AnalyseWird Frankfurt der Brexit-Gewinner?

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Wenn nur die Zahl der Banker offen ist, die kommen, nicht aber die Tatsache an sich – lohnt jetzt der Kauf einer Wohnung in Frankfurt?

Nein, denn der Brexit-Boom ist laut Maklern ein Thema, das vor allem Verkäufer elektrisiert, die ihre Preisvorstellungen nach oben geschraubt hätten. Hingegen legen Käufer ungern heute noch einmal Geld drauf, weil sich am Horizont die vage Chance auf eine gestiegene Nachfrage durch mehr Banker abzeichnet.

Allerdings sprechen womöglich überzogene Brexit-Boom-Erwartungen nicht per se gegen einen Immobilienkauf in Frankfurt. Die Stadt wächst aufgrund von Binnenwanderung und einem natürlichen Bevölkerungsanstieg um knapp 30 Einwohner pro Tag. Es fehlen dennoch laut Hochrechnungen von Deutsche Bank Research rund 36.000 Wohnungen, Tendenz steigend, denn die Fertigstellungen decken nicht den steigenden Neubaubedarf einer Stadt, die räumlich buchstäblich an ihre Kapazitätsgrenzen stößt.

Ein paar hundert Banker mehr oder weniger werden die Preise nicht entscheidend bewegen und sollten auch nie ausschlaggebend für Transaktionen sein.

Was ist mit den Maklern, die angeblich überall Gewerbeimmobilien im Auftrag von Banken suchen?

Das ist ein üblicher und keineswegs spezifischer Prozess Frankfurts, in dem Büroraum alles andere als knapp ist. Seit dem Brexit haben alle großen Londoner Banken den Immobilienmaklern den Auftrag erteilt, die Lage auf dem Gewerbeimmobilienmarkt in den großen Finanzmetropolen Europas zwischen Dublin im Westen und Warschau im Osten zu sondieren. Hintergrund: Banken sind üblicherweise Mieter in hoch- und neuwertigen sowie zusammenhängenden Büroimmobilien in zentraler Lage, die nur begrenzt zur Verfügung sind und sich nur mit mehreren Jahren Vorlaufzeit bauen und beziehen lassen.

Da allerdings der Brexit – vorbehaltlich eine alternativen Lösung – vermutlich bis 2019 vollzogen wird, müssen sich die Institute einen Überblick verschaffen, welche Flächen kurzfristig verfügbar sind. Aktuell taxiert der Makler Jones Lang LaSalle (JLL) den Leerstand in Frankfurt auf eine Million Quadratmeter beziehungsweise neun Prozent. Rund 340.000 Quadratmeter Bürofläche sind in Bau, davon rund 150.000 im Bankenviertel. Zwar spricht JLL von einer weiter „sehr guten Stimmung selbst ohne Brexit-Effekte“. Allerdings mahnen die Experten auch, dass „immer mehr Bauprojekte spekulativ vorangetrieben werden, wobei sich diese auf innerstädtische Lagen fokussieren“ – ein typisch spätzyklisches Phänomen.

Brexit-Effekt und Jobabbau könnten sich aufheben

Was hat es mit dem Brutto-Netto-Effekt bei den Jobs auf sich?

Summiert man die offiziell bestätigte oder fest beabsichtigte Zahl der Jobverlagerungen und -schaffungen in Frankfurt, läuft dies bislang auf eine allenfalls dreistellige Zahl neuer Jobs hinaus. Die Zahl der in der Bankbranche in Frankfurt beschäftigten Mitarbeiter schwankt indes mit den Wirtschaftszyklen deutlich stärker. Wie viele Banker in zwei oder fünf Jahren in Frankfurt arbeiten werden, hängt in größerem Ausmaß vom Wirtschaftswachstum und der Zinsentwicklung ab als von administrativen Regelungen für Standorte.

Kurz: Banken schaffen Jobs, wenn sie für ihre Geschäftstätigkeit sinnvoll sind und die Erträge steigen. Sie bauen eher Jobs ab, wenn die Zinsen nicht vom Fleck kommen, die Regulierung immer mehr kostet und ihre Ertragskraft leidet. Genau das ist in den vergangenen zwei Jahren der Fall gewesen.

Daher ist unklar, ob es unter dem Strich künftig selbst bei einem harten Brexit mehr Beschäftigte in Frankfurt in der Bankbranche geben wird oder nicht. Die Zahl der bei Banken beschäftigten Mitarbeiter in Frankfurt sinkt jedenfalls laut Auswertungen der Helaba seit etwa Ende 2014 trotz annähernd Vollbeschäftigung und starkem Wirtschaftswachstum langsam auf zuletzt rund 62.500 Menschen. Jüngere Bundesbank-Zahlen sehen zumindest eine Stabilisierung.

Bis Ende 2018 sollen es laut der Helaba-Prognose von Ende 2016 noch 62.000 Bankjobs in Frankfurt geben. Das im Kern optimistische Institut rechnet zwar mit 2000 neuen Stellen bis 2018, vermutet aber auch, dass sich die Effekte des Beschäftigungsaufbaus der Auslandsbanken durch den Brexit auf der einen und die Konsolidierung in den deutschen Banken auf der anderen Seite gegenseitig aufheben. Im Bankensektor arbeiten damit in Frankfurt rund 3000 Mitarbeiter weniger als vor der Finanzkrise, und in diesen Zahlen sind die 2016 angekündigten, umfangreichen Sparprogramme der Commerzbank und Deutschen Bank noch nicht enthalten. Die Deutsche Bank ist freilich auch ein „Joker“ der Optimisten, schließlich hat sie das Potenzial, eine große Zahl ihrer in London beschäftigten Mitarbeiter nach Frankfurt zu holen.

Jetzt mal Schluss mit dem Pessimismus: London wird in jedem Fall verlieren, Frankfurt gewinnen – die Frage ist doch nur, in welchem Ausmaß, oder?

Der wahrscheinliche Ausgang ist tatsächlich, dass der Kuchen London verliert, die dabei abfallenden Krümel für das zehnmal kleinere Frankfurt einen positiven Impuls bedeuten. Aber wirklich sicher ist das nicht. Großbritannien hat sich zwar in eine schwierige Situation manövriert. Die Attraktivität des Finanzplatzes London mit rund 450.000 direkt in der Finanzdienstleistungsbranche Beschäftigten fußt jedoch vor allem auf den Netzwerkeffekten, dem ständigen Zustrom hervorragend ausgebildeter Talente, kurzen Wegen und einer hervorragenden Infrastruktur. Daran wird auch ein EU-Austritt nichts ändern. Möglich, dass am Ende alle Beteiligten am Brexit unter dem Strich verlieren, London, Frankfurt ebenso wie die EU und Großbritannien.

Viele deutsche Bankmanager treibt zudem die Sorge um, der Brexit könne London sogar in die Hände spielen. Der Grund: Die Metropole an der Themse könnte sich in unmittelbarer Nähe zum Kontinent als eine Art „Offshore“-Finanzzentrum positionieren, laxer reguliert und niedriger besteuert als zuvor unter dem Dach der EU – mit Banken, die ihren Geschäften in der restlichen EU mit minimalem administrativem Aufwand nachgehen. Das ist nicht nur aus Frankfurter, sondern europäischer Sicht ein mögliches, wenngleich nicht wahrscheinliches Szenario.