KonjunkturSo stemmt sich die deutsche Wirtschaft gegen den Abschwung

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Und schließlich: Ist dann vielleicht bald jener Konsens obsolet, der Deutschland all die Jahre bei aller Globalisierung anders als England, Frankreich, Amerika vor der Deindustrialisierung geschützt hat? Dass man zwar Produktion verlagerte, aber die Wertschöpfung im Inland trotzdem erhöhte. Das hieß: stabile Jobs. „Wir haben einen Verlust an Wachstumsdynamik, auf dem Spiel steht die hohe Erwerbsintegration der vergangenen Jahre“, warnt Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Es gibt nichts, was die Unsicherheit kompensiert.“ Damit spielt der Ökonom auf eine von ihm beobachtete Grundströmung an, die Unternehmen vor allem als Einnahmequelle betrachte, nicht aber als Ort, an dem Wohlstand produziert wird.

Solche Szenarien sind es, die trotz aller Analyseroutine Nervosität aufkommen lassen: die Sorge, dass aus dem drehenden Wind ein Sturm werden kann.

Auch Miele spürt den Abschwung

Bei Miele in Gütersloh sind die Gewerkschafter bereits in Alarmstimmung. Das will was heißen, denn über Jahrzehnte hat der Hausgerätehersteller große Harmonie mit der borstigen IG Metall entwickelt. Die Firma baut schon länger ein neues Werk in Polen, wo 2020 die Produktion von Waschmaschinen beginnen soll – auf Kosten des Stammwerks in Gütersloh, in dem in den nächsten Jahren mehr als 750 der 2300 Stellen gestrichen werden. Man werde das „Miele-like“ umsetzen, also möglichst ohne betriebsbedingte Kündigungen, verspricht Firmenchef Markus Miele zwar. Aber die IG Metall will nun „den Kampf aufnehmen“. Sie fürchtet, dass die Geschäftsführung die Konjunkturdelle nutzt, um mehr Produktion ins Ausland zu verschieben. Auch wenn Miele besänftigt und die heimischen Werke preist: Vielleicht beginnt ja doch jenes Umdenken, vor dem Hüther warnt, bei dem die Unternehmer dem Produktionsstandort Deutschland nicht mehr trauen.

Enger Gürtel in Gütersloh: Markus Miele streicht in seinem Waschmaschinenwerk Zulagen
Enger Gürtel in Gütersloh: Markus Miele streicht in seinem Waschmaschinenwerk Zulagen (Foto: C. Protte)

Markus Miele, einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter des Familienunternehmens, sieht jeden Tag, wie nach Jahren des Booms nun die Delle langsam bei den Normalmenschen ankommt, dass sie die Sphäre der Industriekunden längst verlassen hat. Das kann er an den Absatzzahlen für die Geräte beobachten, die auf dem Rechner in seinem verglasten Büro landen. Die sogenannte weiße Ware sei „ein Indikator, wie Märkte laufen“, sagt Miele.

In den letzten Jahren, als der Bauboom in Deutschland die Wirtschaft antrieb, profitierte auch sein Geschäft: Wenn die Deutschen mehr Häuser bauen, kaufen sie auch neue Herde, Spül- und Waschmaschinen. So wuchs das Unternehmen, das fast ein Drittel seines Umsatzes von 4,1 Mrd. Euro im Heimatmarkt macht, in den vergangenen Jahren jeweils zwischen vier und sechs Prozent.

Jetzt sei die Lage zwar noch nicht schlecht, sagt der Unternehmenschef. „Aber die Vorzeichen sind keine guten.“ Handelsstreit, Brexit, Instabilität, Frühindikatoren. „Was sich verändert hat, ist das Gefühl“, sagt Miele. Es ist ein Gefühl, bei dem man sich zweimal überlegt, ob man unbedingt eine neue Spülmaschine braucht. Die Zahlen der Statistiker und Konsumforscher zeigen zwar noch, dass die Deutschen im Privaten ungebrochen Geld ausgeben – aber die Unsicherheit hat laut Umfragen auch die Verbraucher erreicht.

Bei Miele ist im Geschäftsjahr, das Ende Juni ablief, der Umsatz in Deutschland sogar leicht geschrumpft – um 0,3 Prozent. Auch einige internationale Märkte seien „schwieriger geworden“, sagt Miele. Staubsauger für den US-Markt, die früher im chinesischen Werk in Dongguan produziert wurden, kommen wegen der Zölle mittlerweile aus Bielefeld. Solange es nicht zwischen EU und Trump wieder knallt, geht das gut. Seit Jahresanfang gilt auch bei Miele Einstellungsstopp. Sonderzahlungen sind gestrichen. Bitter für jene, die den Bonus von zehn bis 25 Prozent eines Monatsgehalts längst einrechnen.

In Lippstadt hängt eine Gewitterwolke über einem backsteinernen Industriebau. Drinnen rumpelt ein Paternoster nach oben. Man glaubt, das alte Wirtschaftswunder noch zu riechen. Markus Miele hat hier beim Autozulieferer Hella Managementerfahrungen gesammelt, bevor er 1999 in die urgroßväterliche Firma wechselte. Es hat lange Tradition, dass die Milliardärsfamilien der Region einander helfen, wenn es darum geht, ihren Nachwuchs fit zu machen.