FinanzevolutionBanken lassen sich mit digitalen Störern ein

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Was ist ein „cooles Look and Feel“?

Comdirect spart sich so, die eigene Innovationsentwicklung und lässt sich diese von einem FinTech-Unternehmen liefern. Sie muss die Lösung lediglich in ihre eigene Umgebung integrieren. Das ist aber heute für Banken eine ganz normale Übung, denn in vielen Geschäftsfeldern arbeiten Banken heute mittlerweile mit angedockter Fremdsoftware.

Das pfiffige an der Lösung ist, dass die Anbindung über HBCI erfolgt und die Bank dafür nicht an ihren Backendsystemen schrauben muss, sondern nur am Kundenfrontend und vielleicht in der Middleware. Das ist ein wichtiges Signal für andere Banken, denn das Beispiel zeigt, dass Kreditinstitute ihre Leistungen weiter digitalisieren können ohne die Architektur ihre Kernbanksysteme auf den Kopf zu stellen. Diese von manchen Fachleuten geforderte Digitalisierung der Kernbanksysteme ist nämlich das, was Banken wirklich fürchten.

Was Banken gut können ist Sicherheit und Compliance. Was Banken selten gut können, ist Nutzerfreundlichkeit und ein „cooles Look and Feel“ ihrer Anwendungen bereitstellen. Es definiert ihnen nämlich niemand exakt, was ein „cooles Look and Feel“ ist. Aber wenn etwa FinTech-Dienste, wie WebID oder IDnow, kommen, die das analoge Postident-Verfahren ablösen, dann drängt es sich nahezu auf, diese zu integrieren. WebID und IDnow gelten beide als FinTechs und sind ein gutes Beispiel dafür, dass die künstlich aufgebauschten Hürden zwischen Banken und FinTech nicht existieren. Beide bieten ihre Dienste nämlich klassischen Banken (WebID der ING Diba) und FinTechs an (WebID für fairr.de). IDnow bietet die Echtzeitidentitätsprüfung zum Beispiel für Number26. Das Unternehmen ist selbst eine Kooperation zwischen einem FinTech und einer Bank, nämlich der Wirecard Bank.

Keine Angst vor Kooperationen

Bekannt sind mittlerweile viele weitere Ansätze, wie Banken mit den jungen Tech-Unternehmen ihre Leistungen mit echten Mehrwerten erweitern können. Dazu gehören beispielsweise auch Anbieter, wie Gini oder PhotoPay, mit deren Hilfe Banken ihre Smartphone Apps so erweitern können, dass Rechnungen oder Überweisungsträger mit dem Smartphone fotografiert werden und daraus gleich eine Zahlung generiert werden kann. Das hier ist übrigens eine gute Gelegenheit auf die ganz hervorragende Podcast-Serie zum Thema FinTech mit Jochen Siegert und André Bajorat hinzuweisen. In der gerade veröffentlichten Ausgabe 4 befassen sie sich mit dem Thema White-Label Bank und wie und warum FinTechs mit Banken zusammenarbeiten.

Die Beispiele, die sich beliebig um viele weitere Kooperationen erweitern lassen, zeigen, dass die Praxis die künstliche Trennung zwischen Banken und FinTechs längst widerlegt hat. Banken brauchen vor der Zusammenarbeit mit den FinTechs keine Angst zu haben, es reicht eine Portion Neugierde und ein wenig Begeisterungsfähigkeit für die vielen Ideen, die schon da sind und noch kommen werden.

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite