Serie: Die großen Krisen

History-SerieWie eine Bankenpleite 1857 eine globale Finanzkrise auslöste

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Es ist das Ende – und der Beginn von weit Schlimmerem: einer Rezession, die die ganze Welt trifft. Nicht nur in Amerika, in den meisten der führenden Wirtschaftsnationen war die Konjunktur in den 50er-Jahren heiß gelaufen. „Die Menschheit war in einen wahren Taumel siegesgewissen Fortschrittsglaubens (…) gerissen worden“, schreibt der Historiker Hans Rosenberg. Die erste Gründerzeit hatte begonnen. Es war eine dieser Phasen der Wirtschaftsgeschichte, in denen jede Beschränkung überwunden scheint – und die Zukunft ohne Risiken. Vergleichbar wohl mit der Euphorie des Dotcom-Booms.

Politisch beherrschte das Vor und Zurück von Revolution und Restauration die Epoche. Die europäischen Aufstände von 1848 scheiterten, Marx wurde zum Staatenlosen, der durch Europa zog. Wirtschaftlich aber etablierte sich eine neue Ordnung: Die Industrialisierung beerbte die einstige Feudalwirtschaft und die Fixierung auf Grund und Boden. Der Kapitalismus schloss seinen Siegeszug ab, „die Wirtschaft der Welt zu erobern und zu beherrschen“, so Rosenberg. In Großbritannien arbeitete schon fast jeder Zweite in der Industrie. Im alten Europa bestimmte der Markt die Wirtschaft, genauso wie in der neuen Welt. Technische Durchbrüche wie der Dampfbetrieb ermöglichten die Massenfertigung. Die Produktivität von Kapital stieg – und damit der Anreiz, in Fabriken zu investieren.

Der Dünger stand reichlich bereit, den das System zur Entfaltung brauchte: Geld, Arbeitskraft, Nachfrage. Im Gewächshaus des Kapitalismus blühte es. Die Aktiengesellschaft war entstanden, die viele kleine Vermögen bündelt und mit geballter Kraft neue Unternehmungen wagt. Ein modernes Finanzsystem verteilte das Geld – und verdiente daran. Zwischen 1850 und 1857 verdoppelte sich die Zahl der Banken in den USA fast.

Amerika boomt

Überhaupt, die USA: Die einstige Kolonie rückte unaufhaltsam in den Mittelpunkt der Welt. Eine wahre Eisenbahnmanie war dort ausgebrochen, die Schiene fraß sich Meile um Meile ins Land. Zwischen 1848 und 1855 verdreifachte sich die Länge des europäischen und nordamerikanischen Eisenbahnnetzes: von 26.014 auf 71.519 Kilometer. Entlang der Strecken wuchsen Städte: Milwaukee, Detroit, Cleveland. Cincinnati, eben noch ein Dorf, mauserte sich zu einer Stadt mit 115.000 Einwohnern. Der lokale „Enquirer“ jubelte: „Ein besonderes Wunder.“

Aber es war kein Wunder, es war der Markt. Aus Europa strömte das Geld, viele suchten in diesen unruhigen Zeiten einen sicheren Hafen. Das New Yorker „Bankers Magazine“ berechnete 1852, dass Europäer US-Wertpapiere für 260 Mio. Dollar besaßen, vor allem Staats- und Städteanleihen. Und auch Arbeitskräfte kamen. Dank der Dampfschifffahrt schrumpfte der Atlantik zum Teich. Wer auf dem überbevölkerten alten Kontinent keine Perspektive mehr sah, wanderte aus. In Deutschland sank die Bevölkerung von 1846 bis 1857 um 1,5 Millionen.

Amerika lockte Verzweifelte, Träumer, Pioniere: Im Januar 1848 stieß der Zimmermann James W. Marshall beim Bau einer Sägemühle am American River in Kalifornien auf einen Goldnugget. Ein Rausch begann. In den paar Jahren von 1848 bis 1862 wurde weltweit halb so viel Gold produziert wie in den gesamten 350 Jahren zuvor. Im „Golden State“ Kalifornien kletterten die Vermögenswerte innerhalb eines Jahrzehnts um 838 Prozent, in Iowa um 943 Prozent. Selbst der Krimkrieg beflügelte Amerikas Aufschwung – dank der Getreideexporte: Russland lieferte kaum noch, viele europäische Bauern verdingten sich als Soldaten. Im Handel über den Atlantik fiel auch für Europa etwas ab: Es lieferte Material für Schienen, Züge, Gebrauchs- und Luxusartikel.

Die 50er-Jahre waren für die Weltwirtschaft unterm Strich ein goldenes Jahrzehnt. Doch dann geht im Kasino das Licht aus.