Anleihekaufprogramm8 Thesen zur Geldflut der EZB

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These 01: QE hat gewirkt

Selbst die schärfsten Kritiker räumen ein, die EZB-Intervention habe etwas bewirkt. So erklärte die Bundesbank, deren Präsident Jens Weidmann im EZB-Rat stets gegen das Programm gestimmt hat, die Anleihekäufe könnten einen „expansiven Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Inflation“ haben.

Und tatsächlich haben die wichtigsten Wirtschaftsindikatoren der Eurozone seit Mitte 2015 merklich angezogen. Inzwischen haben nicht nur einzelne Staaten wie Deutschland, sondern der gesamte Euroraum sogar die USA bei Wachstum und Jobaufbau überholt.

Doch schon die Frage, wie genau die Milliarden der Notenbanken gewirkt haben, schürt wieder Streit. Die Notenbanker unterscheiden mehrere „Transmissionskanäle“, durch die das Geld von den Konten der Geschäftsbanken bei den Zentralbanken (auf denen die Beträge für den Kauf der Anleihen gutgeschrieben wurden) seinen Weg in die reale Wirtschaft gefunden hat.

Der wichtigste Kanal sind die langfristigen Kreditzinsen. Mit dem Ankauf lang laufender Staatsanleihen drückten die Notenbanken das gesamte Zinsniveau massiv. Insbesondere in Spanien und Italien, wo Banken über Jahre mit neuen Krediten geknausert hatten, sanken plötzlich die Zinsen für Investitions- und Baukredite – von mehr als vier Prozent Ende 2014 auf rund zwei Prozent. So kam die Kreditvergabe wieder in Gang. Und Kredite bedeuten Investitionen, Nachfrage – und damit Wirtschaftswachstum.

Der zweite wichtige Kanal war der Wechselkurs des Euro. Schon vorauseilend zu den Anleihekäufen purzelte der Wert des Euro gegenüber dem Dollar ab Oktober 2014 von fast 1,30 Dollar je Euro auf fast eins zu eins Ende 2016. Dies verbilligte die Exporte und kurbelte so ebenfalls das Wachstum an. Es gibt noch weitere Kanäle für die Geldpolitik, ihre Wirkung ist aber – im Gegensatz zu den ersten beiden – umstritten.

These 02: Viele Sorgen haben sich nicht bewahrheitet

Was sollte Draghis Politik nicht alles anrichten! Vor allem konservative deutsche Politiker arbeiteten sich an ihm ab, etwa Bayerns Finanzminister Markus Söder: Unter dem Italiener laufe die EZB Gefahr, sich „vom Währungshüter zur Inflationsbank“ zu entwickeln. Ökonomen warnten, der Euro werde zu einer Weichwährung, QE sei ein Freifahrtschein für das Schuldenmachen, über die EZB halse sich auch Deutschland unkalkulierbare Etatrisiken auf. Und die einfachen Leute würden durch Nullzinsen und steigende Preise ausgepresst.

All diese Befürchtungen haben sich, Stand Ende 2017, nicht bewahrheitet. Die jährliche Neuverschuldung der Eurostaaten ist trotz der neuen Abnehmer für Staatsanleihen gesunken. Die Preise haben in Europa nur leicht angezogen, der Euro hat in diesem Jahr sogar deutlich aufgewertet.

These 03: Die Kollateralschäden sind groß

Wenn es einen Wirtschaftszweig gibt, der unter der Geldpolitik der EZB leidet, dann ist es ausgerechnet die Finanzbranche. Weil Banken und Versicherungen in ihrem Kerngeschäft, der Zinsspanne zwischen Leihen und Verleihen, nicht mehr viel (oder gar nichts) verdienen, geraten viele Banken und Versicherungen in massive Schwierigkeiten. Die Finanzbranche in Deutschland, wo sowohl Privatanleger wie auch Unternehmen über viel Cash verfügen, trifft dies besonders hart.

Ein zweites Großrisiko hat sich an den Partymärkten gebildet. Aufgeputscht und erschöpft vom vielen Geld der Notenbanken haben sie es aufgegeben, Risiken zu bewerten und ordentlich zu bepreisen. Alles ist irgendwie ein Kauf, die Assetpreise sind dramatisch gestiegen, selbst Hochrisikoanleihen mit einem BB-Rating („Ramsch“) werfen nur noch ungefähr so viel ab wie topgeratete US-Staatsanleihen. Solche Einstellungen kennt man noch gut, richtig: aus der Zeit vor der großen Krise 2005/2006.