AnalyseWird Frankfurt der Brexit-Gewinner?

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Keine Bank muss London verlassen

Dürfen sich denn wenigstens die Frankfurter Juweliere, Designerfilialen und Luxusautohäuser über neue Kundschaft freuen?

Wohl kaum. Die neuen Jobs in Frankfurt dürften zunächst eher in den Bereichen IT, Risikomanagement, Controlling und Administration geschaffen oder verlagert werden – nicht in den sehr hoch bezahlten Umfeldern des Investmentbankings wie der Fusionsberatung oder der Wertpapierplatzierung.

Warum genau müssen die Banken überhaupt London verlassen?

Keine Bank muss London verlassen. Grundsätzlich muss man zwischen zwei Verlagerungen beziehungsweise Neugründungen unterscheiden: Manche Banken haben ganz unabhängig vom Brexit geplant, eine europäische Holdinggesellschaft zu gründen, in der die EU-weiten Geschäfte gebündelt werden. Das ist etwa bei der schweizerischen UBS der Fall. Andere haben sich entschieden, einen Standort mit Banklizenz in Frankfurt zu gründen, um für den Fall eines harten Brexits gerüstet zu sein und seine Bankdienstleistungen unterbrechungsfrei auch in der restlichen EU anbieten zu können.

Die Banken unterhalten möglichst wenige Standorte, da inzwischen für EU-weite Geschäfte theoretisch nur ein Sitz innerhalb der EU ausreicht mit entsprechend einer Bankenaufsicht und den Kapitalanforderungen auch nur eines Standorts. Da zwischen Antrag bei den Aufsichtsbehörden und Zulassung mitunter ein Jahr oder länger vergeht, wollen die Institute nicht den faktischen Brexit spätestens im Jahr 2019 abwarten, sondern sich schon rechtzeitig rüsten.

Können theoretisch auch ein Briefkasten und ein weitergeleitetes Telefon die Europazentrale einer Bank sein?

Genau das ist die Sorge der Aufseher. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret machte dazu in einer Rede in London im Februar klar, dass die deutsche Aufsicht keine leeren Hüllen, Briefkastenfirmen oder eine Art „Fly by Banking“ akzeptieren werde – also Bankstandorte, deren Mitarbeiter mit einer möglichst geringen Verweildauer aus anderen Städten einfliegen. Auch die Chefin der EZB-Bankenaufsicht Daniele Nouy erklärte im März in einer Rede, dass „jedes neu niedergelassene Unternehmen ein adäquates lokales Risikomanagement betreiben, am jeweiligen Standort hinreichend Personal beschäftigen und operativ unabhängig sein muss“. Wie viele das sind, hängt auch vom Geschäft ab, kleinere Brokerhäuser kommen womöglich mit zwei Dutzend Mitarbeitern aus, Großbanken benötigen womöglich eine dreistellige Anzahl.

In jedem Fall geht die Gründung eines Europa-Hauptquartiers samt Banklizenz nicht automatisch einher mit der Verlagerung oder Schaffung hunderter Jobs oder dem Bezug ganzer Hochhäuser. Das zeigt ein Blick auf die Aktivitäten anderer Banken. Beispielsweise wickelt die Schweizer Bank Julius Bär über ihre in Frankfurt ansässige Julius Bär Europe AG, die über eine Vollbanklizenz verfügt, das gesamte europäische Geschäft außerhalb der Schweiz ab. Laut letztem Geschäftsbericht sind in Frankfurt 170 Mitarbeiter mit 23 Mio. Euro Gesamtvergütung beschäftigt.

Londoner Banker wollen nicht nach Frankfurt

Was sagen Londons Banker zu Frankfurt?

Gegenfrage: Was sagen Sie zu Neuwied am Rhein? Neuwied verfügt über eine hervorragende Infrastruktur, ein gutes kulturelles Angebot, eine bunte Gastronomie, über 100 Ärzte und Fachärzte, fast 50 Schulen. Es besitzt ein malerisches Rheinufer, viel Natur drum herum, dennoch ist man in einer Stunde per Auto oder Bahn in Köln oder Frankfurt und vermutlich schneller am Flughafen Frankfurt, als man vom östlichen London bis zum Flughafen Heathrow braucht. Und vor allem sind die Lebenshaltungskosten in Neuwied sehr niedrig und Immobilien ein Schnäppchen, für 300.000 Euro bekommt man ein freistehendes Einfamilienhaus mit Garten und unverbaubarem Fernblick in Eifel und Westerwald.

Klingt alles gut. Wird aber bei Ihnen vermutlich keine Jubelstürme auslösen, wenn Sie aus Frankfurt kommen und Ihnen Neuwied als lebenswert, gut und günstig angepriesen bekommen, weil man Ihnen den Standort schmackhaft machen will. Denn die Größenverhältnisse zwischen Frankfurt und Neuwied – Frankfurt ist etwa zehnmal größer als die Deichstadt am Rhein – sind vergleichbar mit denen zwischen London und Frankfurt.

Die gut zwei Dutzend in den vergangenen Monaten von Capital befragten Banker in London können sich einen Wechsel nach Frankfurt unter keinen Umständen vorstellen. Die typische Antwort lautet: „Wenn mein Job nach Frankfurt geht, dann bleibe ich hier und suche mir eben einen anderen Job in London.“ Wahrscheinlich ist daher, dass tatsächlich die Jobs, aber kaum die Menschen von London nach Frankfurt umziehen. Was Banken praktischerweise ermöglicht, Personalkosten zu sparen, da Gehälter bei Neueinstellungen das örtliche Gehaltsniveau und die Lebenshaltungskosten reflektieren.

Wie sähe das optimistischste Brexit-Szenario für Frankfurt aus, wie das pessimistischste?

Das pessimistischste: Wenn es noch vor 2019 zu einer Einigung kommt, die den bislang in London ansässigen Instituten erlaubt, weiter EU-weit Bankdienstleistungen nachzugehen. Dann gibt es für die Banken zumindest keine rechtlichen Gründe, mit größerem Aufwand in Frankfurt Geschäft und Personal aufzubauen. In Kombination mit einem möglichen Ende des langjährigen Aufschwungs und weiter niedrigen Zinsen in Deutschland droht den inzwischen gewachsenen Erwartungen eine herbe Enttäuschung.

Das optimistischste Szenario wären rasche Sog- und Netzwerkeffekte, weil die Institute Torschlusspanik bekommen und sich ausreichend Büroraum und qualifizierte Mitarbeiter am Finanzplatz Frankfurt zu sichern. Banken neigen zum Herdentrieb und schätzen räumliche Nähe zueinander, genauso wie zu den Entscheidungsträgern in Notenbanken und Bankenaufsicht, die alle in Frankfurt sitzen.

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