Serie: Die großen Krisen

History-SerieWie eine Bankenpleite 1857 eine globale Finanzkrise auslöste

Seite: 3 von 4

Nach dem Kollaps der Ohio Life Insurance sehen alle nun genauer hin – und erkennen die Blasen und die Auswüchse der Spekulation. Plötzlich fällt auf, dass schon vorher eine Reihe von Gläubigern ausfiel. Dass in Schneeballsysteme investiert worden war. So wie etwa bei der Milwaukee and Mississippi Lines: Mit der Aussicht auf hohe Dividenden hat die Bahngesellschaft Tausende Farmer überredet, ihr Land zu beleihen und Aktien zu kaufen. Die Hypotheken verkaufte sie an Banken weiter, um in Schienen investieren zu können. Der Staat unterstützte das, indem er Land dafür auswies. Das wiederum beförderte die Grundspekulation. Und nicht nur die Spekulation, auch die Korruption grassierte.

Der Kollaps offenbart schonungslos die Schwächen des Bankensystems. Der Geldumlauf ist noch schneller gewachsen als die Edelmetallproduktion. Staatliche, halbstaatliche und private Banken befriedigen- nebeneinander den Kreditdurst einer wachsenden Wirtschaft. Allein Deutschlands Banken erhöhten zwischen 1848 und 1857 ihren Notenumlauf auf das Vierfache, obwohl sich die Einlagen nur verdoppelten. Dazu schafften die Kaufleute mit ihren Wechseln noch ein Geldsurrogat. Der Zeitgeist hieß Laisser-faire.

Karl Marx warnte zu Recht vor einer Wirtschaftskrise.
Karl Marx warnte zu Recht vor einer Wirtschaftskrise. Er selbst war ständig klamm

Aber es gab sie auch damals, die Warner, und Karl Marx war einer von ihnen. Bloß: Wer wollte schon auf einen nicht einmal 40 Jahre alten Revoluzzer mit Rauschebart hören, der aus dem Londoner Exil seinen Furor verbreitete? Die Boomjahre waren Hundejahre für Marx. Ständig fehlte es ihm und seiner Frau Jenny an Geld. Man dachte revolutionär, aber lebte bourgeois. „Schick mir einige Pfund“, verlangte Marx in unzähligen seiner Briefe an Engels – handschriftlich in seiner fast unleserlichen Klaue, durchsetzt mit einem Kauderwelsch aus Französisch und Englisch. Die Wirtschaftskrise trifft ihn nun umso härter. „Die Geldpressure ist jetzt bei mir grösser noch, wie usually, weil ich seit about 3 Wochen alles baar zahlen muß und anything like credit aufgehört hat“, klagt er Ende 1857. Engels steht bereit – auch um als Marx’ Ghostwriter in der „New York Daily Tribune“ einzuspringen. Schließlich verfolgt man ein gemeinsames Ziel: den Aufstand der Massen.

Aus ihrer Sicht lässt es sich gut an. 4000 Menschen gehen am 5. November in New York auf die Straße, 5000 marschieren am nächsten Tag zur Wall Street. Am 9. November ist das Ziel der Demonstranten die City Hall. Der Bürgermeister schickt Polizei und Soldaten. Doch er weiß, dass Gewehre allein die Verzweiflung nicht in Schach halten können. Er wird ABM-Stellen schaffen: öffentliche Beschäftigung, um Arbeitslose von der Straße zu bringen.

England trifft es zuerst

5000 Firmen bleiben bis Jahresende in den USA auf der Strecke, Börsencrash und Geldklemme haben die Realwirtschaft erfasst. Und die Krise frisst sich über den Erdkreis. Eine erste Welle der Globalisierung hat die Märkte für Arbeit, Kapital, Produkte, Finanzdienstleistungen verflochten. Wirtschaftsschranken haben sich gehoben. England ist bei der Abschaffung von Zöllen vorausgegangen. Der internationale Handel ist rasant gewachsen. Nun kann sich niemand vom Platzen der Blase oder der Rezession abkoppeln. Die Krise „ist eine Weltfrage geworden“, warnt die Frankfurter Zeitschrift „Der Aktionär“ ihre Leser. Aktien, stellt sich heraus, können auch fallen.

England, wichtigster Handelspartner und Gläubiger der USA, trifft es zuerst. Am 12. Oktober schließt im schottischen Glasgow das erste Handelshaus seine Türen. Am 27. Oktober erklärt die Borough Bank of Liverpool die Pleite. Am 9. November folgt die Western Bank of Scotland. Dann ein führendes Diskonthaus in London. So geht es weiter – bis in die Industrie. In den Hütten von Südwales etwa wird bis Jahresende jeder vierte Hochofen stillgelegt, die Löhne sinken dort um ein Fünftel. Dabei hatte schon der Boom der -Arbeiterklasse wenig gebracht: Die Löhne in Großbritannien stiegen in den 50ern um zehn bis 20 Prozent – die Brotpreise in London oder Berlin aber um rund 60 Prozent. Suppenküchen eröffnen nun in vielen Städten. Doch mancher Industrielle nutzt die Not noch aus. Die Flachsgarnspinnereien im böhmischen Riesengebirge etwa lassen statt 15 nun bis zu 18 Stunden täglich schuften.