ReportageDas Desaster von Air Berlin

Es war abzusehen: Air Berlin hat Insolvenzantrag gestellt
Es war abzusehen: Air Berlin hat Insolvenzantrag gestellt
© Getty Images

Die Botschaft hat drei Sätze: Air Berlin stellt Insolvenzantrag. Der Bund hilft. Air Berlin fliegt planmäßig weiter. Diese Informationen erhalten seit diesem Mittag Besucher der Website von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft.

Nachdem Hauptaktionär Etihad erklärt habe, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen, sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass für Air Berlin „keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht“, teilte die Fluggesellschaft am Dienstag mit. Das Insolvenzverfahren soll in Eigenverwaltung erfolgen. Der Flugbetrieb werde fortgeführt. Die Bundesregierung unterstütze die Fluglinie dabei mit einem Übergangskredit.

Der Schritt kommt nicht überraschend. Air Berlin schreibt seit 2008 Verluste, nur 2012 gab es einen kleinen Gewinn. 2016 schloss die Fluggesellschaft mit einem Rekordverlust ab: 780 Mio. Euro. Insgesamt sitzen die Berliner auf einem Schuldenberg von 1,2 Mrd. Euro.

Bereits im März hatte Capital über die gescheiterten Pläne von Air Berlin in einer Reportage berichtet. Autor Lutz Meier  analysiert darin die Gründe, die zum heutigen Insolvenzantrag geführt haben, und die Chancen für die Lufthansa:

Das Casting

Die Zukunft wartet oben, immer noch. Erst einmal sind es nur ein paar Treppen aufwärts in einer Hotellobby am Kölner Dom. Da hat sich eine Dame aufgebaut, ihr Haar unter dem Airline-Häubchen hoch­gesteckt. „Wollen Sie zu uns?“, flötet sie eintrudelnden Frauen entgegen. Air Berlin hat an diesem Wintermorgen ein paar faltbare Empfangsschalter mitgebracht, es soll aussehen wie der Check-in am Flughafen. Seit 14 Tagen reisen die Vertreter der Personalabteilung für das „Flugbegleitercasting“ durchs Land.

Casting, das klingt nach Bewerberflut und brutalem Aussieben, aber die Wirklichkeit sieht nicht aus wie „Germany’s Next Topmodel“. Immerhin, ab und zu stöckeln ein paar junge Damen oder Jungmänner im Konfirmandendress an die Schalter. Es folgen: DIN-A4-Fragebogen, drei Interviewräume. Englisch, Geografie, Allgemeinwissen. „Was ist die Hauptstadt von Russland?“; „Wer war Helmut Kohl?“ Charlotte Freitag, 24, ist aus Dortmund herübergekommen, für sie ist der Test ein Klacks.

Es dauert keine Dreiviertelstunde, dann kommt die schmale, blonde Frau wieder herausgestakst. „Das Wichtigste zuerst“, zirpt die Personaldame und reicht ihr ein Schokoherz. Und die Zusage: Sie hat den Ausbildungsplatz, sie wird Stewardess. Ihr Traum. Bald schon fliegt sie für … – ja, für wen denn eigentlich?

Rekordverluste

Das Casting veranstaltet Air Berlin, aber bei der Airline ist es zuletzt drunter und drüber gegangen. Schon seit Jahren vermeldet Deutschlands – noch – zweitgrößte Fluggesellschaft einen Rekordverlust nach dem nächsten. Das Eigenkapital ist negativ, ohne die wiederholten Finanzspritzen des Großaktionärs Etihad wäre das Unternehmen längst bankrott. Um die 1,5 Mrd. Euro dürfte die Fluglinie aus Abu Dhabi in Air Berlin gesteckt haben, jetzt aber reicht es auch den Arabern. Und so haben sie Air Berlin nun eine radikale Schrumpfkur verordnet. Die Airline legt eine Reihe von Routen still. Seit einigen Tagen überlässt die Linie der Lufthansa 38 Flugzeuge und stellt die Crew dazu; das soll in den nächsten sechs Jahren insgesamt 1,2 Mrd. Euro in die Kasse bringen. Die verbliebenen 75 Jets sollen vor allem die Drehkreuze Düsseldorf und Berlin anfliegen – zunächst. Denn ob Air Berlin überhaupt eine eigenständige Flug­linie bleibt, ist höchst ungewiss. Einiges deutet darauf hin, dass die Lufthansa sie bald komplett unter ihre Kontrolle bringt – und so vielleicht die eigene Dauerkrise beenden kann.

Ob Charlotte Freitag also demnächst die dunkle Uniform von Air Berlin tragen kann oder die lila Kleider der Lufthansa-Tochter Eurowings (an die ein Großteil der 38 Mietjets gehen soll) oder die Uniform einer Touristikairline, von der nicht einmal der endgültige Name feststeht (und die eine Vielzahl der Flüge von Air Berlin übernehmen soll) – so genau kann man das noch nicht vorhersehen.