KonjunkturSo stemmt sich die deutsche Wirtschaft gegen den Abschwung

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Ein Jahr, nachdem in Bielefeld die Auftragsverwaltung leerlief, schicken deutsche Firmen Gewinnwarnungen, nehmen die Anträge auf Kurzarbeit zu, stocken die Exporte. Noch kein Drama, aber merkbar. Und hier in der Region schon Gewissheit. Von Bielefeld aus, wo Boges Fabrikhalle an der Seite einer stillen Stadtrandsiedlung liegt, kann man einen Querschnitt der deutschen Wirtschaft in weniger als einer Stunde Autofahrt erreichen.

Viele in der Gegend sagen, dass sie den Rückgang schon seit vielen Monaten spüren. Die regionale Industrie- und Handelskammer (der Boge-Chef Meier-Scheuven vorsteht) hat in diesem Sommer eine Umfrage gemacht, in der erstmals seit Jahren mehr Chefs schlechte als gute Aussichten zu Protokoll geben.

Fast alle potenten Branchen des Landes sind in Ostwestfalen-Lippe vertreten. Über die Jahre drängten immer mehr Zuzügler in die hellbraungrauen Ansiedlungen der Region, die Hauspreise schossen nach oben. Viele der Firmen hier beliefern wie Boge neue oder modernisierte Fabriken in Asien, Amerika, Europa. Deshalb wissen Ostwestfalen manchmal früher, was läuft. Fast alle Firmen sind wie Boge Familienunternehmen.

Während der Rest des Landes mit Verzögerung der Entwicklung gewahr wird, fragen sich hier wie bundesweit die Wirtschaftsleute, ob sie mit routinierten Maßnahmen wie denen Meier-Scheuvens beherrschbar bleibt. Denn einerseits geben viele Ökonomen dem Boge-Chef recht: eine Korrektur, im Grunde gesund. „Verschnaufpause“, sagt Stefan Schneider, Chefökonom der Deutschen Bank. „Party zu Ende“, sagt Holger Schmieding, sein Kollege vom Bankhaus Berenberg. „Es ist noch keine Krise, sondern eine Abkühlung nach einem sehr langen Aufschwung“, fasst Stefan Kooths zusammen. Es sei gut, wenn die heiß laufenden Unternehmen mal die Gelegenheit erhielten, auf Normaltempo zurückzuschalten.

So haben sie es schon an der Uni gelernt. Und so erklären sie es auch Studenten: Nach Aufschwung kommt Abschwung. Unweigerlich geht es danach wieder gestärkt nach oben. Deutsche Firmen haben Routine darin. Die letzte große Krise nach dem Einbruch der Finanz- und Kreditmärkte hat das gezeigt. Beschäftigung gehalten. Den Abschwung zur Modernisierung, Qualifizierung, Optimierung genutzt. Nachher umso emsiger den Weltmarkt erobert.

So gut gerüstet dafür wie jetzt gingen die Firmen selten in den Abschwung: Das Geld bleibt voraussichtlich billig, die Bilanzen sind stabil, die Routinen eingeübt, und die Entwicklung beginnt so kontrollierbar, dass noch genug Zeit bleibt, um Strategien zu entwickeln. Wenn es doch doller kommt, wie etwa schon beim Autozulieferer Schaeffler, steht die Politik mit dem Mittel bereit, das nach allgemeiner Krisengeschichtsschreibung beim letzten Mal Elend verhindert hat: Kurzarbeit, die die Beschäftigung über die Durststrecke rettet und den Neustart erleichtert.

Ein paar monströse Risiken

Quelle: Destatis

„Nur keine Panik“: Dem Mantra zu folgen, das alle wie immer wiederholen, dafür gibt es also durchaus Gründe. Wenn es nicht ein paar monströse Risiken gäbe, deretwegen mehr auf uns zukommen könnte als ein Schulbuch-Abschwung. Handelskrieg, Chinas schwer einschätzbarer Wirtschaftskurs, der Brexit, die Zukunft von EU und Euro … Meier-Scheuven ist zwar noch nicht von US-Zöllen betroffen, aber auch er merkt, dass in Amerika seinen Maschinen immer neue Spezifikationen und Zertifikate abverlangt werden, die sie gegenüber einheimischen Produkten verteuern. In England baut er Lager auf, um die Kunden weiter zu versorgen.

Was wird aus den offenen Märkten, die Deutschland 30 Jahre lang mehr und mehr Wohlstand gebracht haben? „Man hat lange geglaubt, dass die Globalisierung nur Gewinner produziert, aber das ist nicht so“, sagt Meier-Scheuven. „Jetzt macht die Globalisierung Pause, wenn sie nicht sogar zu Ende ist.“ Das will er zwar noch nicht glauben. Aber in China hat Boge den Umzug in eine größere Fabrik erst einmal gestoppt. Er will abwarten, wie es dort weitergeht.

Das nächste Risiko liegt in der Technologieentwicklung: Digitalisierung, Plattformökonomie. Was ist, wenn die Deutschen im Zuge der Umwälzung ihre Dominanz auf den Exportmärkten verlieren, weil sie neue Entwicklungen und Technologien, zum Beispiel auch Elektroautos und die Batteriefertigung, schlechter beherrschen als andere? In diesem Fall wäre alle Optimierung, wären auch alle bekannten Kriseninstrumente nutzlos.