DigitalisierungBanken wollen Daten ihrer Kunden zu Geld machen

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Die Regierung ist informiert

Die Angst der Deutschen um ihre Privatsphäre macht die Datenprojekte deshalb nicht nur lukrativ, sondern ziemlich heikel. Nirgendwo auf der Welt ist der Datenschutz so streng wie in Deutschland, besonders für Banken. So darf nach deutschem Recht eine Bank nichts mit den Daten eines Kunden machen, was dieser nicht ausdrücklich wünscht. Automatismen sind strikt verboten. Während Telekommunikationsunternehmen und selbst Einwohnermeldeämter fröhlich Daten verkaufen, sind den Banken hier die Hände gebunden. Dies ist gleich in mehreren Gesetzen verankert. Zudem gilt: Keine noch so kleine Panne dürfen sich die Geldhäuser erlauben, nichts, was nach Datenverkauf an Dritte riecht oder wie Werbung auf dem Kontoauszug aussieht.

Nach Capital-Informationen hat die Deutsche Bank ihre Pläne daher schon im Verbraucherschutzministerium in Berlin vorgestellt, um auf Nummer sicher zu gehen. Staatssekretär Gerd Billen sagt: „Wenn alle rechtlichen Vorgaben eingehalten werden, kann es als Kunde schon interessant sein, wenn die Bank mir Hinweise gibt, was andere Kunden in einer vergleichbaren Situation an Stromkosten bezahlen.“ Möglicherweise ließen sich aus den Daten vergleichbarer Kunden ja tatsächlich wertvolle Empfehlungen gewinnen. Bei Angeboten etwa für Versicherungen sei aber wichtig, dass die Empfehlungen neutral seien und sich am Kundennutzen orientierten. „Die Bank darf nicht die eigenen Produkte bevorzugen.“

Für Dirk Vater von Bain & Company sind die deutschen Kunden ohnehin schwierig, beinahe gespaltene Persönlichkeiten. Einerseits erlaubten viele Menschen sozialen Netzwerken wie Facebook tiefe Einblicke in die Privatsphäre und das Konsumverhalten – andererseits sei man höchst kritisch gegenüber Banken. Bisher sei „es leichter für Banken, die Facebook-Daten der Kunden auszuwerten als die eigenen Daten der Kunden“, sagt Vater.

Auch deshalb machen viele Banken aus ihren Plänen bislang ein großes Geheimnis. Bei der HVB verkleinert man derzeit das Filialnetz von 580 auf 340 Niederlassungen, investiert aber 300 Mio. Euro in mobile und internetbasierte Angebote. Wohin die Reise geht, machte Privatkundenvorstand Peter Buschbeck Anfang Februar deutlich: Banken würden künftig nicht nur als Berater, sondern als Sammler und Auswerter von Daten handeln: „Warum soll ein Kunde zukünftig mit einer Analyse seiner Ausgaben, etwa für Telekommunikation, Energieversorgung oder Versicherungen, nicht gleich auch entsprechende Vorschläge zu deren Optimierung von der Bank erhalten?“, fragte er vielsagend.

Bei der Deutschen Bank fürchten sie nichts mehr, als als Datenspion an den Pranger gestellt zu werden, der seine Kunden auskundschaftet. Selbstverständlich stehe die Integrität des Kunden über allem, versichert Markus Pertlwieser. „Wenn der Kunde das Gefühl hat, die Bank will ihm etwas verkaufen, wird er – vermutlich zu Recht – zögern. Es geht aber nicht zwingend um den Verkauf oder die Vermittlung von Produkten, sondern schlicht um eine für ihn wertvolle Information.“

In einem ersten Schritt plant die Deutsche Bank – im Gleichschritt mit anderen Instituten – Benachrichtigungsdienste für ihre Kunden. Jenseits der Visualisierung von Einnahmen, Ausgaben und deren Struktur können die Privat- und bald auch Geschäftskunden wohl der meisten Geldhäuser noch in diesem Jahr regelmäßige E-Mails oder SMS anfordern, wenn sie einen bestimmten Kontostand über- oder unterschritten haben oder eine wichtige Überweisung eingetroffen ist. Außerdem sollen sie Sparziele definieren und laufend kontrollieren können.

Sollten sich die Deutschen den neuen Angeboten dennoch verweigern, haben manche Institute auch schon einen Plan B in der Schublade. Wenn niemand die Auswertung seiner Daten erlaube, könnte das Konto auch als Tresor verkauft werden: für alle Daten und Dokumente, die der Kunde dort wegschließen möchte. Natürlich gegen eine ordentliche Gebühr – damit die Banken endlich wieder Geld verdienen.

Appgefahren

Welche Anwendungen und Apps mit Daten schon marktreif sind

Preistransparenz
Unterschiedliche Preise für unterschiedliche Käufer sind für Firmen ein machtvolles Instrument, um Margen zu steigern. Banken können auf Basis tatsächlicher Transaktionen die genauen Preise einzelner Produkte ermitteln – vom Smartphone über den Fernseher bis hin zum Röntgengerät des Radiologen. Anschließend können sie diese Information ihren Kunden geben. Preisvergleichsportale würden so überflüssig. Zum Einsatz kommt dies bereits bei der Citigroup in den USA.

Gutscheine
Auf Basis des Transaktionsverhaltens können Banken ihren Kunden in Zusammenarbeit mit Einzelhändlern oder Ketten gezielt Angebote und Gutscheine offerieren. Die polnische Tochter der Commerzbank und britische Institute setzen dieses Instrument bereits ein.

Wahrscheinlichkeit
Werten Banken die Daten von Kunden intelligent aus – etwa das Konsumverhalten, die Transaktionspartner, aber auch messbare Bewegungen von Abhebungen –, erhalten sie eine Fülle neuer Datenpunkte, die die Ausfallrisiken von Krediten, aber auch die Abschlusswahrscheinlichkeit bei Sparprodukten besser zu quantifizieren helfen. Laut der Unternehmensberatung Capgemini hat eine europäische Großbank in einem Pilotprojekt bereits 40 Variablen definiert und ausgewertet – und damit den Umsatz eines Sparprodukts verzehnfachen können.

Digitale Währungen
Banken können im Kundenauftrag über ein Smartphone einen Zahlencode generieren, mit dem der Besitzer des Codes an Geldautomaten Geld abheben oder seinerseits mit dem Code bezahlen kann. So lässt sich leicht und anonym Geld bargeldlos transferieren.

Illustrationen: Jan Steins

Der Text erschien zuerst in Capital 04/2015.