KolumneAnnus Horribilis der Konzerne

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Wenn in den letzten Tagen des Jahres nicht noch irgendetwas fürchterlich falsch laufen sollte, geht 2015 für den Dax mit einem guten Ergebnis zu Ende. Ob es am Schluss ein Plus von zehn Prozent sein sollte oder etwas mehr oder etwas weniger, zählt nicht besonders. In Zeiten extrem niedriger Zinsen bleibt für Anleger so oder so eine schöne Rendite.

Viele einzelne Dax-Konzerne können das jedoch nicht von sich sagen. Für nicht wenige von ihnen war 2015 ein wahres Schreckensjahr. Die beiden Energieriesen Eon und RWE versanken in einem Sumpf aus selbstverschuldeten Verlusten, einer widersprüchlichen Neuorganisation, weiter sinkender Preise und unberechenbarer politischer Umstände. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Keine Trendwende bei der Deutschen Bank

Die Lufthansa verkämpfte sich hoffnungslos mit ihren Gewerkschaften und türmte im Zuge des Arbeitskampfs dreistellige Millionenverluste auf. Eine kurzsichtige Tarifreform verprellte die ohnehin verärgerten Kunden zusätzlich. Auch bei der Airline ist kein Ende der Misere in Sicht. Nirgends.

Die Deutsche Bank kämpft unter ihrem neuen Chef John Cryan nach wie vor um ein glaubwürdiges Geschäftsmodell. Trotz vieler vernünftiger Ankündigungen kann man noch nicht von einer Trendwende sprechen. Die Aktie des größten deutschen Kreditinstituts setzt deshalb unter Cryan ihren Weg nach unten genauso schnell fort wie unter seinem glücklosen Vorgänger Anshu Jain. Auch bei der Deutschen Bank besteht allenfalls schwache Hoffnung auf einen Umschwung im neuen Jahr.

Am schlimmsten erwischte es 2015 jedoch ohne Zweifel den VW-Konzern, der nach seinem weltweiten Dieselbetrug auf das Trümmerfeld seiner früheren Größe und Glaubwürdigkeit blickt. Seine ganze Strategie, seine Organisation und vor allem seine Unternehmenskultur stehen in Frage. Und die Milliardenverluste, die mit diesem Annus horribilis in den nächsten Jahren einhergehen, kann nach wie vor niemand genau abschätzen.

globale Exzellenz gibt es nur selten

Neben den großen Katastrophen gab es unter den Dax-Konzernen 2015 aber auch viele kleine. Die Münchner Rück muss den öffentlichen Abschied ihres wichtigsten Aktionärs – der amerikanischen Legende Warren Buffett – verkraften. BASF und Linde mussten ihre Gewinnprognosen für die nächsten Jahre nach unten korrigieren. Bei Siemens werden einige Investoren allmählich nervös, weil sich das neue Wachstum nirgends so recht blicken lässt, das Konzernchef Joe Kaeser seit nunmehr über zwei Jahren verspricht. Und der Kali-Konzern K+S machte vor, während und nach seinem Abwehrkampf gegen eine feindliche Übernahme keine gute Figur.

Für ein gutes Drittel der Dax-30-Konzerne war 2015, wenn man etwas genauer hinschaut, kein besonders gutes Jahr oder sogar ein rabenschwarzes Jahr. Die Folgen beschäftigen uns 2016 weiter. In Zeiten verschärften Wettbewerbs und einiger heraufziehender globaler Gewitter dürfte sich das Feld der großen Konzerne weiter auseinanderziehen. Die Spreu trennt sich vom Weizen. So sehr sich die deutsche Industrie auf ihren zahllosen Veranstaltungen und Verbandstreffen auch selbst beweihräuchert: Wirklich globale Exzellenz findet man nur unter relativ wenigen deutschen Konzernen.