UnternehmenWie Anwälte und Berater an der Kettcar-Pleite verdienten

Das Kettcar war einmal der Verkaufsschlager von Kettler
Das Kettcar war einmal der Verkaufsschlager von Kettler dpa

Das Ende einer deutschen Marken­ikone passt in wenige Aktenordner. Sie stehen in der Kanzlei von Georg Kreplin in der Düsseldorfer City, am Boden hinter seinem Schreibtisch. Kreplin ist Insolvenzverwalter, seit August kümmert er sich auch um das Traditionsunternehmen Kettler. Nach drei Pleiten in vier Jahren ist das Unternehmen, das mit dem Kettcar weltberühmt und erfolgreich wurde, Mitte Oktober am Ende. 550 Beschäftigte verlieren ihren Job. Seine Vorgänger in den vorherigen Insolvenzverfahren hätten wenigstens noch eingreifen können, um Kettler zu sanieren, sagt Kreplin. „Ich bin jetzt gezwungen, das abzuwickeln, was noch übrig ist.“

Kreplin steht am Ende einer ganzen Armada von Anwälten, Unternehmensberatern und externen Managern, die bei Kettler in den vergangenen Jahren das Kommando führten. Seit dem Tod von Gründer Heinz Kettler 2005 gaben sich Dutzende von ihnen am Firmensitz im sauerländischen Ense-Parsit die Klinke in die Hand – die Crème de la Crème der Branche. Doch den Niedergang konnte keiner der vermeintlichen Sanierungsexperten stoppen.

Bei Kettler – einem jener Mittelständler, die bis heute als Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder stehen – ist in jüngerer Zeit so viel passiert, dass es als Stoff für eine Vorabendserie nicht taugen würde: zu unrealistisch. Der dramatische Unfalltod beider Kinder des Gründers. Ein bizarrer Streit in der Heinz-Kettler-Stiftung, die als Alleinerbin übernahm. Ein russischer Oligarch, der das Unternehmen 2018 kaufen wollte, aber auf den letzten Metern gestoppt wurde. Drei Insolvenzanträge. All das trug dazu bei, dass für die einst so stolze Firma die Krise zum Normalzustand wurde.

Bislang wenig beleuchtet ist der Beitrag der Unternehmensberater und Anwälte. Dabei ist der Fall Kettler auch ein Lehrstück über erfolglose Berater, die mit einer siechenden Firma viel Geld verdienen. Capital hat ihre Rolle anhand von Unterlagen und Gesprächen mit Beteiligten rekonstruiert. Demnach floss allein seit 2015 ein Betrag von fast 20 Mio. Euro an Beratungsfirmen und Kanzleien – während der Umsatz erodierte und im Jahr vor dem Aus nur noch knapp 70 Mio. Euro erreichte. Kettler sei durch die Beraterhonorare „ausgeblutet“, sagt ein Insider.

Vakuum an der Spitze

Das Drama beginnt lange, bevor Kettler zum ersten Mal in die Pleite rutscht. Schon nach der Jahrtausendwende hatte das Unternehmen, das in seinen besten Zeiten umgerechnet fast 400 Mio. Euro umsetzte, den Zenit überschritten. Zwar stimmt die Qualität bei Kettlers Fitnessgeräten, Tischtennisplatten, Gartenmöbeln und Fahrrädern. Aber das Sortiment ist zu breit, Innovationen fehlen. Und andere Hersteller lassen längst günstig in Fernost produzieren, während Kettler an seinen Werken in Westfalen festhält.

Massiv verschärft wird die Lage durch das Vakuum an der Unternehmensspitze, das der Tod des Patriarchen im Jahr 2005 schafft. Schon 1981 war sein als Nachfolger vorgesehener Sohn an den Folgen eines Autounfalls gestorben. Nun muss Heinz Kettlers Tochter Karin übernehmen, eine promovierte Biologin, die sich lange Zeit mehr für Tiere interessiert hatte als für die Firma.

Wegbegleiter wie ihr engster Vertrauter Ludger Busche berichten, die Nachfolgerin habe alles tun wollen, um das Erbe ihres Vaters zusammenzuhalten. Karin Kettler sei eine hochintelligente Frau gewesen. „Aber die Schuhe von Heinz Kettler waren für sie zu groß“, sagt Busche, der bis heute die ­profitable Kettler USA führt. Vor allem in der Sport­sparte mit Fitnessgeräten und ­Crosstrainern, dem wichtigsten Umsatzbringer, verschläft die Firma die Entwicklungen und fällt zurück.

Auf Druck der Banken ringt sich Karin Kettler dazu durch, Unternehmensberater ins Haus zu holen. 2006 schaltet sie Dr. Wieselhuber und Partner ein, eine auf Familienunternehmen spezialisierte Beratung. Danach kommt Roland Berger. 2014 beauftragt Kettler einen M&A-Experten aus Frankfurt mit ­einem Sanierungsgutachten, wenige Monate später die Kanzlei ­Noerr mit einem weiteren. Und auch nach dem ersten Insolvenz­antrag 2015 ist noch lange nicht Schluss. „Es ist unvorstellbar, wen wir alles da hatten“, sagt Busche. „Aber kein Berater hatte wirklich ­Ahnung von unserem Geschäft.“

Zur Wahrheit gehört, dass die Eigentümerin sich lange gegen die harten Schnitte wehrt, die ihr die Berater empfehlen. Die Sanierungskonzepte seien „nicht ausreichend vorangetrieben“ worden, heißt es in dem Insolvenzplan, den die von Karin Kettler geholte Kanzlei Aderhold nach der ersten Pleite im Februar 2016 vorlegt. Ein Wegbegleiter nennt es „Beraterresistenz“, andere „Sturheit“. Statt Fertigung nach Fernost zu verlagern, stopft Karin Kettler die Löcher mit eigenen Millionen.

Am Ende des Geschäftsjahrs 2014/2015 steht ein horrender Verlust von 27 Mio. Euro – bei einem Umsatz von nur noch 180 Mio. Euro. Die Commerzbank, Hausbank von Kettler, verliert das Vertrauen. Sie verkauft einen 12-Mio.-Euro-Kredit an den Finanzinvestor Carlyle, der Kettler schon länger schlucken will. Als Carlyle den Kredit dann Mitte 2015 fällig stellt und das Unternehmen ihn nicht bedienen kann, flüchtet Karin Kettler in die Insolvenz.