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Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das macht auch Julia Koplin auf Gran Canaria
Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das macht auch Julia Koplin auf Gran Canaria
© Mustafah Abdulaziz

Auch unter der Sonne des Südens kann Julia Koplin nicht anders. Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Typisch deutsch! Der erste Blick geht zum Smartphone, Mails checken. Der zweite geht zum Strand, Wellen checken. Es fühlt sich ein bisschen an wie Urlaub, aber es ist die Arbeit, die die Diplom-Pflegewirtin nach Gran Canaria verschlagen hat. Es hätte aber auch Mallorca sein können, Thailand, irgendein Ort auf der Welt. Alles, was Koplin braucht, ist ein Internetanschluss – und eine Atmosphäre, die sie beflügelt. Wind, der den Kopf freipustet. Der körperliche Ausgleich zur geistigen Arbeit.

Für die Hamburger Schulbehörde arbeitet die 42-Jährige an einem Konzept zur Inklusion von Kindern mit besonderem medizinischen und pflegerischen Bedarf. Wo sie das macht – egal! Und deshalb ist sie hier, auf Gran Canaria. Im Surf Office. Einem kleinen Hotel, das neben einigen Zimmern auch Arbeitsplätze bietet und sich rühmt, das schnellste Internet der Insel zu haben. Den Schlaf- und Arbeitsplatz in Kombination gibt es für 300 Euro pro Woche. Viele Freiberufler nutzen das Angebot, aber auch immer mehr Festangestellte aus der ganzen Welt. T-Mobile, Facebook, AT&T, Avast und CGI stehen auf der Referenzliste des Surf Office.

Um 10 Uhr geht’s aufs Wasser

Für Koplin ist es der perfekte Ort, wenn sie an Konzepten feilt. Sie ist bereits zum dritten Mal hier. Bis zu drei Wochen verabschiedet sie sich auf die Insel. „Hier wird mein Tagesablauf weniger fremdbestimmt, ich kann konzentriert an komplexen Fragen arbeiten, ohne allzu viele Ablenkungen durch Meetings, Anrufe, Beratungsgespräche und private Verpflichtungen“, sagt die Hamburgerin. Der große Vorteil: „Wohnung, Büro und Surfstrand sind maximal drei Minuten voneinander entfernt.“

Ihre Tage hat Koplin klar strukturiert. Nachdem sie die ersten Stunden gearbeitet hat, schnappt sie sich gegen 10 Uhr eines der Surfbretter, die in dem loftartigen Büro an der Wand lehnen. Zeit zum Surfen. Bis zum Atlantik sind es nur wenige Meter. Das Brett klatscht auf das kristallklare Wasser. Ein paar kräftige Armzüge, dann ist die Brandung überwunden. Auf der perfekten Welle geht es zurück Richtung Strand, immer und immer wieder. Nach dem Mittagessen hält sie kurz Siesta, ganz landestypisch. Dann sitzt Koplin am Laptop – bis in den Abend, der meist mit den Kollegen auf Zeit in einer Tapasbar oder bei einem Bier in der Bar am Strand endet. So kann Arbeit im Jahr 2014 aussehen.

Das Surfoffice auf Gran Canaria ist Hotel und Büro in einem
Das Surfoffice auf Gran Canaria ist Hotel und Büro in einem
© Mustafah Abdulaziz

Historische Zäsur für die Arbeitswelt

Keine Grenzen, kein festes Büro, keine Anwesenheitspflicht, keine festen Zeiten – das Surf Office ist ein schillerndes Beispiel für eine schöne neue Arbeitswelt, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Zum einen fehlte es bis vor Kurzem an den technischen Voraussetzungen, an jedem Ort der Erde einfach sein Büro aufzustellen. Zum anderen musste in den Köpfen erst die Erkenntnis reifen, dass der beste Arbeitsplatz nicht immer das Zimmer in der Firmenzentrale ist. 230 sogenannte Co-working-Areas wie das Surf Office gibt es allein in Deutschland, etwa 2 500 verteilt um den gesamten Globus. Sie sind das Fundament für die neue Freiheit, die anfangs hauptsächlich von Selbstständigen und Freiberuflern gelebt wurde. Mittlerweile sind die Modelle für flexibles Arbeiten aber auch in den Vorstandsetagen großer Unternehmen angekommen.

Möglicherweise steht die deutsche Wirtschaft vor einem tief greifenden Umbruch. Von einer „historischen Zäsur für die Arbeitswelt, in der ein global vernetzter Informations- und Arbeitsraum entsteht“ spricht Andreas Boes, Arbeitsforscher und Vorstand des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München (ISF). Die Veränderung ließe sich sogar mit der Entstehung des Taylorismus vergleichen, mit dem Handarbeit industrialisiert wurde und der die Arbeitskultur des 20. Jahrhunderts prägte. Genauso könne nun ein enormer Produktivitätsschub für die Kopfarbeit anstehen.

Arbeiten, Surfen, Party - unter Gleichgesinnten fällt alles leicht
Arbeiten, Surfen, Party – unter Gleichgesinnten fällt alles leicht
© Mustafah Abdulaziz

Das Modell der Zukunft

„Flexibles Arbeiten ist seit zwei, drei Jahren eines der Hauptthemen in der deutschen Wirtschaft“, bestätigt Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Und das werde es auch in den nächsten fünf bis zehn Jahren bleiben – schon allein wegen des demoskopischen Wandels. Er prophezeit: „Die alternierende Heimarbeit wird das Modell der Zukunft sein. Ein bis zwei Arbeitstage zu Hause kombiniert mit Kommunikation und Interaktion im Unternehmen.“

Auch der Unternehmensberater Heiko Pobbig, der Firmen beim Umsetzen flexibler Arbeitszeitmodelle unterstützt, schätzt die Bereitschaft zur flexiblen Arbeit hoch ein: „80 Prozent der Deutschen würden heute schon gerne von zu Hause aus arbeiten“, glaubt er. Vielleicht können sie das bald auch tatsächlich tun.