FinanzevolutionBanken im Strudel der Digitalisierung

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Viele Fintechs haben eine E-Money-Lizenz

Sie halten Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook für zentrale Spieler im Finanzmarkt, die jederzeit ihre Positionen „ausspielen“ könnten. Glauben Sie, dass diese Unternehmen die Regulatorik im Griff haben?

Der Erfolg einiger marktstarker Internetplattformen ist nicht von der Hand zu weisen. Ihre Geschäftsmodelle werden häufig von starkem Umsatz- und Gewinnwachstum begleitet und erlauben ihnen, viele Innovationen, Projekte und Investitionen zur Marktreife voranzutreiben. Die Pipeline mit innovativen Projekten oder Geschäftsmodellen scheint gut gefüllt zu sein, denn die Frequenz des Erscheinens neuer Dienste und Produkte beziehungsweise die Innovationsrate ist durchaus höher als bei vielen etablierten Unternehmen, die noch im analogen Zeitalter gegründet wurden.

Viele Angebote der Non-Banks im Finanzsektor konzentrieren sich derzeit (noch) auf Produkte und Dienste, die nur bedingt einer regulatorischen Aufsicht unterliegen oder für die zumindest keine Vollbanklizenz benötigt wird. Traditionelle Banken haben durch die regulativen Auflagen also nicht nur Kostennachteile, sondern genießen durchaus auch Wettbewerbsvorteile in Form von Markteintrittshürden für neue Akteure. Regulierung läuft nicht einfach so nebenher. Jüngst hat sogar ein Player im Finanzsektor seine Banklizenz zurückgegeben, weil die regulatorischen Vorschriften innovationshemmend sein können und dadurch Agilität verlorengehen kann.

Viele der technologiegetriebenen Internetunternehmen verfügen aber bereits über eine sogenannte E-Money-Lizenz, die es ihnen erlaubt, ihr Angebot an Fintech-Diensten, vor allem im leicht zu standardisierenden und leicht zu automatisierenden Bereich auszuweiten. Der Schritt zur Vollbanklizenz beziehungsweise zu einem erweiterten Angebot an Finanzdiensten (zum Beispiel Kredite oder Anlageprodukte) ist da nicht mehr fern. Als traditionelle Bank würde ich davon ausgehen, dass künftig auch viele Finanzdienste außerhalb des Retailbereichs durch technologiegetriebene Player angeboten werden.

Überblick über Fintechs© Deutsche Bank Research

Viele moderne daten- und selbstlernende algorithmenbasierte Finanzlösungen kommen ja bereits aus dem Nicht-Bankensektor. Insbesondere wird derzeit die Blockchain-Technologie als dezentrales Peer-to-Peer-(P2P-)Instrument vermehrt als „the new big thing“ kontrovers diskutiert. Mit der Blockchain-Technologie (Kette von Transaktionsblöcken) lassen sich unterschiedliche Transaktionen dezentral, also über eine Vielzahl von Servern, relativ kostengünstig organisieren. Das können Zahlungen in nahezu Echtzeit sein, aber auch Wertpapiertransaktionen oder die Dokumentation und Abwicklung von Vertragsinhalten (aktuelle Diskussion um Smart Contract). Hier spielt zumindest derzeit Regulierung noch keine wirkliche Rolle, weil die Entwicklungen noch in den Kinderschuhen stecken.

Sie schreiben, traditionelle Banken könnten ihre Vorteile bei Datensicherheit und Datenschutz besser nutzen. Gibt es hier Anzeichen, dass die Fintech-Unternehmen diese Aspekte nicht ernst nehmen?

Seitdem viele digitale Transaktionen sowie der Datenzugriff in die Cloud gewandert sind und der Zugriff verstärkt auch über mobile Endgeräte erfolgt, bekommt die IT-Sicherheit in allen unseren Lebensbereichen eine dominantere Bedeutung. Zudem sorgte die Veröffentlichung der Snowden-Dokumente im Juni 2013 zusätzlich für eine stärker werdende Verunsicherung und das Gefühl, „nicht mehr alleine zu sein“ im Netz. Dies ist jetzt ein wichtiger Schritt für Banken, denn gerade bei sensiblen Finanzdaten reagieren Kunden zu Recht besorgt auf die Ausspähpraktiken und die Datenmissbrauchsfälle einiger Akteure.

Natürlich lassen sich nicht alle technologiegetriebenen Unternehmen in einen Topf werfen, aber viele Datenschutz-Experten kritisieren regelmäßig den eher laxen Umgang datenschutzrechtlicher Aspekte bei einigen (großen) US-Plattform­betreibern. Bei vielen Fintech-Start-ups ist es meines Erachtens keine Frage der Ernsthaftigkeit, sondern eher eine Frage des Vertrauens seitens der Konsumenten. Hier spielen neben dem fehlenden Branding, sicherlich auch die mangelnde (Kunden-) Reichweite sowie die teilweise nicht vorhandenen langjährigen finanzspezifischen Erfahrungen der Fintech-Start-ups mit Regulierung eine wesentliche Rolle.

Viele Konsumenten vertrauen ihrer Hausbank, wenn es um ihre finanziellen Belange geht. Beim Thema Datenschutz/Datensicherheit könnten traditionelle Banken daher eine Vorreiterrolle einnehmen: Sofern sie garantieren, dass sie personenbezogene Daten weder an Dritte monetarisieren noch für andere unternehmensfremde Projekte zweckentfremden, sollte es ihnen künftig erlaubt sein, in Absprache mit dem Kunden mit vorhandenen Informationen geschäftsbereichsübergreifend Datenanalysen durchzuführen. Eine mit dem Kunden vorab besprochene und dokumentierte Einwilligung sorgt für die notwendige und vertrauensschaffende Transparenz im Umgang mit der datenschutzkonformen Einhaltung informationeller Selbstbe­stimmung.

Natürlich sind sie durch einen strengen regulativen Rahmen gezwungen, bestimmte Datenschutzaspekte ex ante einzuhalten. Aber durch zusätzliche selbstauferlegte, also freiwillige Maßnahmen, wie etwa die Kommunikation hinsichtlich der Funktionsweise der dahinterliegenden Algorithmen, könnten die Banken im Gegensatz zu vielen Internetplattformen ihre Analysepraktiken noch transparenter gestalten. Dadurch wird auch dem „Black Box“-Charakter von Big Data entgegengewirkt.

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite