InnovationAicuris: Kampf gegen Viren

Aicuris entwickelt in ehemaligen Bayer-Räumen Moleküle zur Bekämpfung von InfektionskrankheitenJann Höfer

„Von einem unserer ersten Patienten kannten wir sogar das Gesicht“, erinnert sich Holger Zimmermann. Ein Erkrankter in den USA erhielt vor einigen Jahren eine völlig neue Medikation gegen eine komplizierte,  lebensbedrohliche Vireninfektion.  Alle existierenden Therapien hatten zuvor versagt. Über Wochen verfolgte ein Team weit entfernt in Deutschland, wie sich die Werte des Patienten entwickelten – und konnte jubeln: Der Erkrankte überlebte. Der Wirkstoff, damals noch in einer klinischen Testphase, stammt vom Biotech-Unternehmen Aicuris, das Zimmermann als CEO leitet.

Zimmermann und seine rund 70 Mitarbeiter bekämpfen Infektionskrankheiten. Aus diesem Geschäft haben sich in den vergangenen Jahren viele Gesundheitskonzerne zurückgezogen. Bereits 2006 stieg Bayer aus – aus der ehemaligen Forschungsabteilung entstand Aicuris. Noch heute arbeiten die Wissenschaftler in Räumen auf dem weitläufigen Werksgelände von Bayer in Wuppertal. In den Laboren werkeln Forscher und Laboranten mit Pipetten und Petrischalen. In Kühlschränken ruhen Viren und Bakterien – lahmgelegt bei minus 80 Grad.

„Wichtig ist, dass man Anfang weiß, wo man am Ende landen will“

Holger Zimmermann

Das Geschäft ist anspruchsvoll. Herkömmliche Wirkstoffe kommen gegen zahlreiche Infektionen nicht mehr an: „Medikamente, die resistenzbrechend sind, findet man nur mit wirklich innovativen Ansätzen“, sagt Zimmermann. Gegen die Krankheitserreger helfen allein speziell entwickelte und chemisch veränderte Moleküle. Im Gegensatz zu anderen Branchen, wo Prototypen teils im Tagestakt entstehen, kann es zehn Jahre und länger dauern, bis aus einer Idee ein wirksames Medikament hervorgeht.

Das geht nicht ohne einen klaren Fokus in der Forschung. „Wichtig ist, dass man Anfang weiß, wo man am Ende landen will“, sagt Zimmermann. Schließlich soll sich die teure Arbeit irgendwann auszahlen. Zum Glück kennen die Hauptinvestoren das Medizingeschäft und haben einen langen Atem: Die Brüder Thomas und Andreas Strüngmann haben mit dem Verkauf des Generika-Herstellers Hexal an Novartis mehrere Milliarden Euro verdient.

Ambitionierte Pläne und einige Erfolge

14 Jahre nach Gründung kann Aicuris einige Erfolge vorweisen: Ein neuer Wirkmechanismus gegen aggressive Herpes-Simplex-Viren befindet sich im klinischen Test. Im Erfolgsfall könnte das neue Medikament Therapien ablösen, die häufig mit schweren Nebenwirkungen verbunden sind. Bei Hepatitis B forscht die Firma an einem Viruspartikel, der eine effektive Abwehrreaktion des eigenen Körpers auslösen soll.

Bereits auf dem Markt ist der Wirkstoff gegen den Humanen Cytomegliavirus (CMV). Den trägt etwa die Hälfte der Bevölkerung in sich – lebensbedrohlich wird er bei Menschen mit nahezu ausgeschaltetem Immunsystem, etwa nach Stammzellen- oder Organtransplantationen. Das Medikament, das an dem erkrankten Amerikaner getestet wurde, ist seit 2012 an den US-Pharmakonzern Merck & Co. lizensiert – und hat Aicuris bereits mindestens 260 Mio. Euro eingebracht.

Die Pläne bleiben ambitioniert. Neben den bisherigen Feldern will sich Aicuris stärker auf dem Bereich der multiresistenten Bakterien fokussieren. Dahinter stecken Krankheitserreger, die gegen herkömmliche Antibiotika immun sind. Neben den Wirkstoffen gegen klar abgegrenzten Erkrankungen ist die Firma hier auf einem Massenmarkt unterwegs. Für den aber aus Sicht von Zimmermann noch ein tragfähiges Vergütungsmodell für innovative Medizin fehlt.

Das Team denkt daher weiter in Jahren und Dekaden. Von der ersten Idee geht es zum identifizierten Substanz, von da weiter zu ersten Tierversuchen und schließlich der Zulassung für Tests mit Menschen. „An jedem Meilenstein kann es scheitern“, weiß Zimmermann aus bitterer Erfahrung, „da muss man eine hohe Frustrationstoleranz haben.“