DigitalisierungBanken wollen Daten ihrer Kunden zu Geld machen

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Große Geheimhaltung

Auch die ING-Diba hat das Thema entdeckt, hier arbeitet ein zwölfköpfiges Team an den Kundendaten. „Um die Kundennähe zu fördern“, wie Bankchef Roland Boekhout sagt.

Was die Institute genau vorhaben, behalten sie meist noch für sich – aus Angst vor der Konkurrenz. Dass Deutschlands Finanzinstitute allerdings erst jetzt auf die Idee gekommen sind, mit den Daten ihrer Kunden Geld zu verdienen, sagt auch viel über den Zustand der Branche.

Fast 15 Jahre waren die meisten Geldhäuser mit sich selbst beschäftigt: erst ehrgeizige Pläne im Investmentbanking, immer komplexere Finanzprodukte, dann ab 2007 die Finanzkrise und der Absturz. Seither mussten die Banken ihre Bilanzen aufräumen, Geschäft abstoßen. Der klassische Privatkunde kam im Kalkül der Banker allenfalls als lästiger Kostenfaktor vor – genervt von geschlossenen Filialen, aber gesegnet mit hohen Ansprüchen etwa auf ein kostenloses Girokonto und einem großen Misstrauen gegen jede Form von Anlageberatung.

Dass weit entfernt von den Frankfurter Glastürmen, in irgendwelchen Hinterhöfen in Berlin, Stockholm oder San Francisco, zeitgleich junge Programmierer anfingen, ganz neue und einfache Bezahlsysteme über das Netz oder das Smartphone zu entwickeln, nahmen sie zunächst kaum ernst. Der Bill-Gates-Satz „Banking is necessary, banks ar not“ verhallte lange ungehört. Deutschlands Geldhäuser, so beschrieb die Misere jüngst die Managementberatung Bain & Company, stünden mitten in einem Strukturwandel, der nur mit dem Umbruch der Stahlindustrie im vergangenen Jahrhundert vergleichbar sei. Nicht umsonst rief Capital im vergangenen Jahr „Das Ende der Banken“ aus (9/2014).

„Wir haben zehn Jahre komplett geschlafen“, gibt der Privatkundenvorstand einer großen deutschen Bank zu, „und hatten Glück, dass dies kaum jemand bemerkt hat.“

Jetzt scheinen Commerzbank, Deutsche und Co wenigstens aufgewacht. Sie wollen den Kampf noch mal aufnehmen, wenn auch aus der schieren Not. Denn seit die Europäische Zentralbank (EZB) von Banken sogar eine Strafgebühr verlangt, wenn diese Geld bei ihr anlegen, ist die Zeit der leichten Gewinne endgültig vorbei. Die rund 2400 Mrd. Euro Spar- und Sichteinlagen der Deutschen lassen sich nun nirgendwo mehr risikolos und gewinnbringend parken. Nur 1,6 Prozent Eigenkapitalrendite verdienten die großen Banken in den vergangenen drei Jahren. Um in Zeiten von Tablets und Smartphones mit dem Massengeschäft Gewinn zu machen, müssten die Banken bis 2018 mindestens 35 bis 40 Prozent ihrer Flächenkosten einsparen, sagt die Unternehmensberatung Boston Consulting. Daher also der plötzliche Eifer der Banken.

Das Leben, ein Kontoauszug

Und die Voraussetzungen könnten auf den ersten Blick kaum besser sein. Denn während Supermarkt­ketten und Fluggesellschaften teure Bonusprogramme auflegen müssen, um an die Geheimnisse ihrer Kunden zu kommen, haben die Banken alles auf ihren Servern liegen. Über das Girokonto wissen sie nicht nur, wo der Kunde wohnt und wann er Geburtstag hat, sondern auch, ob er gerade eine Gehaltserhöhung bekommen hat, woher er seinen Strom bezieht, wie viel er für Miete, den Immobilienkredit oder seine Versicherungen bezahlt und idealerweise auch, wo er gern essen oder einkaufen geht, wo er Urlaub macht und welche Marken er favorisiert.

Bisher beobachten die Institute diese Daten nur zum Schutz der Kunden. Ungewöhnliche hohe Überweisungen, kurz hintereinander oder an völlig unterschiedlichen Orten getätigte Abhebungen, merkwürdige Transaktionen wie die Buchung eines innerasiatischen Flugs für fünf Personen durch einen oberfränkischen Rentner – dann schlagen die Algorithmen der Finanzdienstleister Alarm, erhalten Kunden Anrufe, ob alles mit rechten Dingen zugehe. Bei der ING-Diba zum Beispiel arbeiten sie gerade daran, solche Daten demnächst in Echtzeit und nicht erst über Nacht auszuwerten – und eine verdächtige Überweisung daher gleich zu blockieren.

Aber wie werden die Deutschen reagieren, wenn ihre Bank sie nicht mehr nur beschützen, sondern in allen Lebenslagen beraten will: beim Stromanbieter, beim Handytarif, beim Sofakauf? Wahrscheinlich umfasst der Schatz der Banken auch Informationen über Krankenhausaufenthalte, Medikamente oder eher abseitige Hobbys. Big bank is watching you.