg rasch, im Streit um die Unterstützung für sie zerbrach Anfang 1930 die SPD-geführte Regierungskoalition. Neuer Kanzler wurde der gestrenge Heinrich Brüning vom katholischen Zentrum, der aber keine eigene Mehrheit mehr im Parlament hatte und mit Notverordnungen regieren musste – gehalten wurde der gelernte Finanzpolitiker alleine von der Macht des nationalkonservativen Reichspräsidenten, des greisen Weltkriegsgenerals Paul von Hindenburg.

Dem neuen, erst 44 Jahre alten Kanzler fiel es auch zu, die Sparzwänge umzusetzen, die sich aus dem sogenannten Young-Plan ergaben – einer kurz zuvor mit den Siegermächten ausgehandelten Neuordnung der Reparationszahlungen, die vor allem von der politischen Rechten wütend bekämpft wurde.

„Krankheit als Waffe“

Auch für Brüning war das oberste Regierungsziel die Streichung aller Reparationen. Der offene Bruch der Verpflichtungen, den die Extremisten lautstark forderten, kam für ihn jedoch nicht infrage. Deutschland musste kreditwürdig und geschäftsfähig bleiben.

Sein eigener Plan hieß „Krankheit als Waffe“: Wenn Deutschland zeigte, dass die Forderungen des Auslands auch mit äußerster Austerität nicht zu erfüllen waren, würden die Gläubiger einlenken müssen.

Innenpolitisch endeten Brünings erste Manöver allerdings im Fiasko: Bei den Neuwahlen im September 1930, die ihn eigentlich stärken sollten, triumphierten die Nazis; über Nacht stiegen sie von einer Splittergruppe zur zweitgrößten Parlamentsfraktion auf. Deutschland wurde unberechenbar, und seine Geldgeber waren spätestens ab jetzt extrem nervös.

Mit jedem neuen Pleitegerücht und mit jeder politischen Krise zogen die Ausländer nun Gelder ab – vor allem bei den Großbanken. Als im Mai 1931 Österreichs Creditanstalt insolvent wurde, löste ihr Ende auch eine neue Welle der Kapitalflucht aus Deutschland aus.

Investoren ziehen ihr Geld ab

Anfang Juni verschärften Tumulte um ein harsches Sparpaket Brünings die Lage weiter. Zumal seine Regierung dazu einen „Aufruf“ veröffentlichte, den man im Ausland als Drohung mit dem Staatsbankrott las: „Die Grenze dessen, was wir unserem Volke an Entbehrungen aufzuerlegen vermögen, ist erreicht!“, hieß es darin. „Die Voraussetzungen, unter denen (der Young-Plan) zustande gekommen ist, haben sich als irrig erwiesen.“

Längst begannen die Sparmaßnahmen auch, die Wirtschaft auszubremsen. Die Ausgaben sanken, die Investitionen, die Löhne – und langsam auch die Preise. In diese einsetzende Deflation platzte dann Mitte Juni die Bombe, die der Bankier Goldschmidt und der Wollkönig Lahusen nicht mehr hatten entschärfen können: Die Nordwolle gestand öffentlich ihre Schieflage. Der Run war eröffnet: Nach dem Motto „Rette sich, wer kann!“ stürmte das Kapital aus den deutschen Banken ins Ausland und in andere Währungen.

Die Reserven der Notenbank schwanden rapide, denn im damaligen Währungssystem des Goldstandards war sie verpflichtet, für jede eingereichte Mark zu festen Tauschkursen Dollar, Pfund oder Franc herauszugeben. Diese Devisen aber musste sie dann zu einem Fixkurs gegen Gold von den anderen Notenbanken erwerben.

Verzweifelt versuchten Regierung und Reichsbank darum, das Vertrauen wieder herzustellen und das Kapital zu halten. Eine drastische Zinserhöhung zeigte etwas Wirkung, am 20. Juni kam sogar die scheinbar erlösende Geste aus Amerika: Präsident Herbert Hoover schlug ein Moratorium für alle zwischenstaatlichen Schulden vor. Der Anfang vom Ende der Reparationen war da!

Nur: Das zentrale Glaubwürdigkeitsproblem blieb. Wie sollte man panische Bankkunden überzeugen, dass sie in jedem Fall ausgezahlt werden könnten? Einfach neues Geld schaffen, wie das die Zentralbanken heute tun, war für den Reichsbankpräsidenten Hans Luther unmöglich: Die Regeln des Goldstandards ließen es nicht zu – der Notenumlauf musste stets durch eine Mindestmenge des Edelmetalls unterlegt sein. Die tatsächliche Golddeckung aber näherte sich rasant der roten Linie: Am 23. Juni lag sie gerade noch 0,4 Punkte über der vorgeschriebenen Untergrenze von  40 Prozent.

Kampf am Rande des Abgrundes

Die einzige Rettung wären jetzt großzügige Kreditlinien der anderen Staaten gewesen. Doch die Briten waren längst selbst klamm, die Amerikaner mussten sich erst noch sortieren. Die Franzosen verlangten außenpolitische Konzessionen; für die nationalistische Führung in Berlin war so ein Junktim ausgeschlossen – also floss auch keine Hilfe.

Die dramatischen Stunden der Wahrheit kommen am zweiten Juliwochenende: Goldschmidt hat Brüning kurz zuvor gestanden, dass die Danat-Bank erledigt ist, auch die Landesbank der Rheinprovinz meldet am Freitagabend, sie sei illiquide. Von Samstagmittag bis zum frühen Montagmorgen jagt in der Reichskanzlei eine Krisensitzung die nächste.

In ständig wechselnden Runden, an denen fast die komplette Spitze der deutschen Bankenwelt teilnimmt, werden Notpläne diskutiert und beschlossen, wieder verworfen und dann erneut beschlossen. Zahlen werden genannt und korrigiert, Versprechen gegeben und wieder eingeschränkt. Die deutsche Finanzelite kämpft zwei Tage lang am Rande des Abgrunds – und längst nicht jeder macht dabei noch eine gute Figur. „Selten haben sich mir die Unterschiede in Denkfähigkeit und Gesinnung so enthüllt wie in diesen Stunden“, schreibt der Finanzstaatssekretär Hans Schäffer später.

Brüning traut den Großbanken schon länger nicht mehr, weil sie ihn alle zusammen über den Zustand der Nordwolle belogen haben. Er holt als Ratgeber unter anderem den Ex-Reichsbankchef Hjalmar Schacht herbei, doch auch der hat ihm jetzt wenig zu bieten. Schacht, der zu dieser Zeit politisch schon mit Hitler flirtet, lässt den Kanzler zynisch wissen, dass er vor den Bankiers ja schon lange gewarnt habe: „All die Leute, die uns hier gegenübersitzen, sind Verbrecher. Sie waren schon 1926 alle pleite.“

Heinrich Brüning, Ökonom, Weltkriegsoffizier und Finanzexperte der Zentrumspartei, wurde in der Krise Anfang 1930 Kanzler. Sein harter Sparkurs und sein schroffer Charakter trugen ihm wenig Popularität ein
Heinrich Brüning, Ökonom, Weltkriegsoffizier und Finanzexperte der Zentrumspartei, wurde in der Krise Anfang 1930 Kanzler. Sein harter Sparkurs und sein schroffer Charakter trugen ihm wenig Popularität ein

Auch Brüning selbst hat freilich seine Schwächen, will alles ganz alleine machen. „Vor lauter Verantwortungsbewusstsein neigt er dazu, die Dinge ungeheuer zu komplizieren, um hinterher mit größter Kraftanstrengung die Trümmer wieder zu reparieren“, urteilt der zeitgenössische Journalist Richard Lewinsohn. „Er ist, bei aller Gottergebenheit, von einem Hochmut sondergleichen besessen, der sich hinter einer asketischen Verschlossenheit verbirgt, bis er schließlich in militärischem Kommandoton durchbricht.“

Als einige Minister und Staatssekretäre Montagfrüh um zwei nach Hause gehen, lässt Brüning sie wieder aus den Betten holen. Der Finanzminister Hermann Dietrich ätzt, die flüchtigen Herren hätten sich wohl vor der Schlussabstimmung drücken wollen.

Im Hin und Her der Krisenrunde zeigt sich, dass die Bankiers das Desaster am liebsten als Einzelfall präsentieren wollen: als ein Problem der Danat, die als aggressiver Aufsteiger ohnehin bei den Konkurrenten unbeliebt ist – ganz besonders bei den Chefs der Deutschen Bank, die sich als die wahren Hüter einer soliden Kreditwirtschaft sehen.

„Jeder glaubte, aus einer Krise dieser Art dadurch sich retten zu können, dass er einen andern denunzierte“, schreibt Brüning später in seinen Memoiren. „Es war eine furchtbare Erkenntnis für mich, denn nunmehr sah ich, dass alle diese Persönlichkeiten engstirnig waren und von den unvermeidlichen Begleiterscheinungen, vor allem des psychischen Zusammenbruchs der Einleger bei jeder Bankenkrise, keine Vorstellung hatten.“

Tief in der Nacht entscheidet die Regierung trotzdem, nur die Schalter der Danat-Bank zu schließen und deren Kunden mit einer Staatsgarantie zu beruhigen. Sofort erweist sich das als Fehler: Kaum sammeln sich Montagfrüh vor den Danat-Filialen die Menschen, da stürmt das Volk die anderen, geöffneten Institute.

Andrang vor einer Sparkassen-Filiale
Andrang vor einer Sparkassen-Filiale

Noch am Abend dieses 13. Juli verfügt die Regierung „Bankfeiertage“: Alle Geldhäuser müssen für zwei Tage schließen, der Zahlungsverkehr bleibt für Wochen eingeschränkt, die Börse bis Anfang September geschlossen. Der freie Devisenverkehr wird abgeschafft und durch eine staatliche Zwangsbewirtschaftung ersetzt; später kommt auch noch eine „Reichsfluchtsteuer“ hinzu.

Die Hiobsbotschaften gehen aber erst einmal weiter: Die Dresdner Bank, deren Vorstand am Sonntag noch flüssig getan hatte, meldet ebenfalls Illiquidität; sie muss später mit der Danat fusioniert und – wie auch die Commerzbank – verstaatlicht werden. Viele ausländische Banken kündigen angesichts des Chaos alle ihre Kredite in Deutschland.

Deutschland hält am Sparkurs fest

Das Beben, das im Juli 1931 von Berlin ausgeht, hält die Finanzwelt viele Monate in Atem. Bankenkräche und Staatspleiten walzen durch ganz Osteuropa, den Nahen Osten und Südamerika. Als auch das britische Pfund immer stärker unter Druck gerät, verkündet die Bank of England am 19. September das bis dahin Unvorstellbare: das Ende der Goldkonvertibilität ihrer Währung.

Der bisherige Anker der Weltfinanzordnung ist damit gerissen, das Pfund wertet um gut ein Viertel ab. Viele Länder ziehen nach, geben die Goldbindung ebenfalls auf und koppeln ihre Währung an die der Briten. Der neue Sterlingblock hat durch seinen günstigen Wechselkurs bald klare Preisvorteile im Export.

In Deutschland dagegen versucht die Politik weiter verbissen, den Sparkurs durchzuhalten und erste Konsequenzen aus den Skandalen zu ziehen: Die Regierung feuert Vorstände der verstaatlichten Banken, gründet eine Bankenaufsicht, erlässt strengere Regeln für die Unternehmenskontrolle. Unter anderem wird die Zahl der Aufsichtsratsposten pro Person auf höchstens 20 beschränkt – Danat-Chef Goldschmidt hat es einst auf 123 gebracht. Auch der bis dahin gängige Überkreuz-Filz in den Aufsichtsräten wird verboten. Die Chefs der Nordwolle und der Danat-Bank etwa hatten sich praktischerweise gleich gegenseitig (nicht) kontrolliert.

Die ökonomische Krise wächst sich in dieser Zeit jedoch zur sozialen Katastrophe aus: Im Februar 1932 erreicht die Zahl der Arbeitslosen den Höchststand von über sechs Millionen. Ein Drittel der deutschen Erwerbsbevölkerung und ihre Familien leben von kümmerlicher Stütze; Elend und politische Gewalt beherrschen die Städte.

Als der nach rechts drängende Präsident Hindenburg seinen „Hungerkanzler“ Brüning im Frühjahr 1932 fallen lässt, ist immerhin dessen Hauptziel fast erreicht: Die Streichung der Reparationen steht unmittelbar bevor. Auch der wirtschaftliche Tiefpunkt ist nach brutalen Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen und der zwangsweisen Senkung von Löhnen und Preisen überwunden: Die Handelsbilanz ist im Plus, das Budgetdefizit stark verringert, eine Erholung zeichnet sich ab. Er sei „hundert Meter vor dem Ziel“ gestürzt worden, klagt Brüning deshalb später stets.

Hoffnung auf einen raschen Schuldenerlass

Die Geschichtsschreibung ist dem asketischen Notverordnungspolitiker trotzdem nicht gnädig gewesen. Der Name Brüning verbindet sich bis heute mit dem Vorwurf, eine ideologisch verblendete, Rezessionen nur verschärfende Sparpolitik betrieben zu haben. Eine daraus abgeleitete Kritik taucht sogar in den Eurodebatten auf: Vor lauter Inflationshysterie hätten die Deutschen wohl vergessen, dass Hitlers Aufstieg begann, weil brachiale Deflation zugelassen, ja forciert wurde.

Die Kritik an Brüning ist heute theoretisch gut begründbar. Sie ist historisch aber schief. Brüning und seine Mitstreiter waren sich der bitteren Folgen ihrer Politik ja durchaus bewusst. Sie hatten aber nur einen engen Handlungsspielraum: Im Korsett des Young-Plans und der Regeln des Goldstandards gab es kaum Möglichkeiten, die heimische Nachfrage anzukurbeln. Nur mit internationaler Hilfe wäre das möglich gewesen.

Als sich die Zwänge dann im Herbst 1931 lockerten, scheuten die Verantwortlichen in Berlin das Risiko. Eine Abwertung wie beim Pfund Sterling hätte zwar den Export belebt – zugleich aber auch die Last all der Schulden vergrößert, die in Devisen zu bedienen waren.

Deutschlands damalige Situation ähnelt in manchem der heutigen Lage in Griechenland: Wer nach einer kreditfinanzierten Scheinblüte den heimischen Konsum senken muss, auf nervöse Geldgeber im Ausland angewiesen ist und keine eigene Währungspolitik betreiben kann – dem bleibt kaum anderes übrig als harte Austerität. Und die Hoffnung auf einen raschen Schuldenerlass. Alles andere geht nur, wenn die bisherigen Spielregeln radikal über den Haufen geworfen werden.

Brünings Deflationspolitik entsprach letztlich dem üblichen Rezept im System des Goldstandards. Der langsame Verfall der Preise wurde dabei im Alltag längst nicht so sehr als Katastrophe empfunden wie die frühere Hyperinflation. Millionen litten ja unter Arbeitslosigkeit, Lohn- und Sozialkürzungen. Dass vieles billiger wurde, war ihnen willkommen.

Angst vor Inflation

Zugleich aber war die Furcht vor einer neuen Geldentwertung keineswegs überwunden. Auch wenn es heute absurd wirken mag: Während das Preisniveau in Deutschland von 1930 bis 1932 um rund ein Fünftel fiel, kursierten heftigste Inflationsängste. Das Trauma von 1923, als der Schuldner Staat sich sanierte, indem das Geldvermögen des Bürgertums ausgelöscht wurde, lag schließlich keine zehn Jahre zurück. Und die Zukunft war jetzt wieder unberechenbar.

Es schien naheliegend, auf Dollar oder auch Realwerte umzusteigen. Bei einer Massenflucht der Bevölkerung aus der Reichsmark aber wäre das Geld tatsächlich plötzlich entwertet worden.

Wie groß die allgemeine Verwirrung im Land war, hat der Schriftsteller Carl Zuckmayer beschrieben, der sich im Juli 1931 zufällig in Berlin aufhielt und dort Geld abheben wollte. Vor den geschlossenen Banken war er „von aufgeregten, schimpfenden oder jammernden Leuten umdrängt, die um ihre Ersparnisse bangten“. Es sei kein Wunder, notierte er, dass hohle Nazi-Phrasen wie die von der „,Brechung der Zinsknechtschaft‘ von diesen verstörten Menschen begierig aufgesogen wurden“.

Nicht nur die Ärmsten, auch das Bürgertum hatte durch die Krise das Vertrauen in Politik und Wirtschaft verloren. Die Leute fühlten sich im Stich gelassen, schrieb Zuckmayer: „In dem enormen Appetit der Naziführer nach Macht und Gewalt schien für die Durchschnittsdeutschen etwas Gesundes und Kraftvolles zu stecken, das einen Schimmer auf bessere Zeiten verhieß.“

Nur anderthalb Jahre später hieß der neue Reichskanzler Adolf Hitler.