BankenIch bastel mir eine Bank

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Die technische Seite ist nur das eine. Das andere ist die politische Komponente. Lange Zeit spielte sich die API-Revolution in einer rechtlichen Grauzone ab. Das jedoch wird sich nächstes Jahr ändern. Denn dann tritt eine neue europäische Richtlinie namens PSD2 („Revised Payment Service Directive“) in Kraft. Was umständlich und harmlos klingt, wird genau genommen aber „zu einer historischen Veränderung der Marktposition etlicher Geldinstitute führen“, sagt Hans Kraus von der Beraterfirma Capco. „Das Banking wird von den Banken abgekoppelt.“

Hintergrund: Durch PSD2 müssen sich die Banken das Auslesen ihrer Konten nicht mehr nur gefallen lassen, sondern das Prozedere durch die entsprechende Aufbereitung ihrer Schnittstellen sogar unterstützen. Klar, dass etablierte Banken und deren Lobbyisten die neue Richtlinie alles andere als lustig finden. Die Institute würden damit verpflichtet, Drittanbietern die eigene Infrastruktur „kostenlos zur Verfügung zu stellen und auch noch die Verantwortung für die damit verbundene Sicherheit zu übernehmen. Das bedeutet weitere Kostenbelastungen“, kritisiert etwa Andreas Martin, Vorstand beim genossenschaftlichen Bankenverband BVR.

Tatsächlich haben Lobbyisten wie Martin jahrelang gegen die PSD2 gekämpft. Die EU-Kommission allerdings war fest entschlossen, das Projekt durchzuziehen. Sie erhofft sich von der neuen Richtlinie ein „Level Playing Field“, wie das in der Regulierersprache heißt, also gleiche Chancen für alle. Wäre die Welt noch wie vor zehn Jahren, könnte man nun sagen: Ein bisschen Konkurrenz kann die Branche ganz gut vertragen. Stattdessen fällt die Einführung von PSD2 nun in eine Zeit, in der viele Banken – geschwächt durch die Finanzkrise und entkräftet von den niedrigen Zinsen – ohnehin nicht mehr weiterwissen. Und nun auch noch das.

PSD2 könne sich „als veritabler Gamechanger erweisen“, sagt Peter Bosek, der Privatkundenvorstand der österreichischen Großsparkasse Erste Group. Bloß: In welche Richtung dreht sich das Spiel? Und sind es, wie es der erste Gedanke vielleicht nahelegt, die Fintechs, die am stärksten profitieren – also jene Finanz-Start-ups, die den Banken seit einigen Jahren mit schicken Apps und innovativen Techniklösungen das Leben schwer machen? Oder verändert sich zwar das Spiel, die wichtigsten Spieler aber bleiben dieselben?

George aus Österreich

Wer sich vom Wiener Hauptbahnhof in Richtung Erste Bank aufmacht, der hält intuitiv nach einem klotzigen Bankenturm Ausschau. Stattdessen führt einen Google Maps in ein campusartiges Gelände mit mittelhohen Glasbauten und viel Grün dazwischen. Vor einem Jahr hat die größte österreichische Bank ihre neue Zentrale nahe dem Belvedere-Garten bezogen. Die offene Architektur korrespondiert mit dem neuen Denken, das die Erste Group erfasst hat.

Peter Bosek, also der Mann, der vom „Gamechanger“ spricht, empfängt auf einer Terrasse. Es ist angenehm warm, er zieht das Jackett aus, eine Krawatte trägt er ohnehin nicht, was in Boseks Fall mehr ist als ein flüchtiges Statement: „Ich bin ganz grundsätzlich der Meinung, dass man das Banking entkrawattisieren sollte. Unsere Branche ähnelt mittlerweile in vielem der öffentlichen Hand, etwa was die starren Personalsysteme betrifft oder das Prinzip von Über- und Unterordnung. Und dafür steht stellvertretend auch die Kleidung.“

Boseks These ist, dass die Banken inzwischen stärker von der Regulatorik als vom Unternehmertum geprägt sind – und dass das durchaus so gewollt sei. „Der europäischen Politik wäre es am liebsten, wenn die Banken nur noch die Infrastruktur bereitstellen, ähnlich wie die Telekomkonzerne für die Internetwirtschaft. Mein Problem allerdings ist, dass ich als reiner Serviceprovider den direkten Kontakt zum Kunden verliere.“

Bei der Erste Group haben sie darum vor Jahren eine strategische Grundsatzentscheidung getroffen – nämlich selbst eine Art Start-up zu gründen. 2012 war das, als im deutschsprachigen Raum von Fintechs, APIs oder PSD2 noch kaum die Rede war. „Die neue Entity“, wie Bosek das ausdrückt, wurde neben die eigentliche Bank gesetzt, mit Kreativen und IT-Nerds bevölkert, und schließlich ging aus der „Entity“ Anfang 2014 George hervor.

George? Das ist eine der ersten und – das bestätigen alle Experten – vor allem besten Finanz-Apps in Europa. Schon jetzt hat die Plattform knapp eine Million Nutzer.

Doch für Bosek geht das Spiel jetzt erst los. George soll nämlich nicht nur die eigenen Kunden mit den eigenen Produkten verlinken – sondern weit darüber hinausgehen. „‚Wir haben von Anfang darauf geachtet, dass George eine eigene API hat. Und warum? Weil wir sicherstellen wollten, dass die Nutzer von den Dienstleistungen Dritter profitieren können“, sagt Bosek. Seine Vision gehe deshalb über die Entwicklung einer schicken App weit hinaus: „Wir wollen mit George eines Tages zu einer paneuropäischen Bankenplattform werden. Eine Art iTunes für Banking.“

Auch wenn dieses Ziel vermutlich ein bisschen hoch gesetzt ist: Inzwischen folgen auch hierzulande immer mehr Banken der Plattformidee der Erste Group. Zum Beispiel die Comdirect. Und selbst die Deutsche Bank. Darum hat sie ihr Online- und Mobilebanking kürzlich um eine „Multibanking“ genannte Funktion erweitert. Deren Sinn: Dank der – von Bajorats Figo – konzipierten API können die Kunden mit der Deutsche-Bank-App nun auch auf sämtliche Konten, Karten, Kredite oder Depots zugreifen, die sie bei anderen Geldinstituten haben. In Bajorats Terminologie ist die Deutsche Bank damit nicht mehr nur eine „Financial Source“, die von anderen angezapft wird – sondern sie zapft jetzt auch selbst bei anderen an.