Capital-HistoryBankencrash 1931: wegen Pleite geschlossen

Als die ersten Kunden am 13. Juli 1931 bei der Danat-Bank vor verriegelter Tür stehen, setzt rasch Panik ein. Die noch geöffneten anderen Institute werden überrannt, die Regierung muss „Bankfeiertage“ für alle verordnen
Als die ersten Kunden am 13. Juli 1931 bei der Danat-Bank vor verriegelter Tür stehen, setzt rasch Panik ein. Die noch geöffneten anderen Institute werden überrannt, die Regierung muss „Bankfeiertage“ für alle verordnendpa

Der Bankier Jakob Goldschmidt und der Wollkönig Carl Lahusen haben immer darauf gewettet, dass alles gut und noch viel besser wird. Ihre Glücksritter-Freundschaft aber zerbricht am Abend des 11. Mai 1931. Die Katastrophe ist da schon nicht mehr aufzuhalten. Goldschmidt, der gefeierte Lenker und Gesellschafter der zweitgrößten Bank in Deutschland, hat Carl Lahusen an diesem Montag zum Dinner in seine Prunkvilla am Berliner Tiergarten eingeladen. Lahusen betreibt mit seinen Brüdern den Nordwolle-Konzern, einen der größten Wollverarbeiter der Welt. Aber, so raunt man in der Finanzwelt: Die Geschäfte laufen nicht mehr gut. Gar nicht gut.

Überhaupt sind ja die Zeiten härter geworden. Die Rezession nimmt kein Ende. Nur die Polit-Schläger rechts und links gewinnen in dieser Krise. Das Ausland zieht schon sein Geld ab, und gerade heute ist aus Wien eine neue Hiobsbotschaft eingetroffen: Österreichs größte Bank steht vor dem Kollaps.

Jakob Goldschmidt baute die Danat-Bank in den 20er-Jahren zu einer der führenden deutschen Großbanken auf. Er war persönlich haftender Gesellschafter der Bank, die sich besonders stark im Geschäft mit der Industrie engagierte. Zu seinen besten Zeiten hatte Goldschmidt gleichzeitig 123 Aufsichtsratsmandate inne
Jakob Goldschmidt baute die Danat-Bank in den 20er-Jahren zu einer der führenden deutschen Großbanken auf. Er war persönlich haftender Gesellschafter der Bank, die sich besonders stark im Geschäft mit der Industrie engagierte. Zu seinen besten Zeiten hatte Goldschmidt gleichzeitig 123 Aufsichtsratsmandate inne

Der Banker Goldschmidt ist in Sorge. An die 50 Mio. Reichsmark – vier Fünftel ihres Aktienkapitals – hat seine Darmstädter und Nationalbank (Danat) an das Lahusen-Imperium verliehen. Und nun heißt es, die Nordwolle werde das Geschäftsjahr mit 45 Mio. Reichsmark Verlust abschließen.

Man wird bei diesem Abendessen über vieles reden müssen.

Noch vor dem Dessert trifft ein dritter Herr ein: der Danat-Direktor Max Doerner, der direkt aus Bremen kommt. Dort hat er sich bei der Nordwolle tagelang durch die Bücher gegraben. Er bittet seinen Chef um ein Gespräch im Nebenzimmer. Der Befund, den er mitbringt: vernichtend. Die Lahusens haben ihre Bilanzen seit Jahren frisiert, sich zuletzt an einem spekulativen Vorratskauf verhoben. Ihr Verlust ist mehr als dreimal so hoch wie gedacht.

Goldschmidt verliert die Fassung. „Die Nordwolle ist hin!“, schreit er. „Die Danat-Bank ist hin! Ich bin hin!“ Als er schließlich zum allein gelassenen Lahusen zurückkehrt, wird in eisiger Stimmung weitergetafelt. Lahusen weint, macht neue Versprechungen. Am Tag darauf wirft der wütende Bankier in seinem Büro noch einen Stuhl nach seinem Schuldner. Doch wozu noch? Man unternimmt letzte Vertuschungs- und Rettungsversuche – aber acht Wochen später sind beide bankrott. Mit ihnen befindet sich das Weltfinanzsystem im freien Fall.

Die Pleite der Nordwolle wäre zu anderen Zeiten nur ein besonders spektakulärer Wirtschaftsskandal gewesen. Im Sommer 1931 aber ist sie einer der letzten Schocks, die ein schon kippendes internationales Kreditgebäude zum Einsturz bringen – und damit eine beispiellose Kettenreaktion in Gang setzen.

Schon seit dem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse im Herbst 1929 hat sich eine Rezession rund um die Welt gefressen. Der Zusammenbruch der Nordwolle steht am Anfang einer wirtschaftlichen Höllenfahrt: Aus der Rezession wird Massenelend. Aus fehlender Nachfrage ein fataler Preisverfall. Und eine Existenzkrise des Systems.

Die Belebung der Realwirtschaft sei im Moment überhaupt nicht mehr das Thema, erklärt der Ökonom John Maynard Keynes an Neujahr 1932. Das Problem der Stunde sei schlicht: „Können wir verhindern, dass die Finanzstruktur des modernen Kapitalismus fast komplett zusammenbricht?“