FinanzevolutionAuch FinTechs können sterben

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Der Kunstbegriff FinTech steht für Financial Technology und ist mittlerweile im Finanzalltag angekommen. Hinter dieser schwammigen Bezeichnung stecken Unternehmen und vorwiegend Start-ups, die digitale Bankgeschäfte aller Art und andere Anwendungsszenarien anbieten. Manche glauben hartnäckig an die Disruption der klassischen Bankindustrie durch die FinTechs. Nimmt man den Begriff “Disruption” wörtlich, würde dies bedeuten, dass die FinTechs bald klassische Banken verdrängen.

Carsten Maschmeyer hielt in einem Gespräch mit dem Manager Magazin gegen die vor allem von Beteiligungsgesellschaften aller Art befeuerte FinTech-Euphorie und ließ die Szene aufhorchen. Er sagte unter anderem:

“Bestimmte Transaktionen wickeln Kunden nur ab, wenn sie es mit großen Markennamen zu tun haben. Wer damit nicht aufwarten kann, wird künftig ein Problem bekommen. Bei Geld verstehen viele Menschen keinen Spaß …  Ich bin überzeugt: So wie es bei den Banken ein Filialsterben gibt, wird es auch ein FinTech-Sterben geben. Ich schätze, dass von den derzeitigen insgesamt 200 Firmen leider 90 Prozent auf der Strecke bleiben und nur circa 20 dauerhaft erfolgreich sein werden, sei es eigenständig oder an eine Bank angedockt.”

Maschmeyer polarisiert gern und sorgt selbst dann für Reaktionen, wenn er etwas ausspricht, was allseits bekannt ist. Und in Deutschland reden manche lieber über das Scheitern als über “Erfolgsrezepte” für FinTechs. Sogar meine gründungserfahrenen Lieblingspodcaster Jochen Siegert und André Bajorat widmen Maschmeyers Äußerung einen ihrer FinTech Podcast und analysieren in gewohnt unaufgeregter Weise verschiedene FinTechs-Segmente auf ihre Zukunftsfähigkeit. So spricht Siegert davon, dass er bis zu 40 Start-ups gezählt habe, die versuchten PayPal zu kopieren, es aber nur einen Markt für zwei maximal drei Start-ups in diesem Segment gäbe. Bajorat hält die Quote von zehn Prozent sogar für eine gute Zahl.

Ernüchterung bei neuen Bezahlverfahren

Maschmeyer selbst ist an dem FinTechs-Start-up barzahlen.de beteiligt und sieht dieses Unternehmen – wenig überraschend – auf der Erfolgsspur. Ob Maschmeyer mit beiden Ansichten richtig liegen wird, ist wie bei allen ökonomischen Prognosen höchst unsicher. Die Prophezeiung freilich, dass auch FinTechs untergehen werden, ist nicht besonders originell. Bereits in der Vergangenheit hat es zahlreiche Ausfälle gegeben. Bei neuen Bezahlverfahren etwa ist längst Ernüchterung eingetreten und zahlreiche Unternehmen haben ihr Geschäftsmodell gewechselt oder den Betrieb ganz eingestellt. Dazu gehört etwa das durch Crowdfunding finanzierte Start-up Paymey.

Aber gibt es hier eigentlich ein Problem? Nein, überhaupt nicht. Vielen mutigen Gründern ist durchaus bewusst, dass nicht jedes Start-up Erfolg haben wird. Sie kennen die mehr oder weniger genauen Schätzungen darüber, wie wenig Gründern es gelingt, ein „Einhorn“ zu finden, das sich zu einem Facebook oder Alibaba entwickeln kann. Zu den Einhörnern  (englisch Unicorns) werden die Start-ups gezählt, die auf Basis ihrer Beteiligungen auf eine Unternehmensbewertung von mehr als 1 Mrd. Dollar gelangen. In Deutschland erreicht meines Wissens kein Finanz-Start-up derzeit eine solche Bewertung. Die Wirtschaftswoche zählt die Hamburger Kreditplattform Kreditech zu einem potenziellen Kandidaten.

Der Markenaufbau ist wichtig

Ein Start-up zu gründen, entspricht ökonomisch einer Kaufoption, die weit aus dem Geld liegt. Viele dieser Optionen verfallen, wie bei Aktienoptionen, wertlos. Aber unter hohem Risiko schaffen es manche dieser Optionen, im Geld zu landen und den Einsatz zu vervielfachen.

Ob eine solche Kalkulation allerdings die Grundlage von Unternehmensgründern ist, darf man bezweifeln. Viele Gründer, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte, brennen für ihre Idee. Sie haben im privaten oder beruflichen Alltag Themen entdeckt, mit denen man Prozesse und vor allem Geschäfte einfacher gestalten kann. Im Finanzsektor ärgern sich viele über das träge Innovationstempo der Banken. Allerdings unterschätzen viele auch, dass ihre angestrebte Zielgruppe die eigene Begeisterung für ein neues Produkt nicht zwingend teilt. Maschmeyer hat nämlich recht mit der Aussage, dass Bankkunden sich im Zweifel lieber an großen Markennamen hängen.

Und auch wenn die 5381ste Studie herausgefunden haben will, dass Kunden das Vertrauen zu Banken verloren hätten, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sich von ihnen abwenden. Die größte Herausforderung für die neuen Spieler im Finanzsektor ist daher derzeit nicht die Produktentwicklung oder der Gewinn von Start-up-Wettbewerben, sondern der Markenaufbau. Und ebenso wichtig: Sie müssen Interesse und Begeisterung bei potenziellen Zielkunden wecken.

Digitalisierung macht nicht vor der Finanzbranche halt

Bajorat und Siegert betonen übrigens, was ich häufig in Vorträgen und Gesprächen mit Banken sage, dass aktuelle Erfolgsdaten von FinTechs kein Indikator dafür sind, dass der Kelch der Digitalisierung an der Finanzbranche vorübergeht. In Evolutionsprozessen scheiden immer wieder einzelne Organismen aus dem Leben. Die Beispiele vieler anderer Branchen sprechen eindeutig dafür, dass sich auch im Finanzwesen die Digitalisierung durchsetzen wird. Das betrifft übrigens nicht nur das meistens beachtete B2C-Geschäft, sondern genauso B2B-Produkte, interne Prozesse in Banken und ebenso Bank-zu-Bank und Bank-zu-Aufsicht-Prozesse.

Die Aussage von Maschmeyer ist also kein Beleg dafür, sich nicht mit Digitalisierung und FinTechs zu befassen. Die Szene hat ein sehr feines Gespür für die gestellten Anforderungen und schaut genau darauf, warum ein Unternehmen vom Markt verschwindet. So haben vor ein paar Jahren einige junge FinTech-Unternehmen die hohen Hürden der Finanzmarktregulierung unterschätzt. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass diese Themen mittlerweile deutlich ernster genommen werden. Das bestätigen auch Bajorat und Siegert in ihrem Podcast.

Manche Banken wollen erst handeln, wenn Studien großer Strategieberatungen oder Analysehäuser ihnen zweifelsfrei den Erfolg einer Strategie belegen. Wenn man dann mit seiner Strategie scheitert, hat man schnell einen Schuldigen gewonnen. Und genau hier liegt ein wesentlicher kultureller Unterschied zwischen klassischem Finanzsektor und FinTechs: Während viele Banken auf eine Fehlerminimierungsstrategie setzen (oft setzen müssen), gehen Gründer ins Risiko.