FinanzevolutionAuch FinTechs können sterben

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Der Markenaufbau ist wichtig

Ein Start-up zu gründen, entspricht ökonomisch einer Kaufoption, die weit aus dem Geld liegt. Viele dieser Optionen verfallen, wie bei Aktienoptionen, wertlos. Aber unter hohem Risiko schaffen es manche dieser Optionen, im Geld zu landen und den Einsatz zu vervielfachen.

Ob eine solche Kalkulation allerdings die Grundlage von Unternehmensgründern ist, darf man bezweifeln. Viele Gründer, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte, brennen für ihre Idee. Sie haben im privaten oder beruflichen Alltag Themen entdeckt, mit denen man Prozesse und vor allem Geschäfte einfacher gestalten kann. Im Finanzsektor ärgern sich viele über das träge Innovationstempo der Banken. Allerdings unterschätzen viele auch, dass ihre angestrebte Zielgruppe die eigene Begeisterung für ein neues Produkt nicht zwingend teilt. Maschmeyer hat nämlich recht mit der Aussage, dass Bankkunden sich im Zweifel lieber an großen Markennamen hängen.

Und auch wenn die 5381ste Studie herausgefunden haben will, dass Kunden das Vertrauen zu Banken verloren hätten, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sich von ihnen abwenden. Die größte Herausforderung für die neuen Spieler im Finanzsektor ist daher derzeit nicht die Produktentwicklung oder der Gewinn von Start-up-Wettbewerben, sondern der Markenaufbau. Und ebenso wichtig: Sie müssen Interesse und Begeisterung bei potenziellen Zielkunden wecken.

Digitalisierung macht nicht vor der Finanzbranche halt

Bajorat und Siegert betonen übrigens, was ich häufig in Vorträgen und Gesprächen mit Banken sage, dass aktuelle Erfolgsdaten von FinTechs kein Indikator dafür sind, dass der Kelch der Digitalisierung an der Finanzbranche vorübergeht. In Evolutionsprozessen scheiden immer wieder einzelne Organismen aus dem Leben. Die Beispiele vieler anderer Branchen sprechen eindeutig dafür, dass sich auch im Finanzwesen die Digitalisierung durchsetzen wird. Das betrifft übrigens nicht nur das meistens beachtete B2C-Geschäft, sondern genauso B2B-Produkte, interne Prozesse in Banken und ebenso Bank-zu-Bank und Bank-zu-Aufsicht-Prozesse.

Die Aussage von Maschmeyer ist also kein Beleg dafür, sich nicht mit Digitalisierung und FinTechs zu befassen. Die Szene hat ein sehr feines Gespür für die gestellten Anforderungen und schaut genau darauf, warum ein Unternehmen vom Markt verschwindet. So haben vor ein paar Jahren einige junge FinTech-Unternehmen die hohen Hürden der Finanzmarktregulierung unterschätzt. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass diese Themen mittlerweile deutlich ernster genommen werden. Das bestätigen auch Bajorat und Siegert in ihrem Podcast.

Manche Banken wollen erst handeln, wenn Studien großer Strategieberatungen oder Analysehäuser ihnen zweifelsfrei den Erfolg einer Strategie belegen. Wenn man dann mit seiner Strategie scheitert, hat man schnell einen Schuldigen gewonnen. Und genau hier liegt ein wesentlicher kultureller Unterschied zwischen klassischem Finanzsektor und FinTechs: Während viele Banken auf eine Fehlerminimierungsstrategie setzen (oft setzen müssen), gehen Gründer ins Risiko.